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23. August 2019, 15:04 Uhr

Russland

Weltweit erstes schwimmendes  Atomkraftwerk legt Richtung Arktis ab

Die Anlage ist weltweit einzigartig: Russlands AKW-Schiff "Akademik Lomonossow" hat abgelegt und steuert nun in die Arktis. Umweltschützer warnen vor der "Atom-Titanic".

Das erste schwimmende Atomkraftwerk, die "Akademik Lomonossow", hat von der nordrussischen Hafenstadt Murmansk abgelegt. Das Schiff mit zwei Atomreaktoren an Bord soll in zwei Monaten an seinem 5000 Kilometer entfernten Zielort in Sibirien ankommen, teilte der russische Atomkonzern Rosatom bei der feierlichen Abschiedszeremonie mit.

Das schwimmende AKW soll vor allem schwer zugängliche Regionen mit Strom und Wärme versorgen und Energie für die Gas- und Ölbohrinseln auf See liefern.

"Schwimmendes Tschernobyl"

Das millionenschwere Projekt ist allerdings umstritten. Umweltschützer warnen vor einer möglichen Katastrophe im Polarmeer und bezeichnen die Anlage als "schwimmendes Tschernobyl" oder "Atom-Titanic". Es sei unmöglich, das AKW vollständig vor äußeren Bedrohungen zu schützen, sagte Wladimir Sliwjak von der Umweltorganisation Ecodefense. "Leider ist das eine sehr riskante Technologie".

Ziel der "Akademik Lomonossow" ist die kleine und äußerst abgelegene Stadt Pewek in Ostsibirien, die Route führt entlang der Nordküste Russlands. Die riesige Plattform, auf der das Atomkraftwerk steht, hat keine eigenen Motoren. Sie wird deshalb von mehreren Schiffen geschleppt.

Die Reisezeit hängt nicht nur vom Wetter ab, sondern auch von der Masse an Eis auf der Route. Allerdings ist die sogenannte Nordost-Passage, die den Atlantik und den Pazifik entlang der Nordküste Russlands verbindet, inzwischen leichter zu befahren: Durch den Klimawandel ist auch dort viel Eis geschmolzen - Schiffe kommen einfacher durch.

Das schwimmende Atomkraftwerk wiegt 21.000 Tonnen, ist 144 Meter lang und 30 Meter breit. Es besteht aus zwei 35-Megawatt-Reaktoren, für deren Betrieb etwa 70 Arbeiter nötig sind. In Pewek soll die "Akademik Lomonossow" ans lokale Netz angeschlossen werden und vor allem auch die großen Ölplattformen in der Region versorgen.

Umweltschützer warnen vor allem vor den möglichen Gefahren durch Stürme. "In jedem Atomkraftwerk kann es zu Unfällen kommen, aber die 'Akademik Lomonossow' ist zudem besonders anfällig für Stürme", sagte Raschid Alimow von Greenpeace Russland. "Jeder Zwischenfall hätte verheerende Auswirkungen auf die sensible Umwelt der Arktis."

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