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09. November 2009, 12:04 Uhr

Sagenhaftes Ungeheuer

Wo der schreckliche Minotaurus wirklich hauste

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In griechischen Sagen war er ein brutales Mischwesen aus Mensch und Stier: der Minotaurus, gefangen in einem Labyrinth auf Kreta. Ein britischer Geograf will den Irrgarten jetzt gefunden haben - und warnt vor sehr realen Gefahren, die dort noch immer lauern.

Hamburg - Es begann wie ein Indiana-Jones-Film. In der Bodleian Library in Oxford fand Nicholas Howarth eine Karte aus dem Jahr 1688, auf ihr abgebildet war die Insel Kreta. Howarth, dessen Spezialgebiet historische Geografie ist, wollte der Frage nachgehen, welche geografischen Besonderheiten ein Labyrinth ausmachen. Welcher Ort wäre dafür besser geeignet als die Insel, auf der sich der Palast des legendären König Minos befand? In dessen Labyrinth wurde der sagenhafte Minotaurus angeblich gefangen gehalten. Die griechische Mythologie beschreibt ihn als schreckliche Kreatur - zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Stier.

Auf der alten Karte entdeckte Howarth eine kleine runde Skizze, die als "Laberinto" gekennzeichnet war. Doch sie lag nicht beim Palast in Knossos, sondern rund 30 Kilometer südwestlich davon in den Bergen, nahe der Stadt Gortyn.

Howarth wurde neugierig, ging der Sache nach - und wurde fündig: Unter einem Steinbruch aus römischer Zeit liegt ein weitläufiges Gewirr von Tunneln und Höhlen. Bis ins 19. Jahrhundert galt es - wie auch ein weiteres Höhlensystem bei Skotino - unter einigen Forschern tatsächlich als möglicher Ort des Labyrinths des Minotaurus. "Die Einheimischen nennen die Höhlen immer noch 'Labyrinthos'", sagt Howarth im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Tunnel tauchen heute in keinem Geschichtsbuch und keinem Reiseführer mehr auf. Wer als Tourist nach Kreta kommt und die Wohnstätte des Minotaurus sehen will, wird nach Knossos geschickt. Allein im vergangenen Jahr zählte der Palast des König Minos über 600.000 Besucher und ist damit nach der Akropolis die zweitbeliebteste Touristenattraktion Griechenlands.

"Eine Art archäologisches Märchenland"

Was aber die Reisenden in Knossos zu sehen bekommen, sind nicht nur antike Ruinen, sondern eine freie Erfindung Sir Arthur Evans', der den Palast ausgraben ließ. "Evans hat die Stätte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in eine Art archäologisches Märchenland verwandelt", sagt Howarth. Mit reichlich Beton ließ Evans die Gebäude nach seiner Phantasie wieder aufbauen. Für die farbenfrohen Wandbemalungen heuerte er einen Schweizer Künstler an.

Evans' Vorstellungskraft reichte auch aus, um in den engen Gängen des Palastes das Minotaurus-Labyrinth zu erkennen. Was bedeutet hätte, dass der König die gefährliche Bestie in seinen eigenen Gemächern hätte logieren lassen. Aber das störte den britischen Gelehrten offenbar nicht.

Die Legende weiß es besser. Demnach hatte Minos den Meeresgott Poseidon erzürnt, als er ihm einen wunderschönen weißen Stier als Opfergabe vorenthalten wollte. Aus Rache sorgte Poseidon dafür, dass sich Minos' Frau Pasiphaë unsterblich in das Tier verliebte. Sie bat den Erfinder Daidalos, ihr ein Kuhgerüst zu bauen - in dem sie sich verstecken und so mit dem schönen Stier vereinen könne. Das Ergebnis war der Minotaurus.

Der Junge war äußerst ungestüm und verspeiste gern mal Jünglinge und Jungfrauen. Dass er nicht getötet wurde, verdankte er seiner Schwester Ariadne, die um sein Leben bat. Minos gab Daidalos den Auftrag, ein sicheres Gefängnis zu bauen - das Labyrinth war erfunden.

Forscher Howarth machte sich nun mit einem Team nach Kreta auf, um dort zusammen mit der Hellenic Speleological Society die wahre Wohnstatt des Ungeheuers zu finden. "Oder zumindest den Ort, der die Legende inspiriert hat", meint er lachend. "Wir können uns ja wohl ziemlich sicher sein, dass es den Minotaurus in Wirklichkeit nie gegeben hat."

Nach dem ersten Besuch war Howarth sicher: "Wenn der Legende ein echtes Labyrinth zu Grunde liegt, dann dieses hier." Die insgesamt zweieinhalb Kilometer messenden kurvigen Gänge stoßen in unregelmäßigen Winkeln aufeinander und enden vielerorts in Sackgassen. "Es ist stockdunkel darin und so unübersichtlich, dass man sich sehr leicht verirren kann", sagt Howarth.

Fäden, Graffiti und Munition

Zwar fand der Forscher in den Gängen und Höhlen keine Knochen von Jungfrauen, dafür aber andere Relikte des Minotaurus-Kults. "Auf dem Boden lagen Dutzende von uralten Fäden - als ob die Leute in dem Labyrinth die Geschichte von Theseus und Ariadne nachgespielt haben."

In der Legende verdankt der Minotaurus seiner Schwester nämlich nicht nur das Leben, sondern auch den Tod. Sie gibt dem attischen Helden Theseus ein magisches Schwert und einen Faden, mit dem er seinen Weg durch das Labyrinth markiert. Nachdem er den Minotaurus mit dem Schwert getötet hat, findet Theseus mit Hilfe des Fadens wieder ans Tageslicht zurück.

Howarths Team fand auch Belege dafür, dass die Höhlen noch bis zur Entdeckung von Knossos rege frequentiert wurden. Die Besucher - zumeist junge Männer auf Tour durch mediterrane Gefilde - hinterließen ihre Namen und die Daten des Besuchs an den Wänden. Das früheste Graffito stammt aus dem Jahr 1444, die letzten Einträge stammen aus dem späten 19. Jahrhundert.

In den Tiefen des Labyrinths aber lauerte in vergangenen Jahrzehnten eine Gefahr, die weitaus realer war als mythische Mischwesen. Im Eingangsbereich des Tunnelsystems lagert deutsche Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. "Da unten liegt noch vieles, was jederzeit explodieren kann", sagt Howarth.

Im Jahr 1961 führte das zu einem tragischen Unfall, als vier Jugendliche in das Labyrinth hinabstiegen und dort mit Munition hantierten. Nur zwei von ihnen hat man tot bergen können, die beiden anderen wurden nie gefunden. Deshalb betrat das Team die Tunnel sicherheitshalber nur in Begleitung eines Kampfmittelspezialisten.

Eine Frage ist derzeit noch offen: Warum wurden die Gänge von Gortyn gebaut? "Auf jeden Fall wurde das Tunnelsystem in römischer Zeit als Steinbruch genutzt", sagt Howarth. Ob die Tunnel noch älter sind, könne nur eine eingehende archäologische Untersuchung klären.

Aus römischer Zeit stammen jedenfalls auch die ersten Hinweise auf eine Verbindung der Stätte zu der Legende vom Minotaurus: "Die Römer kannten die Story gut", meint Howarth. "Und sie hatten bekanntermaßen ein Faible dafür, Geschichten aus der Mythologie nachzuspielen."

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