Russlands Krieg gegen die Ukraine Kiews überraschende Waffenwunschliste

1000 Haubitzen, 300 Raketenwerfer, 1000 Drohnen: Ein Berater von Präsident Selenskyj hat so viele schwere Waffen angefordert, dass selbst die US-Armee den Wunsch kaum erfüllen kann. Was steckt dahinter?
M777-Haubitze beim Schuss in Japan

M777-Haubitze beim Schuss in Japan

Foto: U.S. Marines / ZUMA Wire / IMAGO

Auch nach mehr als hundert Tagen Krieg und herben Verlusten: Die Arsenale schwerer Waffen scheinen noch lange nicht erschöpft. Jedenfalls auf russischer Seite. Bilder zeigten zuletzt russische T-80-Panzer auf einem endlos langen Zug – angeblich aufgenommen im Oblast Moskau. Möglicherweise sollen sie bald durch die Ukraine rollen. Prüfen lässt sich der Verwendungszweck nicht, aber fest steht, dass es die ukrainische Armee im Donbass derzeit besonders schwer hat . Den Einheiten steht bei der Verteidigung ihres Territoriums eine massive russische Übermacht gegenüber, vor allem die Feuerkraft der Artillerie macht den Ukrainern zu schaffen.

Kürzlich zählte ein Kriegsreporter des »Rolling Stone«  fast 500 Raketen, die innerhalb kurzer Zeit auf eine einzige Stellung abgefeuert worden sein sollen – eine enorme Menge. Die Ukraine erleidet bei diesen Attacken nach Regierungsangaben täglich Verluste mit bis zu hundert Toten. Doch statt die Artillerieangriffe der Russen mit schnellem Gegenfeuer zu beantworten, sind den Soldatinnen und Soldaten die Hände gebunden – es fehlt nicht nur an Geschützen, sondern auch an Munition.

Die Forderung nach schweren Waffen aus dem Westen wird in der Ukraine deshalb unablässig wiederholt, sie ist zu so etwas wie einem Mantra des Krieges geworden.

Bisher umfangreichste Wunschliste

Zuletzt legte Mykhailo Podolyak, Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, eine eindrucksvolle Wunschliste vor. Um den Krieg zu beenden, brauche sein Land 1000 Haubitzen vom Kaliber 155 Millimeter, 300 Mehrfachraketenwerfer, 500 Kampfpanzer, 2000 bewaffnete Fahrzeuge und 1000 Drohnen.

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Es sind enorme Zahlen, die Podolyak aufruft. Zum Vergleich: Die USA haben bisher die Lieferung von 108 M777-Haubitzen mit eben jenem Kaliber versprochen, dazu 200.000 Schuss Munition. Auch Kanada und Australien wollen zusammen zehn dieser »Triple Seven« liefern. Insgesamt sind es knapp 300 Artilleriesysteme, die aus dem Westen für Kiew bereitgestellt werden sollen.

Auch bei den zugesagten Mehrfachraketenwerfern besteht eine erhebliche Diskrepanz zu den aktuellen Forderungen aus Kiew. Nur knapp 50 sollen geliefert werden. 270 Panzer sind fest zugesagt – auch das ist weit weg von den geforderten 500.

Der Hintergrund der Zahlen von Podolyak ist unklar. Aber ungeachtet der Tatsache, dass viele schwere Waffen bisher nur zugesagt und nicht geliefert wurden: Die Forderungen dürften die Möglichkeiten von vielen Nato-Mitgliedern übersteigen, teilweise deutlich.

Nicht einmal die US-Armee könnte diesen Materialbedarf wohl decken

Zur Einordnung: Die Bundeswehr besitzt selbst nur noch knapp über 250 aktive Leopard 2, die Kampfpanzer der deutschen Streitkräfte. Zu den Mehrfachraketenwerfern gehören auch die MLRS (Multiple Launch Rocket Systems), von denen einige aus den USA und Großbritannien in die Ukraine gehen sollen. Doch die geforderten 300 Stück würden ungefähr die Hälfte des US-Bestands ausmachen. Die 1000 Haubitzen entsprechen ungefähr dem gesamten US-Arsenal. Von den »Triple Seven« soll das Pentagon mehr als 500 besitzen.

Sollte sich der Westen entscheiden, diese Mengen liefern zu wollen, wird das höchstens durch gemeinsame Anstrengungen möglich sein. Nicht mal die US-Armee dürfte willens sein, so viele schwere Waffen zu liefern.

Zudem: Im Vergleich zur vergangenen Woche hat sich die Liste der von Kiew geforderten Rüstungsgüter deutlich verlängert. Oleksiy Arestovych, ein weiterer Berater Selenskyjs, forderte damals 60 Raketenwerfer. Sie würden ausreichen, um die russischen Invasoren zurückzuschlagen. Woher stammen nun also diese hohen Forderungen?

Einerseits dürften die Nerven in Kiew angesichts der hohen Verluste blank liegen. Aber möglicherweise hat der Tweet auch taktische Gründe. Am Mittwoch tagen unter dem Vorsitz des US-Verteidigungsministers Lloyd Austin die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel bei einem Sondertreffen – dort soll es auch um weitere Waffenlieferungen gehen. Möglicherweise soll die lange Wunschliste von Podolyak als Verhandlungsmasse bei diesem Treffen dienen.

Der tatsächliche Bedarf dürfte darunter liegen

Ebenfalls ein Motiv könnten die zuletzt weitreichender formulierten Kriegsziele von Präsident Selenskyj sein. So sprach er nun deutlich den Willen aus, auch die 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim zurückerobern zu wollen. Wenn die ukrainische Armee entsprechende Waffen erhalte, könne sie das Territorium befreien, hieß es.

Zumindest gehen einige Militäranalysten davon aus , dass der tatsächliche Bedarf der Ukraine unterhalb der aktuellen Angaben liegt. Insofern ist die Forderung von Podolyak eher an die internationale Politik adressiert und weniger an die Militärs. Ein solches taktisches Kalkül beim Erstellen von Waffenwunschlisten wäre jedoch nicht ohne Risiko und könnte zulasten von Vertrauen in die Angaben der Ukraine gehen.

Fest steht jedoch, dass die bisher vom Westen zugesagten Rüstungsgüter nicht ausreichen werden, um der Ukraine dauerhaft eine Verteidigung ihres Territoriums zu ermöglichen. Dass die Ukraine einen deutlich höheren Bedarf anmeldet, ist also nachvollziehbar. Und sieht man einmal von den mageren deutschen Beständen ab, besteht international durchaus noch viel Potenzial, allein die USA besitzen Tausende Kampfpanzer vom Typ M1 Abrams.

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