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Schlachtfeldarchäologie: Alltag im Schützengraben

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Schlachtfeldarchäologie Ein bisschen Idyll in den Gräben des Todes

Porzellantässchen, Schnapsflaschen oder ein Kruzifix aus Patronenhülsen: Die Straßburger Ausstellung "Im Osten etwas Neues" zeigt Funde von den Schlachtfeldern von Mosel, Elsass und Lothringen. Es sind die Ergebnisse eines jungen Wissenschaftszweigs: der Archäologie des Ersten Weltkriegs.

Die deutschen Soldaten des 94. Regiments der Infanterie waren am 18. März 1918 während heftiger Bombardements in den Kilianstollen geflüchtet. Doch die unterirdische Kasematte an der umkämpften Front im Süden des Elsass wurde den Reservisten zum Verhängnis. Französische Minen trafen ihren Abschnitt des Unterstands, 21 Mann wurden verschüttet und blieben begraben - fast ein Jahrhundert lang.

Im November 2010 förderten Grabungen an der ehemaligen deutschen Stellung nicht nur die sterblichen Überreste der Soldaten zu Tage, sondern auch ihre persönlichen Habseligkeiten: Tabakpfeifen, Büchsenöffner, Schnapsflaschen, Medaillen. Banale Objekte, aber zugleich wichtige Zeugnisse der Geschichte. Denn sie erzählen vom Ersten Weltkrieg, vom Alltag in den Schützengräben, Feldlazaretten, den Ruhepausen der Etappe.

Die Relikte - Reste von Dynamit, Zünder, Karten, Stacheldraht, Fragmente von Geschirr und Verpflegung - gehören zur Ausstellung "Im Osten etwas Neues", im Archäologischen Museum Straßburg. Der Rohan-Palast, gleich neben dem Münster, war bislang bekannt für seine Sammlung aus Ur- und Vorzeit sowie für römische und mittelalterliche Funde. Die systematische Erforschung der Fronten zwischen Mosel, Lothringen, Vogesen und Elsass, wo die mörderischen Schlachten 1914-18 ganze Landstriche verwüsteten, ist wissenschaftliches Neuland.

"Schlamm, Scheiße, Durst"

Die Gefechte in den "verlorenen Provinzen", die Deutschland 1871 dem Kaiserreich einverleibte, sind umfassend dokumentiert. Aufmarschpläne, Heerestagebücher, Luftaufnahmen, Foto- und Filmmaterial sowie Flugblätter, Zeitungsartikel und Feldpostbriefe berichten vom wechselnden Frontverlauf in Frankreichs Osten. Doch die Methoden der Archäologie sorgen für neue, verblüffende Einsichten. "Die Beachtung der Strukturen aus dem 'Großen Krieg' kann unsere Kenntnisse in beachtlicher Weise umgestalten", sagt Kuratorin Bernadette Schnitzler.

Dabei ist die moderne "Schlachtfeldarchäologie", das Graben in den Gräben, auch in Frankreich eine junge Disziplin. Beachtung fanden bislang eher die sichtbaren Relikte des Krieges: Bunker, Artilleriestellungen, Festungsbauten. Sie interessierten Hobby-Historiker, Militaria-Sammler oder Veteranen-Vereine. Auch die Untersuchungen Ende der achtziger Jahre waren zunächst präventive Maßnahmen beim Bau von Autobahnen oder Eisenbahntrassen. Die ersten gezielten Untersuchungen begannen 2005, zwei Jahre später wurden im Departement Haut-Rhin bei Aspach und Carspach deutsche Stellungen freigelegt und vermessen.

Die Überbleibsel erlauben die Rekonstruktion einer Realität, die, so der Schriftsteller Jérôme Prieur, sonst kaum greifbar ist: "Schlamm, Scheiße, Durst, Hunger, Kälte, Langeweile, Schmerz, Angst." Da sind etwa die selbstgefertigten Würfel und Kartenspiele, mit denen sich die Infanteristen zwischen zwei Offensiven die Zeit vertrieben, die Füller mit denen sie zeichneten oder Briefe schrieben, das verkrustete Lederetui mit der Hundemarke zur Identifizierung.

Austernschalen zeugen von kleinen Feiern

Die Soldaten versuchten, der Frontexistenz eine gewisse Normalität zu geben, "den Krieg zu zivilisieren und ihr Leben halbwegs human zu gestalten", erklärt Kuratorin Schnitzler. Der Fund von Austernschalen spricht für kleine Feiern, Parfüm für den Versuch, dem Gestank zu entkommen, Porzellantassen für eine Anmutung heimischer Gemütlichkeit.

Wichtiger noch für das (Über)leben in einer Welt des täglichen Todes: Der Glaube an ein Jenseits, belegt durch Kreuze, Marienbilder und Heiligenanhänger, bisweilen aus Munitionsresten hergestellt - wie das Kruzifix aus vier Patronenhülsen. Die schützenden Amulette halfen nicht immer, manche Stücke sind verformt durch den Einschlag von Kugeln.

Die Grabungen geben auch Aufschluss über die Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken. Um die Soldaten nicht durch verschmutztes Trinkwasser außer Gefecht zu setzen, wurde ein komplexes Liefersystem für die Versorgung mit Mineralwasser geschaffen, abgefüllt in frontnahen Fabriken. Dazu gab es Limonade, Hochprozentiges wie Danziger Goldwasser oder Obstler - geliefert aus Armeebeständen oder in Fresspaketen aus der Heimat geschickt. Und schließlich zeigen Reste von Textilien oder Leder, wie schlecht die Ausrüstung an der Front bisweilen war

Die wissenschaftlichen Entdeckungen, gefördert durch das Jubiläum des Kriegsbeginns, dem 2014 in Frankreich mit mehr als tausend Veranstaltungen gedacht wird, sorgen nicht nur für neues Interesse am Erhalt der Relikte. Manchmal schließen sie auch ein menschliches Kapitel des Krieges: Die 21 geborgenen Toten aus dem Kilianstollen wurden im Beisein von deutschen und französischen Veteranenverbänden am 19. Juli dieses Jahres in Einzelgräbern beigesetzt.


A L'Est du Nouveau, Archäologisches Museum Straßburg, Palais Rohan, 2, Place du Château. Täglich außer dienstags von 10-18 Uhr

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