Nach Fukushima Japan produziert wieder Atomstrom

Ein Reaktor im Atomkraftwerk Oi produziert wieder Strom. In einer umstrittenen Aktion hat Japan zum ersten Mal seit März 2011 wieder einen Meiler hochgefahren. Ein Untersuchungsbericht kritisiert derweil, der Unfall in Fukushima sei vorhersehbar und vermeidbar gewesen.
Techniker im Kraftwerk Oi (am 1. Juli 2012): Wiederanfahren aus Angst vor Stromausfällen

Techniker im Kraftwerk Oi (am 1. Juli 2012): Wiederanfahren aus Angst vor Stromausfällen

Foto: AFP / JIJI PRESS

Tokio - Gut 15 Monate ist die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima nun her - und seit Donnerstag produziert Japan wieder Atomstrom. Der Reaktor 3 im Atomkraftwerk Oi habe um 7 Uhr Ortszeit wieder mit der Erzeugung von Strom begonnen, gab der Betreiberkonzern Kansai Electric bekannt.

Es ist das erste Mal seit der Atomkatastrophe, dass Japan wieder einen Reaktor hochgefahren hat. Gegen die Entscheidung der Regierung war es zu für Japan beispiellosen Anti-Atom-Demonstrationen gekommen. Kurz vor dem Wiederanfahren des Reaktors in Oi gingen in Tokio mehr als 150.000 Menschen auf die Straße.

Bis zum Unglück in Fukushima deckten Atomkraftwerke in Japan rund 30 Prozent des Strombedarfs. Zuletzt waren alle 50 Meiler abgeschaltet, weil Reaktoren in weiter entfernten Gebieten wegen technischen Wartungsarbeiten vom Netz gehen mussten.

Die umliegenden Gemeinden und Provinzregierungen hatten ein Wiederanfahren der Reaktoren zunächst abgelehnt - aus Sorge um ihre Sicherheit. Doch angesichts der wiederholten Warnungen der Atomindustrie und der Regierung in Tokio vor drohenden Stromausfällen in der Industrieregion Osaka gaben sie ihren Widerstand auf.

Regierungschef Noda entschied, die Reaktoren 3 und 4 im Kraftwerk Oi nach Sicherheitsüberprüfungen wieder anzufahren. Man werde die Produktion im Reaktor 3 erhöhen und voraussichtlich ab kommenden Montag wieder mit voller Kapazität Strom erzeugen, hieß es. Reaktor 4 werde dann voraussichtlich am 18. Juli hochgefahren.

Das Wiederanfahren des 1,18 Millionen-Kilowatt-Reaktors Nummer 3 wird den im Hochsommer bei Kansai Electric erwarteten Strommangel in der Region um die Industriestadt Osaka verringern, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Kritiker warnen jedoch vor der Gefahr erneuter schwerer Erdbeben. Zudem sei das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bis heute nicht unter Kontrolle. Die Regierung sei in der Lage, eine nochmalige Katastrophe wie in Fukushima zu verhindern, versicherte indes Regierungschef Noda. Kritiker bezweifeln das jedoch.

Kungeleien zwischen Regierung, Atomaufsicht und Tepco beklagt

Ohnehin, was nützen theoretische Sicherheiten? Ein Untersuchungsausschuss des japanischen Parlaments kam am Donnerstag zu dem Schluss, dass die Katastrophe in Fukushima vermeidbar gewesen wäre. In einem offiziellen Untersuchungsbericht heißt es, die Katastrophe am 11. März 2011 sei zwar vom Erdbeben und Tsunami ausgelöst worden. Dennoch könne "der folgende Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi (...) nicht als ein Naturdesaster angesehen werden. Es war ein schwerwiegendes Desaster von Menschenhand". Der Unfall sei vorhersehbar und vermeidbar gewesen. Die Auswirkungen hätten zudem durch effektivere Maßnahmen verringert werden können.

Die Katastrophe sei das Ergebnis der Kungeleien zwischen der Regierung, der Atomaufsicht und Tepco, so die Kommission. Obwohl allen das Risiko bekanntgewesen sei und man gewusst habe, dass das AKW nicht den Sicherheitsanforderungen entspreche und einem solchen Erdbeben und Tsunami nicht standhalten konnte, sei nichts unternommen worden.

Schwere Vorwürfe erhob die Kommission zudem gegen Tepco: Der Betreiber habe seine Mitarbeiter weder ausreichend auf Unfälle vorbereitet und geschult, noch habe es ausreichend klare Anweisungen vor Ort zum Zeitpunkt der Katastrophe gegeben.

Die Situation habe sich danach auch deshalb weiter verschlimmert, weil das Krisensystem der Zentralregierung in Tokio und der betroffenen Behörden versagt habe, heißt es in dem Bericht weiter. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten und Aufgaben seien unklar gewesen. Zudem hätten es die Aufsichtsbehörden jahrelang versäumt, geeignete Maßnahmen für solche Krisenfälle einzuführen, was zu dem Chaos bei der anschließenden Evakuierung der betroffenen Menschen beigetragen habe.

So seien viele Anwohner erst spät über den Unfall informiert worden, andere seien in Gebiete evakuiert worden, die stärker verstrahlt waren als ihre Heimatorte. "Die Zentralregierung war nicht nur langsam bei der Informierung der örtlichen Regierungen über den Unfall, sondern versäumte es auch, die Schwere des Unfalls zu vermitteln", urteilte die Untersuchungskommission.

chs/dpa
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