Ausfall eines Satellitennetzwerks Was Russlands Krieg in der Ukraine mit deutschen Windkraftanlagen zu tun hat

Offenbar ist die Fernsteuerung Tausender Windenergieanlagen hierzulande ausgefallen. Nur wieso? Einen Hackerangriff auf die Anlagen halten Fachleute für unwahrscheinlich, eine Verbindung zu Putins Feldzug hingegen nicht.
Um Windkraftanlagen zu steuern, nutzen manche Betreiber eine Internetverbindung über Satellit. Doch was, wenn der Satellit ausfällt?

Um Windkraftanlagen zu steuern, nutzen manche Betreiber eine Internetverbindung über Satellit. Doch was, wenn der Satellit ausfällt?

Foto: Petra Nowack / penofoto / IMAGO

Am Tag der russischen Invasion in der Ukraine, am 24. Februar, zwischen fünf und sechs Uhr morgens, setzte die Fernsteuerung deutscher Windkraftanlagen aus.

So schilderte es ein Nutzer auf Twitter , der nach eigenen Angaben mit der technischen Betriebsführung der Anlagen betraut ist.

Betroffen seien solche Anlagen, die über eine Satellitenanbindung ans Internet angeschlossen sind. Diese – »mindestens 3000« – Anlagen liefen zwar weiterhin und würden Strom ins Netz speisen, jedoch könnten sie nicht mehr aus der Ferne angesteuert und geregelt werden. Windkraftanlagen, die über Kabel mit dem Internet verbunden sind, seien nicht betroffen.

Der Autor des Tweets vermutete einen »groß angelegten Hackerangriff auf die Infrastruktur von Windenergieanlagen« als Ursache. Kann das sein?

Kritische Infrastrukturen können das Ziel von Cyberangriffen sein

Grundsätzlich ist es nicht abwegig, dass sogenannte kritische Infrastrukturen, zu denen auch Windkraftanlagen zählen, Ziel von Cyberangriffen werden. Ihr Ausfall kann »dramatische Folgen« haben, wie es das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik  formuliert: Fallen Energieerzeuger wie Windkraftanlagen aus, könne das die Energieversorgung beeinträchtigen und damit die öffentliche Sicherheit stören.

Allerdings ist die Beeinträchtigung geringer, wenn lediglich die Möglichkeit zur Fernkommunikation gestört wird. Die Windkraftanlagen drehen sich weiter, sie produzieren weiterhin Strom. Warum sollten Hacker also diese Form des Angriffs nutzen?

Vermutlich haben sie das nicht. Was allerdings nicht bedeutet, dass der Ausfall der Windkraftanlagen-Fernsteuerung nicht im Zusammenhang mit einem Cyberangriff steht.

Keine Basisstation, keine Kommunikation zwischen Endgeräten

Der Experte für IT-Sicherheit, Manuel Atug, schrieb auf Twitter  als Reaktion auf den Windkraftexperten: »Die Anlage wurde nicht gehackt. Der Sat-Kom-Betreiber ist offline... und damit haben auch alle Modems eine Störung«.

Auch dem SPIEGEL bestätigte er auf Nachfrage am Telefon: Der Ausfall betrifft die Modems, die der Satellitenkommunikationsanbieter bereitstelle. »Man kann sich das vorstellen wie bei der Katastrophe im Ahrtal, als der Mobilfunk ausgefallen ist. Wenn es keine Basisstation mehr gibt, können die Gespräche zwischen den Endgeräten nicht mehr vermittelt werden. Und in diesem Fall ist die Basisstation eben ein Satellit.«

Über die Störung eines Satellitennetzwerks hatte das Onlinemagazin Golem.de  bereits am Sonntag berichtet. »Der Dienst des KA-SAT-Satellitennetzwerks über Europa ist weitgehend ausgefallen«, hieß es in dem Bericht. Auch das Portal PaxEx.Aero  vermeldete, das europäische Netz des US-amerikanischen Anbieters Viasat teilweise betroffen sei. Das Problem, das mit dem KA-SAT-Satelliten zusammenhänge, beeinträchtige derzeit den Dienst für mehrere Festnetz-Breitbandkunden in der Region, darunter etwa den tschechischen Anbieter Intv.cz. Auf dessen Seite  ist derzeit ein Statement zu finden, in dem es heißt: Die Bodeninfrastruktur von KA-SAT sei mit einer Cyberattacke angegriffen worden.

»Bisher gehen wir davon aus, dass der Ausfall durch ein Cyberereignis verursacht wurde«

In Betrieb ist der KA-SAT-Sattelit seit Mai 2011. Er bietet Satelliteninternet für Europa und die Mittelmeerregion an, nach Betreiberangaben mit Datenübertragungsraten von bis zu 50 Megabit pro Sekunde im Download. Er gehört dem Kommunikationsunternehmen Viasat, das seinen Sitz in Kalifornien hat.

Auf Nachfrage des SPIEGEL äußerte sich das Unternehmen, das Hochgeschwindigkeits-Breitband-Satellitendienste für kommerzielle ebenso wie für militärische Märkte anbietet, so: »Viasat hat einen teilweisen Netzausfall zu verzeichnen, der den Internetdienst für feste Breitbandkunden in der Ukraine und anderswo in unserem europäischen KA-SAT-Netz beeinträchtigt. Unsere Untersuchung des Ausfalls dauert an, aber bisher gehen wir davon aus, dass er durch ein Cyberereignis verursacht wurde.« Man versuche derzeit, die Ursache zu ermitteln und den Dienst für die betroffenen Kunden wiederherzustellen. »Strafverfolgungsbehörden und Regierungspartner wurden benachrichtigt und unterstützen die laufenden Ermittlungen zusammen mit einem externen Cybersicherheitsunternehmen. Die Ermittlungen dauern an«, hieß es in der Mitteilung weiter. Nach Angaben von Golem.de betreibt Viasat auch verschlüsselte Kommunikationsdienste für das US-Militär.

Es ist also möglich, dass der Ausfall der Fernsteuerung deutscher Windkraftanlagen tatsächlich in einem Zusammenhang mit einem Hackerangriff auf das Computernetzwerk oder der Satellitenbetreiber steht – allerdings vermutlich nicht als primäres Ziel der Attacke, sondern als Kollateralschaden.

Womöglich sind Tausende Anlagen betroffen

Für die Betreiber der Windkraftanlagen kann dieser Ausfall einen zusätzlichen Aufwand bedeuten und, klar, ein Ärgernis. Und die Zahl der betroffenen Anlagen ist offenbar gewaltig: Nach einem Bericht des »Handelsblatts«  von Montagnachmittag meldete allein der deutsche Windenergieanlagen-Hersteller Enercon 5800 betroffene Anlagen. Die Gesamtleistung der Anlagen betrage elf Gigawatt. Bis zur Lösung des Problems liefen die Anlagen nun im Automatikmodus. Im Störfall müsse Servicepersonal zu den einzelnen Anlagen geschickt werden. Dem Zeitungsbericht nach gab auch der Bundesverband Windenergie an, dass die Probleme mit auf den Ausfall des KA-SAT-Netzwerkes zurückzuführen seien.

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Doch ein Sicherheitsrisiko stellt die Störung nicht dar. Das geht zum Beispiel aus einer Stellungnahme des Windkraftanlagenbauers Windwärts hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Man könne zu den Ursachen keine verlässliche Aussage treffen, heißt es darin. Es sei jedoch ein Fakt, »dass die Windenergieanlagen unabhängig von der Fernüberwachung weiterhin sicher und zuverlässig Strom produzieren. Sollte eine Störung auftreten, würde die Anlage sich eigenständig abschalten, sodass ein Sicherheitsrisiko ausgeschlossen werden kann. Lediglich die Daten sind aus der Ferne nicht abrufbar.«

Für Menschen in der Ukraine kann der Ausfall des Satelliten aber auch bedeuten, dass wichtige – überlebenswichtige – Kommunikationswege abgeschnitten sind. Der ukrainische Minister für digitale Transformation Mychajlo Fedorow hatte sich deshalb am Samstag auf Twitter  an Elon Musk gewandt:

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Musk, der unter anderem das Raumfahrtunternehmen SpaceX  gegründet hat, möge die Ukrainerinnen und Ukrainer über das Satellitenprogramm Starlink mit einer mobilen Internetverbindung versorgen. Am Samstag teilte Musk daraufhin mit: »Der Starlink-Dienst ist jetzt in der Ukraine aktiv. Weitere Terminals sind unterwegs.«

SpaceX betreibt insgesamt rund 2000 Satelliten, die in rund 550 Kilometern Höhe um die Erde kreisen. Sie sollen auch entlegenen Weltregionen einen Internetzugang bieten.

Ob der Dienst nun in der Ukraine tatsächlich genutzt werden kann, ist nicht bestätigt. Es sei, schrieb etwa die Journalistin Lora Kolodny auf Twitter , noch völlig unklar, welche Dienste für wen zur Verfügung gestellt würden – und wie das in einem kriegerischen Konflikt funktionieren solle.