Bundesregierung bestätigt Atomunfall von Sewerodwinsk war nukleare Kettenreaktion

War es ein verpatzter Waffentest? Bis heute ist unklar, was genau im August auf einem Militärgelände in Nordrussland passiert ist. Aus Sicht der Bundesregierung liefern Messwerte wichtige Hinweise.

Der Hafen der russischen Stadt Sewerodwinsk - hier waren am 8. August erhöhte Strahlenwerte gemessen worden
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Der Hafen der russischen Stadt Sewerodwinsk - hier waren am 8. August erhöhte Strahlenwerte gemessen worden

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Zumindest ein paar Dinge sind klar: Am 8. August hat es auf dem Marinetestgelände Njonoksa am Weißen Meer eine Explosion gegeben. Mehrere Menschen, Soldaten und Kerntechnikspezialisten, sind bei dem mysteriösen Vorfall gestorben. Weitere Beteiligte wurden radioaktiv verseucht.

Viele andere Aspekte des Geschehens sind aber bis heute ungeklärt: Ist damals ein neuer, nuklearbetriebener Marschflugkörper des Typs SSC-X-9 "Skyfall" bei einem Test explodiert, wie es unter anderem US-Präsident Donald Trump behauptete? Oder, wie manche Analysten mutmaßten, der mit mehreren Atomsprengköpfen zu bestückende Megatorpedo "Poseidon"?

Wenn eine Waffe an dem Vorfall beteiligt war: War sie zum Zeitpunkt des Unglücks in Betrieb? Oder sollte sie nach einem vorangegangenen, gefloppten Test geborgen werden? Davon gehen US-Behörden inzwischen aus. Oder aber ging die Strahlung, wie es die russischen Behörden zunächst behaupteten, von einer vergleichsweise ungefährlichen Radionuklidbatterie aus, wie sie etwa zur Energieversorgung von Weltraumsonden eingesetzt wird?

Russische Version der Geschichte obsolet

Eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, die dem SPIEGEL vorliegt, belegt nun: Bei dem Vorfall hat auf jeden Fall eine nukleare Kettenreaktion stattgefunden. Die Version mit der Radionuklidbatterie ist damit obsolet.

Hauptargument für die Einschätzung der Regierung sind Messungen des russischen Wetterdienstes Roshydromet aus der Region. Darin hätten sich Zerfallsprodukte teils sehr kurzlebiger Edelgase gefunden, "die wiederum selbst Produkte von Kernspaltungen sind", heißt es in der Antwort.

Nach Einschätzung der Regierung könnte es zu einem sogenannten Kritikalitätsunfall gekommen sein. Solch einen Vorfall kann man sich gewissermaßen als Zündung einer sehr kleinen Atombombe vorstellen. Zu viel spaltbares Kernmaterial befindet sich auf engem Raum, eine unkontrollierte Kettenreaktion wird ausgelöst.

Zu einem Kritikalitätsunfall war es etwa im September 1999 in der japanischen Atomfabrik Tokaimura gekommen. Damals hatten Arbeiter eine zu große Menge einer Uranverbindung in ein Gefäß gefüllt. Dabei wurde eine unkontrollierte Kettenreaktion ausgelöst, zwei Menschen starben. Auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse ("INES") wurde der Vorfall der Kategorie 4 zugeordnet, insgesamt gibt es sieben Stufen.

Kein ziviles Atomkraftwerk in der Region

Als Ursache für den Zwischenfall von Sewerodwinsk sei neben einem Kritikalitätsunfall aber auch "ein Unfall in Verbindung mit einem Reaktor, der während oder kurz vor dem Unfall in Betrieb war" denkbar, so die Bundesregierung. In der Antwort heißt es aber weiter: "In der Region um Sewerodwinsk ist allerdings kein ziviles Atomkraftwerk bekannt."

Um die nach dem Vorfall gemessene, erhöhte Strahlung zu erklären, sind laut Bundesregierung mindestens 10 hoch 19 bis 10 hoch 20 Kernspaltungen erforderlich. Das ist etwa die Größenordnung, die auch beim Unfall im japanischen Tokaimura 1999 vorlag. Experten machen noch eine andere Rechnung auf: Die erzeugte Energiemenge entspreche der eines 50-Megawatt-Atomreaktors, der eine Minute lang läuft.

Nach Ansicht der Bundesregierung weist der "fehlende Nachweis sonstiger üblicher luftgetragener Spaltprodukte auf eine Rückhaltung dieser Spaltprodukte hin". Will heißen: Was auch immer am 8. August explodiert ist, es ist vermutlich ins Wasser des Weißen Meeres gefallen. Und dieses hat dafür gesorgt, dass ein Großteil der radioaktiven Belastung, etwa durch Iod oder Cäsium, abgeschirmt wurde.

"Der Kreml hat offensichtlich nichts dazugelernt"

Grünen-Abgeordnete Kotting-Uhl, Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, kritisiert, dass sowohl nach einem Zwischenfall in der Atomanlage Majak im Oktober 2017 als auch nun nach der Explosion von Sewerodwinsk wichtige Informationen fehlen: "Die zwei schwersten Atomunfälle seit Fukushima sind in Russland passiert, doch anstatt korrekt aufzuklären, mauert und vertuscht Moskau. Mehr als drei Jahrzehnte nach Tschernobyl hat der Kreml offensichtlich nichts dazugelernt."

Die Bundesregierung, fordert Kotting-Uhl, dürfe das nicht hinnehmen. "Sie muss in beiden Fällen konsequent auf Aufklärung dringen und alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausschöpfen."

Eine endgültige Klärung, was auf dem Testgelände vorgefallen ist, gibt es weiterhin nicht, nur Indizien. Auch eine Einordnung auf der INES-Skala existiert wegen des militärischen Charakters des Tests und der fehlenden Informationen nicht.

Kürzlich hatten russische Behörden drei US-Diplomaten abgefangen, die in der Gegend von Sewerodwinsk mit dem Zug unterwegs waren, offenbar um das Testgelände Njonoksa zu besuchen. In Washington erklärte man, die Gruppe habe ihre Reise bei den russischen Behörden angekündigt.

Moskau hielt dagegen, den Männern hätten die Genehmigungen für den Zugang zu dem abgesperrten Gebiet gefehlt. Als Ziel ihrer Reise hätten sie Archangelsk angegeben - und dennoch seien sie bei Sewerodwinsk gelandet. Man stelle der US-Botschaft für die Zukunft aber gern eine Landkarte Russlands zur Verfügung.



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