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Eingebaute Katastrophe: Von der Isolierung zum Inferno

Foto: Güven Purtul

Wärmedämmung Schärfere Brandschutzregeln für Styropor gescheitert

Styropor ist bei der Wärmedämmung von Gebäuden in Deutschland weit verbreitet. Doch das Material ist umstritten: Kritiker halten es für leicht entflammbar. Ein Vorstoß zur Verschärfung der Vorschriften ist jetzt dennoch gescheitert - sehr zur Freude eines Branchenverbands.
Von Güven Purtul

Die schwarze Rauchsäule war weithin sichtbar, als am 29. Mai in Frankfurt am Main ein Haus brannte. In Windeseile stand die gesamte Fassade des sechsstöckigen Baus in Flammen. Sie war kurz zuvor zur Wärmedämmung mit Styropor verkleidet worden, so wie es bei Millionen von Häusern in Deutschland der Fall ist.

Nach dem Brand sollte die zugrunde liegende Zulassungsprüfung für Styropor untersucht werden. Das sah ein Beschlussvorschlag auf der letzten Bauministerkonferenz am 21. September vor. Der Frankfurter Branddirektor Reinhard Ries hatte sich nach dem Brand mit den Worten zitieren lassen, dass "dieser Dämmstoff sofort überprüft werden muss" und dass das weitere Verbauen "sehr fraglich ist, um nicht zu sagen, eigentlich sofort gestoppt werden müsste".

Doch am Ende stellte die Konferenz fest, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyroldämmstoffen "ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind".

Erstaunlich: Der Fachverband Wärmedämmverbundsysteme hatte dieses Ergebnis bereits zwei Wochen vor der Bauministerkonferenz seinen Mitgliedsfirmen vorhergesagt. In einem Rundschreiben vom 6. September gab der Verband Entwarnung - gleich nach der August-Sitzung der Fachkommission Bauaufsicht, die fachlich den Boden für die Bauministerkonferenz bereitet.

"Das Ergebnis der August-Sitzung der Fachkommission Bauaufsicht ist für uns alle positiv", hieß es in dem Schreiben. "Es wurde zweifelsfrei festgestellt, dass das deutsche Regelwerk und die umfangreichen Prüfungen in Bezug auf die brandschutztechnischen Anforderungen bei WDVS ausreichend sind und eine Änderung oder Anpassung der Regelwerke nicht erforderlich ist." Es werde keine Gesetzesänderungen geben, die Zulassungspraxis werde nicht überprüft. WDVS mit Polystyrol seien ordnungsgemäß zertifiziert und sicher.

"Wir brauchen Großbrandversuche"

Dabei war der Brand in Frankfurt nicht der erste Brand eines mit Polystyrol gedämmten Hauses: Den Bauministern lag auch eine vorläufige Liste der Feuerwehren vor. Sie führt allein seit Anfang 2011 ein Dutzend Brände auf. Immerhin: Diese Fälle sollen jetzt endlich untersucht werden. Für den Frankfurter Branddirektor Ries steht fest, dass dies nur Sinn macht, wenn die Zulassungstests auf den Prüfstand kommen: "Wir brauchen Großbrandversuche." Ob es diese geben wird, ist offen.

Im November 2011 hatte ein Versuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig die Gefahr durch die Dämmplatten aufgezeigt: Schon nach drei Minuten tropfte das Polystyrol brennend ab, nach acht Minuten stand die Wand in Flammen - giftiger, schwarzer Rauch breitete sich in der Halle der Prüfanstalt aus.

Sowohl die Lobby der Hersteller als auch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), das für die Zulassung der Dämmstoffe zuständig ist, wiegelten ab: Dämmplatten aus Polystyrol seien geprüft und sicher. Der seinerzeit vom NDR initiierte Versuch sei nicht normgerecht gewesen und habe daher keine Aussagekraft. Die Schwerentflammbarkeit werde durch die deutsche Norm DIN 4102 nachgewiesen.

Die DIN 4102 schreibt einen sogenannten Brandschacht-Test vor, bei dem jeweils etwa ein Meter lange Proben mit einem kleinen Feuer beflammt werden. Dabei schmilzt das Polystyrol ab und entfernt sich so aus dem Einflussbereich der Flammen. Das Material wird als "schwer entflammbar" klassifiziert, wenn durchschnittlich 15 Zentimeter Restlänge des Baustoffs übrig bleiben.

Mit der Realität habe diese Prüfung nichts zu tun, moniert der Brandschutzberater Peter Kuhn. Er vergleicht den Test mit einem "auf Nerz getrimmten Kaninchen". Dies sei auch der Grund "warum auf der europäischen Ebene dieses Brandschachtverfahren verworfen worden ist". Seit etwa zehn Jahren gebe es mit der DIN EN 13501 eine neue Norm, die ein anderes Prüfverfahren vorsieht. Dabei werde Polystyrol nicht als schwer entflammbar eingestuft, sondern nur als normalentflammbar.

Somit dürfte das Material hierzulande bei Gebäuden über sieben Metern Höhe nicht mehr als Dämmstoff eingesetzt werden. Doch die deutsche Zulassungsbehörde DIBt überlässt es nach wie vor den Herstellern, nach welcher Norm diese ihre Dämmstoffe prüfen lassen."


"Wärmedämmung - der Wahnsinn geht weiter" im NDR-Fernsehen am 26. November 2012, 22.00 Uhr

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