Kräftemessen mit den USA Putin verkündet Fortschritte bei Entwicklung von Hyperschallwaffen

Russlands Präsident Wladimir Putin brüstet sich erneut mit Äußerungen zu Hyperschallwaffen. Ein Rüstungsexperte hielt die Technologie jedoch zuletzt für überbewertet.
Test eines russischen "Avangard"-Hyperschallgleitflugkörpers (Archivfoto von 2018)

Test eines russischen "Avangard"-Hyperschallgleitflugkörpers (Archivfoto von 2018)

Foto: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE/HANDOUT/EPA-EFE/REX

Im andauernden Kräftemessen mit den USA versucht Russlands Präsident Wladimir Putin Eindruck zu schinden. Sein Land sei bald in der Lage die von anderen Staaten entwickelten Hyperschallwaffen zu kontern. Moskau sei bei der Entwicklung neuer Waffentypen weiter als die USA.

Hyperschallwaffen fliegen mit extrem hoher Geschwindigkeit und überschreiten dabei die Schallgeschwindigkeit von gut 340 Metern pro Sekunde teils deutlich. Dabei bleiben die Waffen manövrierfähig, ihre Richtung kann also nach dem Start noch angepasst werden.

Das ist der entscheidende Unterschied zu ballistischen Langstreckenraketen, die auf ihrem Sinkflug ebenfalls Hyperschallgeschwindigkeit erlangen, deren Flugbahn aber nach dem Start feststeht.

Die USA und Russland haben ihre Verteidigungsmöglichkeiten in der Vergangenheit immer wieder erweitert, nachdem Rüstungskontrollabkommen aus der Zeit des Kalten Krieges nicht verlängert worden waren. So kündigten die USA im vergangenen Jahr unter Präsident Donald Trump etwa den INF-Vertrag auf, ein Abkommen zur nuklearen Abrüstung im Mittelstreckenbereich.

Ende 2019 gab Russland dann bekannt, Hyperschallgleitflugkörper vom Typ "Avangard" in Dienst gestellt zu haben. Diese können auch atomare Sprengköpfe tragen. Putin sprach bereits damals von einer "absoluten Waffe", die jeden Raketenschild durchbrechen könne.

In erster Linie Machtgebaren

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in der Lage sein werden, Hyperschallwaffen zu bekämpfen, sobald die weltweit führenden Länder solche Waffen haben", zitiert die russische Nachrichtenagentur "RIA" Putin nun in einer Meldung.

Während Russland und die Vereinigten Staaten im Großen und Ganzen die gleiche Anzahl Atomwaffen besäßen, sei Moskau den USA bei der Weiterentwicklung der Technik voraus. Auch die USA wollen noch in diesem Jahr Hyperschallwaffen in Dienst stellen.

Experten bewerteten die aufmerksamkeitserregenden Ankündigungen Russlands bezüglich der Hyperschallwaffen bislang allerdings vor allem als Machtgebaren, auch innenpolitisch.

"Die Russen haben die 'Avangard' mit großem Bohei eingeführt, das brachte ihnen viel Aufmerksamkeit", sagte etwa der Physiker und Rüstungsexperte Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg Anfang des Jahres im Interview mit dem SPIEGEL.

Zwar seien Hyperschallwaffen technisch eine vergleichsweise neue Kategorie, so Neuneck. Allerdings handele es sich um längst keine so große Revolution wie Putin suggeriere.

Die USA hatten bereits in den Sechzigern begonnen, Hyperschallflugkörper zu entwickeln. Nach mehreren Jahren Unterbrechung wurde dieses Projekt 2016 wiederbelebt, weil sich die USA in die Lage versetzten wollten, alle Orte weltweit innerhalb einer Stunde mit Waffen treffen zu können.

Keine große Sicherheit durch Abwehrsysteme

Russland und andere Staaten wie China haben daraufhin ebenfalls begonnen, in die Entwicklung solcher Waffen zu investieren. Allerdings begrenzt der New-Start-Vertrag zwischen Russland und den USA die Zahl der strategischen Nuklearsprengkörper und Träger, die ein Land besitzen darf.

"Die Russen haben die 'Avangard'-Flugkörper den US-Inspektoren vorgestellt. Hier wurden also bereits vorhandene, nukleare Sprengköpfe durch etwas Neues ersetzt, mehr nicht", so Neuneck vor einem halben Jahr. Der New-Start-Vertrag muss 2021 verlängert werden.

Neuneck verwies zudem darauf, dass das Gefühl von Sicherheit durch Abwehrsysteme grundsätzlich eine Illusion sei. "Tests sind nur sehr bedingt erfolgreich, und es gibt Methoden, die Abwehrsysteme auszutricksen, auch die der Amerikaner."

Herkömmliche, ballistische Raketen erreichten im Sinkflug bis zu 27-fache Schallgeschwindigkeit und seien dadurch ebenso ein Problem für die Abwehr wie manövrierfähige Hyperschallwaffen. "Die 'Avangard' bietet den Russen also lediglich eine weitere, bessere Möglichkeit, die amerikanischen Schutzsysteme zu umgehen."

jme/Reuters
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