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01. September 2014, 16:42 Uhr

Waldbrände in Brandenburg

Mit dem Panzer gegen die Feuersbrunst

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Brandenburg gilt als das Bundesland mit den meisten und gefährlichsten Waldbränden. Jedes Jahr brennt es Hunderte Male, auch in Gebieten mit alter Munition. Experten schlagen eine radikale Lösung vor: Panzer sollen die Feuersbrünste bekämpfen.

Johann Georg Goldammer ist immer wieder für eine Überraschung gut. Der Leiter des Global Fire Monitoring Center in Freiburg erforscht seit Jahrzehnten die Wirkung von Waldbränden auf die Umwelt. Am Montag hat er mit einer Projektgruppe ein neues Konzept vorgestellt: das Legen und Bekämpfen von Waldbränden mit Hilfe von zweckentfremdetem Militärgerät.

Das Problem ist akut, denn Brandenburg macht seinem Namen alle Ehre: Es ist Deutschlandmeister in Sachen Waldbrand. Das Flächenland ist geprägt von wenig Niederschlag, trockenen Sandböden, leicht entflammbaren Kiefernbeständen. "Jedes Jahr brennt es mehrere Hundert Mal", sagt der Waldbrandschutzbeauftragte Raimund Engel. Rund ein Drittel aller Wildfeuer Deutschlands brechen hier aus.

Brandenburgs Waldbrände sind eine doppelte Herausforderung, eine aus der Vergangenheit, eine aus der Zukunft. Erstens steigt das Brandrisiko mit dem Klimawandel an. Und zweitens liegt auf vielen alten Truppenübungsplätzen unkartierte Munition, teils aus russischen Beständen, teils sogar noch von der Wehrmacht.

Wegen der Explosionsgefahr ist die Feuerwehr angewiesen, zu Waldbränden auf alten Truppenübungsplätzen und Kampfgebieten des Zweiten Weltkriegs mindestens 1000 Meter Sicherheitsabstand zu halten. Damit ist das Löschen unmöglich. Auch die Brandbekämpfung aus der Luft kommt nicht in Frage, denn aus einem Kilometer Höhe lässt sich eine Löschladung nicht präzise platzieren. Außerdem wurden erst vor einigen Wochen die letzten Löschflugzeuge der Region ins Ausland verkauft. Es gab zu wenige Aufträge.

Mit alten Ostblock-Panzern gegen das Feuer

Jetzt hat Feuerprofessor Goldammer eine andere Lösung im Sinn: Panzer. "Wir haben alte Ostblock-Panzer getestet, die von einer Privatfirma für die Wildfeuerbekämpfung umgerüstet wurden", sagt Goldammer. "Das folgt sozusagen dem Prinzip Schwerter zu Pflugscharen."

Der tschechische Löschpanzer des Typs SPOT-55 basiert auf dem T-55 - jenem Kampfpanzer, mit dem die Sowjetarmee in den Sechziger- und Siebzigerjahren Westeuropa bedrohte. Der SPOT-55 verfügt über zwei Löschtanks mit einem Fassungsvermögen von 11.000 Litern. Um die Besatzung vor der Hitze zu schützen, kann das Fahrzeug einen feinen Wassernebel zur Kühlung versprühen. Wahlweise lässt es sich auch fernsteuern aus einer Entfernung von bis zu 1500 Metern. Das 580 PS starke und 45 Tonnen schwere Monstrum wurde 2012 zum ersten Mal zur Bekämpfung eines Waldbrands eingesetzt, als die Explosionen alter Munition den ungeschützten Feuerwehren keinen Löschangriff erlaubten.

Das Besondere an diesem Konzept ist jedoch der zweite Panzer, ein Stabsführungsfahrzeug vom Typ BMP-OT-R5 aus russischen Beständen. Diesen umgebauten Kommandopanzer benutzen Goldammer und seine Mitstreiter, um die unter Naturschutz stehende Heide mit Hilfe von Zündgeschossen aus Kaliumpermanganat und Glykol, die bis zu 70 Meter weit fliegen, in Brand zu setzen.

"Das kontrollierte Brennen ist eine altbewährte Kulturtechnik, die auch in Brandenburg wertvolle Dienste leistet", sagt Goldammer. Er vergleicht das mit dem Verabreichen einer Dosis von Medizin, um die Artenvielfalt zu erhalten: Kontrollierte Brände verhindern, dass Waldbrände außer Kontrolle geraten, denn sie verbrennen trockene, brandgefährdete Biomasse.

Von der Marine zur Brandbekämpfung

Bevor er die Feuerökologie für sich entdeckte, diente Goldammer als Kommandant von Minenjagdbooten bei der Deutschen Marine. Am Montag hat er nun mit einem vom Land Brandenburg und dem Naturschutzfonds Brandenburg geförderten Projekt die Feuerbekämpfung per Panzer vorgestellt. Zu dem zweitägigen wissenschaftlichen Symposium des Projektträgers Landkreis Teltow-Fläming sind auch Vertreter von Gemeinden, Feuerwehren und Landesministerien geladen. Am Dienstag soll der SPOT-55-Panzer im Naturschutzgebiet Heidehof-Golmberg in Aktion gezeigt werden.

Goldammers Team hat das Konzept seit 2012 auf dem Truppenübungsplatz Jüterbog-Ost erprobt. "Ein weiterer Vorteil des kontrollierten Brennens: Wir bringen so gezielt die auf der Bodenoberfläche liegende, aber durch die Vegetation verborgene Munition zur Detonation", sagt Goldammer. "Zumindest legen wir sie frei."

Überwacht werden die kontrollierten Brände mit Hilfe von ferngesteuerten Drohnen. Die unbemannten Flugzeuge könnten sogar zum Anzünden der Landschaft aus der Luft dienen.

Das Panzer-Konzept hat allerdings ein Problem: Den Gemeinden fehlt das Geld. Nun wirbt Goldammer bei den Landesministerien für sein Vorhaben - unter anderem mit einer Vorführung der beiden Panzer.

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