Radioaktivität im Meer "Wir können dort für Jahre nicht fischen"

Die Katastrophe am AKW Fukushima bedroht die Existenz von Japans Fischern und macht ihren Kunden Angst. Solange Tepco die Lecks nicht stopfen kann, strömen Unmengen radioaktives Wasser in den Ozean. Regierung und Experten geben zwar Entwarnung - doch das dürfte der Branche kaum helfen.

Von Cinthia Briseño


Ichiro Yamagatas Broterwerb kam aus dem Pazifik. Der Japaner gehört zu jenen Personen, die Haus und Hof verlassen mussten, um sich vor den Gefahren der Strahlung in Sicherheit zu bringen. Yamagata lebte in Sichtweite des havarierten AKW Fukushima I. Dort fuhr er fast täglich auf das offene Meer hinaus, um Fisch zu fangen und ihn zu verkaufen. Jetzt ist der Fischer nach Tokio geflüchtet und wartet wie rund 77.000 andere Menschen, die die Evakuierungszone ebenfalls verlassen mussten, darauf, irgendwann wieder nach Hause zurückkehren zu können. Optimistisch ist Yamagata nicht: "Wir können dort wahrscheinlich für mehrere Jahre nicht mehr fischen."

Während sich der japanische Fischer in Geduld üben muss, strömen aus dem havarierten AKW Fukushima seit Tagen Unmengen an radioaktivem Wasser in den Pazifik. Teils werden sie, aus Mangel an Auffangbecken, kontrolliert vom Betreiber Tepco hineingepumpt, teils finden sie selbst ihren Weg durch Risse, Lecks und Schächte ins Meer. Was die Menschen zu hören bekommen, klingt beunruhigend: Am Montag habe der Anteil von radioaktivem Jod 131 im Meerwasser unweit der Atom-Ruine den gesetzlichen Grenzwerten 7,5-Millionen-mal übertroffen, teilte Tepco mit.

Derweil beteuern Betreiber und Regierung, dass sich die Radioaktivität im Meerwasser schnell verdünnen würde und keine unmittelbare Gefahr für die Umwelt darstelle. Tepco hat es für die Bevölkerung ausgerechnet. Selbst wenn sich ein Mensch dort täglich von Fisch ernähren würde: die radioaktive Belastung würde für ihn lediglich um 0,6 Millisievert pro Jahr ansteigen. Dabei sind Japaner im Durchschnitt einer natürlichen Strahlenbelastung von 2,4 Millisievert ausgesetzt.

Doch solche Entwarnungen hält Yamagata für zwecklos: "Selbst wenn die Regierung sagt, dass Fisch sicher ist, werden die Leute keine Meeresfrüchte aus Fukushima kaufen", sagt er.

Jetzt hat Japan auf die Sorgen der Bevölkerung reagiert - und erstmals eine Obergrenze für die radioaktive Belastung von Fisch durch Jod 131 erlassen. Zuvor waren bereits Berichte aufgetaucht, nach denen sich Radioaktivität bereits in den Fischen vor der Küste Fukushimas angereichert hätte. Insbesondere Jod 131 und Cäsium 137 seien in den Fischen nachweisbar. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag verkündete Regierungssprecher Yukio Edano die neuen Grenzwerte. Für Fisch und Meeresfrüchte gelten nun die gleichen Jod-131-Grenzwerte wie für Gemüse: 2000 Becquerel pro Kilogramm. Die gleichen Werte gelten auch in Deutschland.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
Allerdings gibt es auch Skeptiker. Yoichi Enokida, Professor für Materialwissenschaft an der Nagoya Universität warnt davor, die Langzeitfolgen zu vernachlässigen. Zwar könne sich das Jod im Meerwasser verteilen und zerfalle auch schnell, anders verhalte es sich aber mit dem Radionuklid Cäsium 137. Das radioaktive Element hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Aus Tschernobyl kennt man die Folgen: In Deutschland werden mit Cäsium belastete Lebensmittel wie Pilze und Wildschweinfleisch noch heute in Teilen aus dem Verkehr gezogen, weil sie die zugelassenen Grenzwerte überschreiten. Die Langzeitfolgen müssten deshalb noch untersucht werden, sagt Enokida. "Es ist extrem wichtig, so schnell wie möglich den Ausfluss von kontaminiertem Wasser zu stoppen."

Auf solche Untersuchungen werden die Fischer an der Ostküste Japans aber vermutlich nicht warten können. Insgesamt exportiert das Land jährlich Fischwaren im Wert von 2,4 Milliarden Dollar in die ganze Welt. Und auch im eigenen Land ist die Nachfrage nach Sushi & Co. riesig. Die Sorgen über radioaktiv belasteten Fisch könnte bald auch in Japan zu enormen Umsatzeinbußen im Fischhandel führen.

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Kampf gegen die Wassermassen: Projekt "Megafloat"
Solange radioaktive Partikel ins Meer gelangen, wird es sich nicht vermeiden lassen, dass sie sich rund um den Globus verteilen. Die Konzentrationen sind zwar verschwindend gering und bedeuten nach Auffassung der Experten keinerlei Gefährdung für die Gesundheit. Nachweisen können aber Wissenschaftler bereits vielerorts die strahlenden Spuren aus Fukushima. In Deutschland und in der EU bereitet man sich darauf vor. Hierzulande hatte man bereits zusätzliche eigene Prüfungen der Fänge aus der Beringsee angekündigt - noch vor dem Zoll. "Wir müssen keine Angst haben, dass wir demnächst radioaktiven Fisch auf den Tisch bekommen", sagt Günther Kanisch. Er ist Fischereiökologe am Heinrich-von-Thünen-Bundesinstitut in Hamburg.

Neue Grenzwerte auch für die EU

Derweil versucht man auch EU-weit das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen: So hat die EU am Dienstag schärfere Grenzwerte für Lebensmittel aus Japan angekündigt. Die europäischen Strahlengrenzwerte für Nahrungs- und Futtermittel sollen dazu an die strengeren japanischen angepasst werden.

"Ich möchte aber betonen, dass es sich hierbei nur um eine vorbeugende Maßnahme handelt", sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Straßburg vor dem Europaparlament. Ziel sei es, einheitliche Standards für alle EU-Lebensmittelimporte zu schaffen. Eine Hintertür hält man sich in Straßburg aber offen: Die strengeren Grenzwerte sollen vorübergehend gelten, bis wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass sie nicht mehr notwendig sind. Im Übrigen sei die Menge der aus Japan eingeführten Lebensmittel "vernachlässigbar". Die EU importiere aus dem asiatischen Land jährlich Nahrungsmittel im Wert von 260 Millionen Euro. Dies seien lediglich 0,1 Prozent aller Lebensmittelimporte.

Am kommenden Freitag will die Kommission ihren Änderungsantrag beim Ständigen Ausschuss für die Lebensmittelkette und Tiergesundheit einreichen. Schon in der kommenden Woche könnten die schärferen Grenzwerte dann in Kraft treten. Zuvor hatte es hierzulande heftige Debatten gegeben. Denn in einer EU-Eilverordnung wurden neue Grenzwerte in Kraft gesetzt, die höher sind als jene, die für Lebensmittel gelten, die durch die Folgen von Tschernobyl radioaktiv belastet sind.

Auch wenn das Gebiet rund um das AKW Fukushima kein bedeutendes Fischfanggebiet ist; die Fischer in der Präfektur Fukushima sind frustriert und fürchten, dass die Nachfragen einbrechen werden. Tetsu Nozaki, Chef des lokalen Fischereiverbands, sagt: "Unsere Fischer haben ihr Leben, ihre Fischerboote, ihre Molen und ihre Fischerhäuser verloren." Die Folgen des gewaltigen Erdbebens und des Tsunamis seien schlimm genug, doch jetzt müssten sie auch noch die Konsequenzen aus dem Atom-Desaster tragen.

Mitarbeit: Rosa Vollmer, mit Material von dpa und AP

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Seite 1
wohlmein 05.04.2011
1. Oje
Zitat von sysopDie Katastrophe am AKW Fukushima bedroht die Existenz von Japans Fischern und macht ihren Kunden Angst. Solange Tepco die Lecks nicht stopfen kann, strömen Unmengen radioaktives Wasser in den Ozean. Regierung und Experten geben zwar Entwarnung - doch das dürfte der Branche kaum helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,755214,00.html
Die armen, gebeutelten Menschen. "Außerdem ist die Rede von einem Zaun, der im Meer vor Fukushima verhindern soll, dass sich vergiftetes Wasser unkontrolliert im Pazifik ausbreitet." Hier hat sich wohl der Übersetzungsteufel eingeschlichen?
atzigen 05.04.2011
2. Diletantismus
Das ganze vermittelt vor allem Eines. Beispiellos grenzenlosen Diletantismuss. Die Scheissschmelze gehört vor Ort in den Untergrund Notentsorgt und nicht bis zum letzten Strahlenpartikel in den Pazifik gespühlt.
Harald Lennartson 05.04.2011
3. Das werden wohl eher Jahrzehnte oder ...
Zitat von sysopDie Katastrophe am AKW Fukushima bedroht die Existenz von Japans Fischern und macht ihren Kunden Angst. Solange Tepco die Lecks nicht stopfen kann, strömen Unmengen radioaktives Wasser in den Ozean. Regierung und Experten geben zwar Entwarnung - doch das dürfte der Branche kaum helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,755214,00.html
... noch mehr werden: http://www.br-online.de/aktuell/bayern-25-jahre-nach-tschernobyl-DID1301314188697/kernenergie-tschernobyl-bayern-ID1300698738756.xml 25 Jahre nach Tschernobyl strahlen bei uns in Deutschland noch immer die Wildschweine. Und nun freue ich mich auf den ersten klugscheißenden Atomdummie, der uns erklärt, wie ungefährlich das alles ist. Und den bitte ich dann, vor Fukushima angeln zu fahren UND den Fang dann auch selbst zu futtern. Alternativ geht auch eine Wildschweinjagd in Bayern ... anschließend gibt es den Braten auf Pilzen ... legger!
ogs 05.04.2011
4. X
Zitat von atzigenDas ganze vermittelt vor allem Eines. Beispiellos grenzenlosen Diletantismuss. Die Scheissschmelze gehört vor Ort in den Untergrund Notentsorgt und nicht bis zum letzten Strahlenpartikel in den Pazifik gespühlt.
Klingt vernünftig und durchdacht. Wie genau könnte man denn ein derart gewaltig großes Loch in so kurzer Zeit (und wasserdicht) graben?
systemmirror 05.04.2011
5. Man muß sich fragen...
ob der deutsche Wetterdienst mittlerweile auch schon einen Maulkorb hat. Komischerweise werden immer dieselben Grafiken veröffentlicht, nachdem sich der Wind immer kurz vor Tokio dreht. Aktuelle Satellitenbilder sind derzeit nicht zu erreichen. Die Gesendeten sind alt und mit neuem Datum versehen oder garnicht zu erreichen. Wenn selbst in Vancouver schon radioaktives Wasser zu messen ist, kann man sich die Meßmethoden dieser Dilletanten vorstellen. Von der japanischen Zensur mal abgesehen. ....wer wohl Böses dabei denkt ?
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