NSA-Überwachung Die Mathematik des Terrorverdachts

Die Spähprogramme Prism und Tempora sollen Terroranschläge verhindern helfen. Doch den US-Geheimdiensten gehen dabei zwangsläufig auch Unschuldige ins Netz. Mathematische Berechnungen zeigen: Für jeden zu Recht verdächtigten Terroristen dürften es Tausende sein.
Verheddert im Datennetz: Nicht nur Terroristen erscheinen verdächtig

Verheddert im Datennetz: Nicht nur Terroristen erscheinen verdächtig

Foto: DPA

Die meisten unbescholtenen Bürger dürften es für relativ unwahrscheinlich halten, direkt ins Visier von Terrorfahndern des US-Geheimdienstes NSA zu geraten. Doch dazu braucht es überraschend wenig - weder konspirative E-Mails noch Telefonate mit Islamisten sind dazu nötig. Es reicht ein verdächtiger Kontakt über drei Ecken, also ein Bekannter eines Bekannten eines Bekannten, um selbst durchleuchtet zu werden. Dieser Kreis kann schnell auf Millionen Menschen anwachsen. Wer zum Verdächtigen wird, entscheiden dann Algorithmen, also Computerprogramme, die nach vorher definierten Merkmalen suchen.

Unter Terrorismusverdacht fallen so immer auch Menschen, auf die die Suchkriterien zufällig passen. In der Testtheorie werden diese Fälle als falsch positive Ergebnisse bezeichnet. Prominent wurden sie bereits in der Diskussion um medizinische Vorsorgeuntersuchungen: Auch hier können Diagnosen die Falschen treffen, Angst verbreiten und unnötige Prozeduren nach sich ziehen.

Wie häufig falsch positive Resultate sind, lässt sich mit Hilfe mathematischer Formeln bestimmen. Corey Chivers, Doktorand an der McGill University im kanadischen Montreal, hat sich dem Problem nun mit diesen Methoden genähert. In einem Blog-Eintrag , der in den vergangenen Tagen von diversen US-Medien aufgegriffen wurde, nutzt er dazu den Satz von Bayes aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung - und kommt zu einem beunruhigenden Ergebnis.

Freundliche Annahmen

Mit welcher Wahrscheinlichkeit steckt in einem Verdächtigen tatsächlich ein Terrorist? Um mit dem Bayes-Theorem darauf antworten zu können, sind zunächst ein paar Grundannahmen nötig. Corey Chivers bezeichnet seine Annahmen selbst als "sehr grob" und wählte bewusst sehr optimistische Werte im Sinne der US-Behörden:

  • Wenn die Daten eines Terroristen untersucht werden, erkennt ihn die Software der Geheimdienste mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent als solchen.
  • Nur einer von hundert Unschuldigen gerät versehentlich unter Terrorismusverdacht.
  • Auf eine Million Menschen kommt ein Terrorist.

Füllt man den Satz von Bayes , eine vergleichsweise übersichtliche Formel, mit diesen Werten, dann erhält man das mickrige Ergebnis 0,0001. Anders ausgedrückt: Von rund 10.000 Zielpersonen, die von den Algorithmen der Geheimdienste als gefährlich eingestuft werden, ist nur einer ein Terrorist.

Im "Wall Street Journal"  bemängelten Kritiker, dass dieses Resultat auf Angaben basiere, die nicht verifizierbar seien. Andere, wie der Sicherheitsexperte Bruce Schneier, stellten sich auf Chivers' Seite: "Die falsch positiven Ergebnisse machen ein solches System unbrauchbar." Chivers selbst will mit seiner Berechnung ohnehin etwas Grundsätzliches demonstrieren: "Wann immer ein Ereignis sehr unwahrscheinlich ist, produzieren sogar sehr akkurate Tests falsche Ergebnisse", schreibt er in seinem Blog.

Friedensaktivisten im Gefängnis

Für die Spähprogramme Prism und Tempora bedeutet das: Wie sorgfältig die Geheimdienste ihre Suchsysteme auch gestalten, die Algorithmen werden angesichts von Millionen überprüften Menschen immer wieder auch bei Unschuldigen Alarm schlagen - möglicherweise bei Tausenden.

Das dürfte nicht nur teure, unnötige Ermittlungen nach sich ziehen, sondern hätte auch Einschränkungen von Bürgerrechten zur Folge. Wie etwa im Fall der beiden irischen Touristen, denen im vergangenen Jahr am Flughafen von Los Angeles die Einreise verweigert wurde - wegen einer flapsigen Nachricht auf Twitter. Einer der beiden hatte kurz vor dem Flug geschrieben, er werde "Amerika zerstören".

Deutlich harmloser war die Ankündigung, mit der ein 28-Jähriger aus dem Hessischen Griesheim ins Visier der Terrorfahnder geriet: Auf Facebook hatte er zu einem Spaziergang zu einer streng geheimen US-Einrichtung in seiner Nachbarschaft eingeladen - und bekam mehrfach Besuch von der Polizei.

Im US-Bundesstaat Tennessee sitzen seit Monaten drei Friedensaktivisten im Gefängnis, darunter eine 82-jährige Nonne. Sie hatten sich Zutritt zu einem Fabrikgelände für Nuklearwaffen verschafft und dort gebetet, Lieder gesungen und ein Plakat aufgehängt. Seit dem Prozess im Mai warten die betagten Pazifisten auf ihr Urteil, das im September gesprochen werden soll.

Überwachungsdaten für alle

Das Gericht begründete die Inhaftierung der drei Aktivisten auch damit, dass ihre Taten unter die Definition von Terrorismus fielen. Eine Definition, deren Umrisse sich in den Jahren seit den Anschlägen vom 11. September 2001 geweitet haben und dabei zunehmend unscharf geworden sind.

Auf dieser Grundlage werden nun also immer mehr persönliche Daten auf den Servern von Geheimdiensten gesammelt und analysiert. Dass sie dort bleiben werden, ist unwahrscheinlich. Auszüge aus dem NSA-Datenberg wurden bereits beantragt - von einem Anwalt, der seinen Mandanten mit Hilfe von Metadaten über Telefonverbindungen zu entlasten hofft.

Seinen Anspruch leitet er aus dem Beweisrecht ab: Wenn die Staatsanwaltschaft in einem Strafprozess entlastendes Material besitze, müsse sie dies an die Verteidigung übergeben. Und zum Staat gehören nun mal auch die Geheimdienste.

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