Projekt "Icarus" Wie das Internet der Tiere ins Stocken kam

Mit Minisendern ausgestattete Tiere aus dem All verfolgen und so Erkenntnisse über das Artensterben erhalten - dies ist das Ziel des deutsch-russischen Projekts "Icarus". Doch der Start verzögerte sich, wohl auch aus politischen Gründen.

Eine Amsel mit einem "Icarus"-Sender (Archivbild): Aus 400 Kilometern Höhe beobachten
MPI für Ornithologie/MaxCine/dpa

Eine Amsel mit einem "Icarus"-Sender (Archivbild): Aus 400 Kilometern Höhe beobachten

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Die beiden russischen Raumfahrer Sergej Prokopjew und Oleg Artemjew schufteten draußen, ihr deutscher Kollege Alexander Gerst überwachte die Arbeiten von drinnen. Rund sieben Stunden dauerte der Außeneinsatz am "Swesda"-Modul der Internationalen Raumstation im vergangenen August.

Am russischen Segment des Weltraumlabors sollte eine Antenne für ein weltweit bisher einmaliges Forschungsvorhaben angebracht werden. Aus dem Weltall wollten Forscher damit Bewegungen von Tieren auf der ganzen Erde aufzeichnen: von bedrohten Elefanten in afrikanischen Nationalparks über Rentiere in der russischen Arktis bis hin zu Ziegen, die an den Hängen des Vulkans Ätna auf Sizilien grasen. Selbst Schmetterlinge und Heuschrecken wollten die Forscher irgendwann aus 400 Kilometer Höhe beobachten.

Die Kosmonauten Artemjew und Prokopjew beim ISS-Außeneinsatz (am 15. August 2018)
DPA

Die Kosmonauten Artemjew und Prokopjew beim ISS-Außeneinsatz (am 15. August 2018)

So sollten Erkenntnisse gewonnen werden, die unter anderem den Kampf gegen das Artensterben voranbringen sollten, aber womöglich auch als Frühwarnsystem vor Naturkatastrophen dienen könnten. "Icarus" heißt das Vorhaben, oder ausgeschrieben: "International Cooperation for Animal Research Using Space". Doch mit der internationalen Kooperation war es zwischenzeitlich nicht mehr allzu weit her.

Monatelang passierte zumindest vordergründig gar nichts, die von den Kosmonauten Prokopjew und Artemjew eingebaute Technik wurde nicht einmal angeschaltet. Stattdessen gab es hinter den Kulissen Gezerre zwischen den Projektpartnern in Deutschland und Russland. "Icarus fliegt nicht", spottete der Berliner "Tagesspiegel".

"Es ist schwieriger geworden"

Führender Kopf hinter dem Projekt ist Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. Nun kann er vermelden, dass "Icarus" doch noch an den Start gehen soll. "Wir haben jetzt Gott sei Dank einen Anschalttermin. Es ist der 24. Juni", so der Vogelforscher. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn bestätigt den Termin, auch wenn nach dem Start noch sechs bis acht Wochen lang die Technik getestet werden müsse.

Am DLR hatte man 2014 auch den Vertrag mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos zum gemeinsamen Aufbau und Betrieb des Systems geschlossen. Die deutschen Partner verpflichteten sich, die Technik zu entwickeln und bezahlen. Die Russen waren für Transport und Installation der Antenne verantwortlich. Doch dann begannen die Probleme. "Es ist schwieriger geworden in den vergangenen zwei, drei Jahren. Man vertraut sich nicht mehr so. Die globale politische Lage schlägt sich selbst in solchen vergleichsweise kleinen Projekten nieder", sagt Forscher Wikelski.

Angst vor einem "Trojanischen Pferd"

Manch einer in Russland störte sich offenbar zum Beispiel daran, dass auf deutscher Seite auch die Universität der Bundeswehr - mit einem "kleinen Arbeitspaket", wie es der Wissenschaftler beschreibt - am Projekt beteiligt war. "Mittlerweile sind sie gar nicht mehr dabei", stellt Wikelski klar. Aber er sagt auch: "In den Reihen des russischen Militärs hat man sich womöglich vor einem 'Trojanischen Pferd' gefürchtet."

Mit vielen Gesprächen habe man die Bedenken der Russen ausräumen können, so Wikelski. Auch gibt es bei der Auswertung der Daten jetzt Änderungen am Projekt: Ursprünglich sollten die Informationen aus dem All nur in der Datenbank "Movebank" gespeichert werden. Die ist zwar frei zugänglich, aber eben in Deutschland beheimatet. Nun laufen die Informationen parallel auch in russische Systeme. So kann man dort immer mitlesen, welche Informationen gerade übermittelt werden.

Streit gab es offenbar auch um die Frage einer möglichen kommerziellen Nutzung. Bei Roskosmos, so sagen es Projektbeteiligte in Deutschland, habe man großes Interesse daran gehabt, die Dienste des Systems auch zu verkaufen.

Statt Amseln oder Nashörnern können aus dem All nämlich genausogut auch Eisenbahnwaggons oder Schiffscontainer verfolgt werden. Das könnte man sich gut bezahlen lassen. Die russische Seite habe das vor dem Start der Technik geklärt haben wollen. Die deutschen Partner hätten dagegen auf den wissenschaftlichen Charakter des Projekts bestanden.

Der Kompromiss: Nun sollen zumindest Gespräche über eine Kommerzialisierung geführt werden. Außerdem könnte in Zukunft womöglich auch ein Teil der "Icarus"-Minisender in Russland gefertigt werden, mit denen die Tiere ausgestattet werden.

Nutzung durch Militär oder Polizei per Vertrag ausgeschlossen

Im Prinzip ließen sich mit dem System natürlich auch Menschen verfolgen, die mit einem Sender ausgestattet werden. Ein international besetztes Ethikkomitee soll einen Missbrauch des "Icarus"-Systems verhindern. Eine militärische oder polizeiliche Nutzung sei auch im Kooperationsvertrag ausgeschlossen, heißt es beim DLR.

Einstweilen lassen sich ohnehin nur rund 180 Amseln mit dem System verfolgen. Sie haben von den Forschern bereits die nötigen Sender bekommen. Viele andere Tiere sollen dann nach dem offiziellen Projektstart folgen - und ebenfalls auf der Frequenz von 401 Megahertz ins All funken. Die Sendeleistung liegt jeweils nur bei fünf Milliwatt, bei WLANs wird das Zwanzigfache genutzt. Und dennoch sollen die Signale auf der Raumstation aufzufangen sein.

Durch die geringe Energie beim Senden sollen die Batterien geschont werden - damit die Tiere am besten jahrelang online bleiben. Die Forscher hoffen, dass sie so ganze Lebensgeschichten aus verschiedensten Teilen der Erde erzählen können.



insgesamt 10 Beiträge
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andre_36 29.04.2019
1.
Zitat: "Eine militärische oder polizeiliche Nutzung sei auch im Kooperationsvertrag ausgeschlossen, heißt es beim DLR." Die geplante Nutzung ist aus Sicht der Wissenschaft sehr interessant. Leider zeigt die Geschichte, dass alles was technisch möglich ist, irgendwann auch für Schweinereien genutzt wird.
braumoeller73 29.04.2019
2. Der Forschung helfen
Wer sofort etwas zur Klimarettung beitragen will, kann zum Beispiel der Forschung helfen, alte handschriftliche Wetteraufzeichnungen zu uebertragen (Luftdruck, Temperatur, Regenmenge). Citizen-Science! www.zooinverse.org
m.klagge 30.04.2019
3. Locker bleiben.
So ziemlich jeder Mensch kann auch ohne das Icarus System getrackt werden. Das Mittel dazu nennt sich Mobile oder Handy, und die Menschen tragen es freiwillig überall mit sich herum. Na gut, Al Bagdadi und seine Leute möglicherweise nicht. Und dass die Russen ernste Bedenken in Sachen Cyber-Spionage haben sollte nun wirklich niemanden wundern. Die Natp und damit auch die noch funktionierenden und nicht privatisierten Teile der BW sind in Sachen vertrauensbildende Maßnahmen völlig auf den Hund gekommen.
t_mcmillan 30.04.2019
4.
Lasst doch die Tiere in Ruhe. Erkenntnis hin oder her. Naturkatastrophen vorhersagen? Es geht wieder nur um uns. Was "sonstige" Nutzung angeht: Es wurde schon immer gemacht, was gemacht werden konnte. Vertraglich ausgeschlossen? Soll ich jetzt lachen? Oder doch eher heulen?
hegoat 30.04.2019
5.
Wenn die Daten öffentlich sind, wird das ein Fest für Wilderer und Walfänger, sobald die entsprechenden Tiere mit dem Sendern ausgestattet sind. Da mache ich mir um eine zukünftige eventuelle polizeiliche Nutzung weniger Sorgen. Um Peilsender anzubringen, gibt's nämlich bereits jetzt gesetzliche Voraussetzungen, die einzuhalten sind. Einfach mal nachlesen, bevor hier der Polizeistaat beschworen wird.
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