Klimaschutztechnik Vattenfall gibt CCS-Forschung weitgehend auf

Zu langwierig, zu teuer: Vattenfall gibt seine Forschung zur Abtrennung und Speicherung von CO2 weitgehend auf. Die Erkenntnisse, die in Deutschland gewonnen wurden, sollen nun in Kanada weiter genutzt werden.
Vattenfall-Braunkohletagebau Welzow (April 2014): Unternehmen zieht sich weitgehend aus CCS-Forschung zurück

Vattenfall-Braunkohletagebau Welzow (April 2014): Unternehmen zieht sich weitgehend aus CCS-Forschung zurück

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Der Energiekonzern Vattenfall verabschiedet sich zu großen Teilen von der Forschung an der sogenannten CCS-Technologie, bei der es um Abtrennung und Speicherung des Klimagases CO2 im Boden geht. Die Firma begründet das mit "schwierigen Marktbedingungen" im Energiesektor und dadurch zurückgehende Unternehmensgewinne.

Vattenfall-Manager Karl Bergman erklärte in einer Mitteilung , man wolle das Forschungsportfolio so ausrichten, dass die Projekte schneller zur Geschäftsentwicklung in den kommenden Jahren beitragen solle - und CCS gehört dabei offenbar nicht mehr ernsthaft dazu.

Vattenfall hatte in Deutschland mehr als zehn Jahre an CCS geforscht, vor allem am sogenannten Oxyfuel-Verfahren. Dabei wird Kohle in einer speziellen Atmosphäre aus Sauerstoff und Rauchgas verbrannt. Aus der deutschen Firmenzentrale in Berlin hieß es auf Anfrage, die nun verkündete Entscheidung zum Rückzug aus der CCS-Forschung betreffe nur die Konzernabteilung "Projekte". Dort seien "viele, aber nicht alle" Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten angesiedelt.

Die Abteilung Braunkohle befasse sich weiter mit der CO2-Abtrennung und -Speicherung. Allerdings wird die CCS-Pilotanlage Schwarze Pumpe Ende Juli außer Betrieb genommen. Sie sollte Erkenntnisse für ein Demonstrationskraftwerk am Standort Jänschwalde liefern - das aber nicht gebaut wird.

"Unverzichtbare technologische Option"

CCS ist für die Betreiber teuer, weil es den Wirkungsgrad von Kraftwerken verschlechtert. Außerdem gibt es Widerstand in der Bevölkerung gegen die Speicherung von CO2 im Boden. Andererseits könnte die Technologie im weltweiten Maßstab interessant für den Klimaschutz sein - jedenfalls aus Sicht des Weltklimarats IPCC. Ottmar Edenhofer, Co-Chef der dritten IPCC-Arbeitsgruppe, sieht CCS als "unverzichtbare technologische Option". Allerdings blieben Unsicherheiten und Kostenrisiken. Doch wohl nur mit CCS, so die Klimaexperten, lasse sich das Ziel sinkender CO2-Emissionen überhaupt mit dem steigenden Energieverbrauch der Welt zusammenbringen.

Insbesondere Schwellenländer wie China setzen weiter auf Kohle, auch in Deutschland boomt die Stromerzeugung aus Braunkohle. Doch auch Energiemanager sehen, dass Kohle nur zukunftsfähig ist, wenn sie mit CCS ihr Image als klimaschädlichste Form der Energieerzeugung loswerden kann. "Ein neues Braunkohlekraftwerk muss aus Sicht des Vattenfall-Konzerns CCS haben. Wir haben noch ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren, um eine Bauentscheidung zu treffen", sagte Hartmuth Zeiß, Vorstandschef von Vattenfall Europe Mining & Generation, kürzlich in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Einen Speicher auf dem Land halte ich in Deutschland derzeit nicht für durchsetzbar. Wir müssen aufs offene Meer hinausgehen", so Zeiß. Ein Unternehmen allein könne die Kosten für die nötige Infrastruktur aber nicht stemmen. "Aus meiner Sicht sind europäische Lösungen gefragt."

Die Technik, gegen die es in vielen Teilen Deutschlands Widerstand aus der Bevölkerung gibt, lässt sich nicht schnell durchsetzen. Das ist der Grund, warum sie in der Vattenfall-Forschungsstrategie kaum noch eine Rolle spielt. Erkenntnisse aus dem Betrieb der Pilotanlage Schwarze Pumpe sollen jetzt bei einem der weltweit größten CCS-Demonstrationsprojekte im Kohlekraftwerk BoundaryDam in der kanadischen Provinz Saskatchewan genutzt werden. Das Kraftwerk soll für anderthalb Milliarden Dollar mit CCS-Technik nachgerüstet werden. Vattenfall und der Betreiber SaskPower haben ein Abkommen zum Wissens- und Technologietransfer unterschrieben.

Milliardenprojekt in Norwegen abgeblasen

2013 war schon in Norwegen ein CCS-Flaggschiffprojekt zu den Akten gelegt worden. Dabei sollte in Mongstad, an der Westküste des Landes, als Anhängsel eines neuen Gaskraftwerks die weltgrößte CCS-Anlage entstehen. Das Vorhaben erwies sich aber als zu teuer. Nach einer Statistik  des unabhängigen Global CCS Institute gab es im Februar 2014 weltweit 21 größere Projekte zur CO2-Abtrennung und -Speicherung, die entweder bereits laufen oder im Bau sind. Mehr als die Hälfte der Anlagen befinden sich in China. Nach Angaben des Instituts ist die Zahl der CCS-Projekte seit 2011 um 50 Prozent gestiegen.

Insgesamt hätten die Anlagen die Kapazität, 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einzufangen. Allerdings ist das kaum mehr als die Menge, die allein das schmutzigste Kohlekraftwerk Europas im polnischen Belchatow ausstößt.

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