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24. Juni 2011, 11:25 Uhr

Panne in Fukushima

Drohne muss auf Reaktordach notlanden

Neue Panne am havarierten AKW Fukushima: Eine zur Beobachtung eingesetzte Drohne ist außer Kontrolle geraten und musste auf dem Dach von Reaktor 2 notlanden. Bei den anderen Meilern der Anlage hätte das unbemannte Fluggerät möglicherweise größeren Schaden angerichtet.

Tokio - Seit Monaten kämpfen die Arbeiter des Stromkonzerns Tepco unermüdlich auf dem AKW-Gelände Fukushima gegen das nukleare Desaster an - dennoch gleicht die Anlage weiterhin einer gespenstischen Ruine. Insgesamt sechs Reaktorblöcke gehören zu dem Werksgelände, die Reaktoren 5 und 6 stehen etwas abseits und waren bereits vor dem verheerenden Erdbeben und Tsunami vom 11. März abgeschaltet. Die Reaktoren 1 bis 4 stehen dicht beieinander in einer Reihe. Einzig und allein Reaktor 2 wirkt - von außen betrachtet - intakt. Von den anderen Gebäudehüllen ist nicht viel mehr als ein Gerippe übrig.

Es war just dieser Reaktor 2, über den nun eine Drohne flog, um die Radioaktivität zu messen. Doch plötzlich geriet das unbemannte Fluggerät außer Kontrolle - und musste eine Notlandung auf dem Dach des Reaktors machen. Wie der Kraftwerksbetreiber Tepco mitteilte, richtete der 7,7 Kilogramm schwere T-Hawk der US-Firma Honeywell offenbar keinen Schaden an. Über dem Reaktor 2 sei weder Feuer noch Rauch zu sehen, hieß es.

Trotz der Panne scheinen die Arbeiten auf dem Gelände zumindest teilweise Fortschritte zu machen: In einem Testlauf hatte die Aufbereitungsanlage etwa tausend Tonnen hochradioaktiv kontaminiertes Wasser gereinigt. Das teilte der Lieferant der Anlage, der französische Atomkonzern Areva, am Mittwoch mit, der die Anlage zusammen mit dem US-Unternehmen Kurion aufgebaut hatte.

Dabei war die Anlage nur fünf Stunden nach ihrer Inbetriebnahme am Samstag wegen eines Schadens zunächst gestoppt worden. Laut Tepco waren Bauteile von Kurion wegen des hohen Anteils an radioaktivem Cäsium in der zu behandelnden Flüssigkeit ausgefallen. Kurion nahm daher Anpassungen vor. Nach Angaben der Unternehmen soll die Anlage in der Lage sein, 50 Tonnen Wasser pro Stunde und damit 1200 Tonnen Wasser pro Tag aufzubereiten. Insgesamt 100.000 Tonnen teils hochradioaktives Wasser haben sich in den Reaktorgebäuden und Turbinen des AKW angesammelt und hindern die Arbeiter daran, die Kühlsysteme für die atomaren Brennstäbe zu reparieren.

Katastrophe verursacht 147 Milliarden Euro Schaden

Während die Tepco-Männer versuchen, die Atom-Ruine unter Kontrolle zu bekommen, gehen die Aufräumarbeiten in den betroffenen Tsunami-Gebieten ebenfalls weiter. Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht vollständig abzusehen, mehr als 23.000 Menschen starben oder gelten als vermisst. Nach den neusten Angaben der japanischen Regierung hat die Katastrophe vom 11. März direkte Kosten in Höhe von umgerechnet 147 Milliarden Euro verursacht.

Bei der Rechnung berücksichtigt wurden die Schäden an Häusern, Fabriken und der Infrastruktur wie Straßen und Brücken, wie die japanische Regierung am Freitag mitteilte. Bisher hatte die Regierung für den geschätzten Schaden einen Korridor zwischen umgerechnet 139 Milliarden bis 217 Milliarden Euro angegeben. Der nun veröffentlichte präzisere Wert beruht auf neuen Erhebungen der Schäden in den betroffenen Gebieten, insbesondere in den Präfekturen Miyagi, Iwate und Fukushima.

Nicht eingerechnet sind die indirekten Kosten der Katastrophe, die etwa durch Produktionsausfälle in der Wirtschaft entstanden. Ebenfalls nicht eingerechnet sind die Kosten, die durch die Atomkatastrophe von Fukushima entstanden sind - und noch entstehen.

Unterdessen wollen sich Russland und die Ukraine nach Angaben der EU zusammen mit fünf weiteren Ländern den Stresstests für Atomkraftwerke der Europäischen Union anschließen. Dabei soll geprüft werden, ob die Anlagen für Unfälle und Naturkatastrophen gerüstet sind. Die 27 Staaten der EU hatten sich im vergangenen Monat als Reaktion auf das nukleare Desaster in Fukushima auf die Tests verständigt. Wie die EU am Donnerstag mitteilte, beteiligen sich auch Armenien, Kroatien, die Schweiz, die Türkei und Weißrussland an dem Programm.

cib/AFP

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