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25. Oktober 2014, 14:36 Uhr

Rekordsprung von Alan Eustace

Aus heiterem Himmel

Der 57-jährige Alan Eustace hat die Welt mit einem Rekordsprung aus der Stratosphäre überrascht. Der vom Thron verdrängte Felix Baumgartner hat bereits demütig gratuliert. Doch wer ist der neue König der Lüfte, der den Spaß aus eigener Tasche zahlte?

Roswell - Und plötzlich war da ein Rekord, ein Mann, der höher stieg und tiefer fiel als je ein Mensch vor ihm. Der aus dem Nichts auftauchte und Felix Baumgartners Höhenrekord scheinbar mühelos übertrumpfte. Doch wer ist der Mann, der nahezu heimlich vom Himmel fiel?

Robert Alan Eustace, 57 Jahre alt, geboren in Orlando im US-Bundesstaat Florida, promovierte im Bereich Computerwissenschaften an der Universität von Zentral-Florida und arbeitete für große Computerunternehmen wie Hewlett-Packard, bevor er 2002 beim Internetriesen Google anfing. Zunächst kümmerte er sich um den technischen Bereich, bevor er schließlich Entwicklungschef wurde. Eustace sehe sich in erster Linie als Ingenieur mit großer Begeisterung für Teamwork, berichtet die "New York Times".

Im Silicon Valley habe er allerdings den Ruf als Abenteurer, als jemand der den Kick sucht. Seit 25 Jahren ist Eustace Pilot, dem Blatt zufolge besitzt er eine eigene zweimotorige Cessna. Sein Interesse für die Luft- und Raumfahrt habe er schon während seiner Kindheit in den Sechzigern und Siebzigern entwickelt. Damals habe er sich mit seiner Familie in einen Kombi gequetscht, sie seien zum Raketenstartgelände der U.S. Air Force am Cape Canaveral gefahren, wo sie aus der Ferne die Starts beobachteten. Ein weiteres Hobby: Fallschirmspringen. Natürlich.

Der Tag begann um Mitternacht

Drei Jahre arbeitete Eustace mit dem Team der Paragon Space Development Corporation zusammen, um seinen Stratosphären-Sprung zu realisieren. Für seinen Sprung entwickelten die Experten einen Spezialanzug, ähnlich den Modellen von Astronauten, der es ihm erlaubte, während des Aufstiegs und des Falls reinen Sauerstoff zu atmen.

Am frühen Freitagmorgen (Ortszeit) war es dann in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico so weit. Dem Unternehmen zufolge war Eustace bereits lange vor dem Aufstieg auf den Beinen. Vier Stunden habe er reinen Sauerstoff eingeatmet, um den Stickstoff aus seinem Blut zu filtern. "Tatsächlich hat der Tag für das gesamte Team bereits um Mitternacht begonnen", heißt es in einem Protokoll der Firma.

Die Crew habe den Ablauf überprüft, den Anzug und weitere Systeme für den Einsatz vorbereitet und auf ihre Funktionstüchtigkeit kontrolliert. Die Einsatzleitung koordinierte den Ablauf, briefte ein letztes Mal die Piloten der Helikopter und Einsatzkräfte entlang der wahrscheinlichen Flugbahn. Dann wurde Eustace in seinem Anzug in Startposition gebracht. Die Einsatzleitung prüfte Wind und Wetter, dann gab sie das Go, Helium in den Ballon zu füllen.

"Es war wunderschön"

Der aufgeblasene Ballon wurde gesichert, Eustace wurde an einem Modul unterhalb des Ballons befestigt, und der Aufstieg begann. Mit rund 305 Metern pro Minute stieg der 57-Jährige hinauf. Zweieinhalb Stunden später hatte er die Rekordhöhe erreicht: 41.000 Meter, oberster Rand der Stratosphäre.

Eine halbe Stunde baumelte er in seinem Spezialanzug unter dem Ballon. Dann machte er sich los, stürzte hinab, fünf Minuten lang, so schnell, dass er die Schallmauer durchbrach. Er selbst habe den Knall nicht gehört, als er schneller als der Schall der Erde entgegenfiel, sagte Eustace der "New York Times". Dann öffnete sich sein Fallschirm, Eustace segelte weitere zehn Minuten der Erde entgegen. "Es war wunderschön. Man konnte die Dunkelheit des Weltraums und die Schichten der Atmosphäre sehen", sagte Eustace nach seiner Landung.

James Hayhurst, Direktor des US-Fallschirmspringerverbands, bezeichnete Eustaces Aktion als "legitime Wissenschaft". Welchen Wert der Sprung für die Forschung hat, ist aber noch offen: Eustace machte noch keine Angaben darüber, ob wissenschaftliche Daten gesammelt wurden - und falls ja, welche. Baumgartners Sprung lieferte durchaus einige Erkenntnisse, da er viele unbeantwortete Fragen beantworten half - etwa, was mit dem menschlichen Körper bei extremer Beschleunigung und beim Durchbrechen der Schallmauer ohne Flugzeug geschieht. Die Daten könnten auch helfen, Raumanzüge zu verbessern und Notfallausstiege aus Flugzeugen in großer Höhe sicherer zu machen.

Sympathie in den sozialen Netzwerken erntete Eustace durch seine Zurückhaltung bei der Vermarktung des Sprungs. Ganz ohne Red Bull - das ist der allgemeine Tenor. Der Energydrink-Hersteller hatte Baumgartners Sprung damals bis ins kleinste Detail vermarktet.

Baumgartner gratuliert

Nach eigener Aussage ließ sich Eustace auch nicht von seinem Arbeitgeber Google unterstützen. Zumindest finanziell scheint Eustace das auch nicht zu brauchen. Laut "Forbes" verdiente er allein im Jahr 2010 mehr als zwölf Millionen Dollar.

Baumgartner reagierte sportlich: Der 45-Jährige gratulierte Eustace auf seiner Facebook-Seite. "Gratuliere, Alan! Es braucht jede Menge Mut dafür. Niemand weiß das besser als Joe Kittinger und ich." Ein kleiner Trost bleibt dem Extremsportler. Eustace übertrumpfte ihn zwar, was die Höhe seines Fall betraf. Mit einer Geschwindigkeit von 1322,9 Kilometern pro Stunde im freien Fall war er jedoch etwas langsamer als Baumgartner, der damals 1357,6 Kilometer pro Stunde erreicht hatte.

Lesen Sie hier, für welche Schlagzeilen Felix Baumgartner nach seinem Rekordsprung gesorgt hat.

gam

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