Russlands neue Hyperschallwaffe "Das Gefühl von Sicherheit durch Abwehrsysteme ist eine Illusion"

Vor wenigen Wochen hat Russland neue Hyperschallraketen in Dienst gestellt. Der Physiker Götz Neuneck erklärt, wie die Waffen funktionieren und was sie für das Kräftemessen zwischen Ost und West bedeuten.
Ein Interview von Julia Merlot
Start der "Avangard" für einen Testflug im Dezember 2018: Die Hyperschallwaffe legte nach russischen Angaben 4000 Kilometer zurück

Start der "Avangard" für einen Testflug im Dezember 2018: Die Hyperschallwaffe legte nach russischen Angaben 4000 Kilometer zurück

Foto: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE/ EPA-EFE/ REX

SPIEGEL: Herr Neuneck, zwischen Weihnachten und Silvester haben Russlands Raketenstreitkräfte offenbar erstmals Hyperschallgleitflugkörper vom Typ "Avangard" in Dienst gestellt, also extrem schnelle Raketen. Präsident Wladimir Putin bezeichnete die Geräte als "absolute Waffe". Was hat es damit auf sich?

Götz Neuneck: Die Russen haben die "Avangard" mit großem Bohei eingeführt, das brachte ihnen viel Aufmerksamkeit. Hyperschallwaffen sind technisch eine vergleichsweise neue Kategorie. Sie können die ohnehin sehr begrenzte Raketenabwehr der USA umgehen und konventionell wie nuklear eingesetzt werden. Das klingt, oberflächlich betrachtet, nach einer bedrohlichen Neuerung, die Waffen sind aber längst keine so große Revolution wie Putin suggeriert. Es handelt sich hier eher um ein Machtgebaren, auch innenpolitisch.

Zur Person
Foto: Felix Matthies/ IFSH

Götz Neuneck hat Physik studiert und ist emeritierter Professor am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit neuen Waffentechnologien und der Rüstungskontrolle.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Neuneck: Die USA haben schon in den Sechzigerjahren begonnen, Hyperschallflugkörper zu entwickeln, die Bemühungen dann aber auch aufgrund von technischen Schwierigkeiten vorübergehend eingestellt. 2006 wurde das Projekt wiederbelebt. Grund dafür war das "Prompt Global Strike'-Programm", in dem sich die Amerikaner vorgenommen hatten, alle Orte weltweit innerhalb einer Stunde mit Waffen treffen zu können. Dazu brauchten sie sehr schnelle Waffen mit großer Reichweite. Das konnte Russland nicht auf sich sitzen lassen und hat auch begonnen, in Hyperschallwaffen zu investieren, ebenso China .

Die aktuellen Meldungen von den neuen, russischen Hyperschallflugkörpern könnten nun dazu führen, dass in den USA und anderen Staaten der Eindruck entsteht, man müsse selbst noch mehr in neue Hyperschallfluggeräte investieren, da die Gegenseite überlegen ist, und um sich im Ernstfall zur Wehr setzen zu können. Das ist dann ein technisches Wettrüsten.

"Es handelt sich hier eher um ein Machtgebaren, auch innenpolitisch."

SPIEGEL: Liegt eine solche Reaktion nicht nahe?

Neuneck: Nur wenn man alles in einen Topf wirft. In Wahrheit ändert die Inbetriebnahme der "Avangard" die Kräfteverhältnisse zwischen den USA und Russland nicht. Das liegt auch am New-Start-Vertrag, den beide Staaten geschlossen haben. In ihm ist die Zahl der strategischen Nuklearsprengkörper und Träger festgelegt, die ein Land besitzen darf. Die Russen haben die "Avangard"-Flugkörper den US-Inspektoren vorgestellt. Hier wurden also bereits vorhandene, nukleare Sprengköpfe durch etwas Neues ersetzt, mehr nicht.

SPIEGEL: Was ist das Besondere an Hyperschallwaffen?

Neuneck: Wie der Name schon sagt, fliegen die Flugkörper mit extrem hoher Geschwindigkeit. Von Hyperschall ist die Rede, sobald ein Projektil fünffache Schallgeschwindigkeit erreicht - Mach 5. Das entspricht ungefähr 6000 Kilometer pro Stunde oder 1,7 Kilometer in der Sekunde. Die "Avangard" soll etwa die 20-fache Schallgeschwindigkeit erreichen können.

Wichtig ist aber auch zu betonen, dass alle ballistischen Langstreckenraketen Hyperschall erreichen. Die Geschwindigkeit allein ist also nichts Neues, eher die Manövrierfähigkeit. Der "Avangard"-Gleitkörper kann etwa mithilfe von Klappen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre seine Richtung ändern. Hyperschallwaffen können Abwehrsysteme auf diese Weise noch leichter umfliegen als andere Geschosse.

Testflug 2018: Alle ballistischen Langstreckenraketen erreichen Hyperschall

Testflug 2018: Alle ballistischen Langstreckenraketen erreichen Hyperschall

Foto: RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE/ EPA-EFE/ REX

SPIEGEL: Wie funktioniert das konkret?

Neuneck: Abwehrsysteme registrieren zwar möglicherweise, dass die Rakete gestartet wurde, für sie wird es aufgrund der enormen Geschwindigkeit und der möglichen Richtungsänderungen aber schwierig, den extrem schnellen Gleitkörper zu verfolgen und mit einer Abwehrrakete punktgenau abzuschießen. Außerdem bleibt wenig Zeit, eine Entscheidung zu treffen, und die Abwehrraketen müssen an der richtigen Stelle stationiert sein.

"Es gibt Methoden, die Abwehrsysteme auszutricksen"

SPIEGEL: Wie zuverlässig war die amerikanische Raketenabwehr bislang?

Neuneck: Das Gefühl von Sicherheit durch Abwehrsysteme ist eine Illusion: Tests sind nur sehr bedingt erfolgreich, und es gibt Methoden, die Abwehrsysteme auszutricksen, auch die der Amerikaner. Ballistische Raketen erreichen im Sinkflug sogar bis zu Mach 27 und sind dadurch ebenso ein Problem für die Abwehr wie manövrierfähige Hyperschallwaffen. Die "Avangard" bietet den Russen also lediglich eine weitere, bessere Möglichkeit, die amerikanischen Schutzsysteme zu umgehen.

SPIEGEL: Die "Avangard" ist ein Gleitflugkörper, wie erreicht sie ihre hohe Geschwindigkeit?

Neuneck: Eine Interkontinentalrakete bringt den Gleitkörper mit dem Sprengkopf in die oberen Atmosphärenschichten und beschleunigt ihn. Dort trennt sich der Gleitkörper von der Rakete und nutzt anschließend möglicherweise sein eigenes Triebwerk. Die "Avangard" soll so bis zu 6000 Kilometer weit fliegen. Beim Eintritt in die Atmosphäre erhitzt sich die Außenhaut wie beim Spaceshuttle. Um den enormen Kräften standhalten zu können, müssen die Triebwerke von Hyperschallwaffen völlig anders konzipiert sein, als es die meisten kennen.

"Ich habe Zweifel daran, dass Trump ausreichend Kenntnisse hat, die Lage richtig einzuschätzen."

SPIEGEL: Inwiefern?

Neuneck: Die Luft wird nicht durch bewegliche Teile, wie einen Zylinder, verdichtet, um dann den Treibstoff einzuspritzen. Stattdessen nutzt die Technik, dass die Luft durch die enorme Geschwindigkeit komprimiert wird. Weil es keine beweglichen Teile zur Verdichtung gibt, ist das Triebwerk sehr robust, funktioniert aber erst, nachdem die "Avangard" mithilfe einer Rakete beschleunigt wurde. Es ist durchaus beachtlich, wenn es einem Staat gelingt, einen solchen Flugkörper zu konzipieren. Den Russen kommt an dieser Stelle ihre Erfahrung mit Weltraumtechnologien zugute.

SPIEGEL: Der New-Start-Vertrag, der die Balance der Atommächte derzeit sicherstellt, läuft 2021 aus. Was passiert dann?

Neuneck: Im Moment liegt es an den USA, den Vertrag zu verlängern. Putin hat das bereits mehrmals angeboten. Donald Trump äußerte sich bislang nicht dazu. Er findet den Vertrag, den er gar nicht genau kennt, schlecht, da er von Barack Obama ausgehandelt wurde. Ich habe außerdem Zweifel, dass Trump ausreichend Kenntnisse hat, die Lage richtig einzuschätzen, geschweige denn eine langfristige Rüstungskontrollstrategie.

Zum ersten Mal seit 1968 verhandeln die USA und Russland nicht mehr über Abrüstung. Es gibt in den USA aber Experten und Militärs, die sich für eine Verlängerung oder einen neuen Vertrag einsetzen. Insofern bin ich zuversichtlich, dass es dazu kommt, spätestens wenn die Demokraten die Präsidentenwahl gewinnen. Geschieht dies nicht, wird es wieder mehr nukleare Aufrüstung geben, an der sich auch andere beteiligen werden.