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Reaktor in Fukushima Wie es zur Kernschmelze kommt

Eine Explosion hat das japanische Atomkraftwerk Fukushima 1 zerstört - jetzt droht der größte anzunehmende Unfall: eine Kernschmelze. Dabei frisst sich eine radioaktive Masse durch die Wände des AKW.

Hamburg - Japan hat den nuklearen Notfall ausgerufen, es droht eine Katastrophe wie 1986 in Tschernobyl. Radioaktive Substanzen könnten in großer Menge aus dem Meiler Nummer 1 im Kraftwerk Fukushima-Daiichi in die Umwelt gelangen; sie schädigen menschliche Zellen, können Krebs und andere Krankheiten verursachen.

Der größte anzunehmende Unfall eines Atomkraftwerkes, der GAU, ist eine Kernschmelze. Dabei kommt es zu folgendem Horrorszenario:

  • Die Brennstäbe erhitzten sich so sehr, dass sie zerlaufen. Die Brennstäbe liefern eigentlich die Atomenergie, sie enthalten Uran und Plutonium, deren radioaktiver Zerfall Energie erzeugt.
  • Bei einer Kernschmelze sinkt die geschmolzene Masse zu Boden. Sie kann sich durch die Betonwände des Reaktors fressen; mehrere Barrieren sollen das verhindern.
  • Damit würde die Radioaktivität ungebremst in die Umwelt gelangen.

Um diesen GAU zu verhindern, sind die AKW mit extremen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Der betroffene Block Fukushima-Daiichi ist zwar schon 1971 ans Netz gegangen, genügt aber strengen Vorschriften: Eine doppelte Betonkuppel schützt die Anlagen, Kühlwasser verhindert Überhitzung. Erdbeben und Tsunamis im Norden Japans jedoch haben die Kühlwasserzufuhr in Atomkraftwerk Fukushima offenbar unterbrochen.

Auch ein zweiter Reaktor der Anlage Fukushima-Daiichi, die aus insgesamt sechs Meilern besteht, ist beschädigt. Probleme mit der Kühlung gab es auch im benachbarten Atomkraftwerk Fukushima-Daini.

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Tsunami-Folgen: Explosion in Kernkraftwerk

Foto: AP/ NTV Japan via APTN

Die internationale Atombehörde IAEA erklärte, der Tsunami habe die Dieselgeneratoren beschädigt, die das Kühlsystem am Laufen hielten. Zunächst hatte es anscheinend einen Stromausfall gegeben, woraufhin sich die Turbinen und Reaktoren an drei der sechs Blöcke des Atomkraftwerks schalteten sich ab. "Der Stromausfall führte zu einer der gefährlichsten Situationen, die ein Atomkraftwerk treffen kann - ein Station-Blackout - bei dem sowohl die Stromversorgung von außerhalb als auch die Notsysteme nicht mehr funktionieren", schreiben die Wissenschaftler der Organisation "Union of Concerned Scientists" (UCS).

Auch Notstromaggregate fielen aus, so dass eigens neue Batterien angeschlossen werden mussten. Das Kraftwerk Fukushima I könne eine Weile auch ohne Stromzufuhr arbeiten, weil der Reaktorkern durch Dampf gekühlt wird, der nicht mit Strom generiert wird, schreiben die Wissenschaftler. Allerdings sind dafür zumindest Batterien nötig, um die Ventile zu steuern. Wenn die Batterien leerlaufen, liefert das System kein Kühlwasser mehr an den Reaktorkern. Nach einem Bericht der Wirtschaftsagentur Bloomberg haben die Batterien acht Stunden Laufzeit. Die Behörden hätten daher sechs zusätzliche Batteriesätze organisiert, die zu dem Atomkraftwerk gebracht werden sollten.

Dennoch stieg die Temperatur im AKW über 100 Grad. Um die Hitze zu lindern, wurde Dampf aus dem Kraftwerk gelassen, womöglich war er radioaktiv belastet, in der Gegend wurde erhöhte Strahlung gemessen.

Die Notmaßnahmen haben offenbar nichts genützt: Der Reaktor scheint sich unkontrolliert aufgeheizt zu haben. Im Block 1 des AKW Fukushima ereigneten sich Explosionen, Gebäudeteile stürzten ein. Die Explosionen könnten Zeichen einer Kernschmelze sein, der Experten zufolge Dampf- und Wasserstoffexplosionen vorausgehen. In dem Kraftwerk sei eine Kernschmelze möglich, hatte ein Vertreter der japanischen Atomaufsichtsbehörde, Ryohei Shiomi, erklärt.

Die Witterung bestimmt schließlich, wohin die gefährlichen Partikel gelangen. Derzeit weht in der Katastrophenregion Wetterkarten zufolge eine leichte Brise die Partikel nach Nordosten aufs Meer. Die Folgen des Reaktorunfalls können auch Experten derzeit nicht abschätzen.

Die Stufen der INES-Skala

boj
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