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13. März 2011, 08:32 Uhr

Sicherheit von Siedewasserreaktoren

Neue Angst vor alten Meilern

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Welche Bedeutung hat der Atomunfall von Fukushima für Deutschland? Kraftwerke wie Brunsbüttel und Isar verwenden ähnliche Siedewasserreaktoren, die hiesigen Modelle sind vergleichbar antiquiert - in einem wichtigen Punkt sind sie den japanischen Modellen wohl sogar unterlegen.

Für das Deutsche Atomforum sind die Dinge klar: Einen Unfall wie im japanischen Reaktor Fukushima Daiichi werde es in Deutschland niemals geben. Das jedenfalls erklärte der Lobbyverband am Samstagnachmittag selbstsicher. "Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar".

Atomkraftgegner bewerten das Risiko schwerwiegender Atomunfälle in Deutschland ganz anders. Sie kritisieren, dass ähnlich wie vom Uralt-Meiler in Japan - er sollte offenbar in diesem Herbst vom Netz gehen - auch von deutschen Reaktoren unvertretbare Gefahren ausgehen könnten.

Tatsache ist: Deutsche Siedewasserreaktoren sind denen in Japan im Grundsatz sehr ähnlich. Sicherheitsexperten kritisieren vor allem die Alt-Meiler - allen voran die der sogenannten Baulinie 69. Sie sind nur wenig jünger als die japanischen Havariereaktoren. Zu dieser Gruppe gehören Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1.

Im Detail geht es bei der Sicherheitsdiskussion um drei Hauptpunkte:

Sicherheitsbehälter: Zumindest für längere Zeit scheint der Sicherheitsbehälter des Havarie-AKW Fukushima Daiichi, auch Containment genannt, das Austreten von radioaktiven Stoffen verhindert zu haben. Er ist nach der verschweißten Brennstabhülle und dem Reaktordruckbehälter die dritte Barriere, die das Entweichen von gefährlichem Nuklearmaterial nach außen verhindern soll. Das Containment wiederum ist von der äußeren Gebäudehülle umgeben. Diese war bei der Wasserstoffexplosion am Reaktor 1 beschädigt worden. Das Containment blieb nach bisherigen Angaben aber intakt.

Ob der Druck- und Sicherheitsbehälter dauerhaft halten, muss sich noch zeigen. Doch allein dass das Containment bisher durchgehalten hat, ist von großem Vorteil - nicht zuletzt für die Evakuierungen in der Nähe des Reaktors.

"Wir sehen, wie wichtig der Sicherheitsbehälter ist", bestätigt Heinz Smital von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Problem: Bei den deutschen Siedewasserreaktoren der Baureihe 69 ist ausgerechnet diese äußerste Schutzbarriere immer wieder kritisiert worden. Denn sie ist im Gegensatz zu dem japanischen AKW und den meisten anderen Atommeilern nicht aus Beton, sondern aus leicht schmelzendem Stahl. Hier stünden die Alt-Meiler in Deutschland nach einem Unfall vermutlich schlechter da. Beton wird bei großer Hitze aus einem geschmolzenen Reaktorkern langsam mürbe. Stahl dagegen schmilzt bei zu großer Hitzeentwicklung einfach weg.

Notstromversorgung: Die Notstromversorgung der Kühlpumpen in Fukushima Daiichi ist nach Erdbeben und Tsunami ausgefallen. Die eigentlich für diesen Fall vorgesehenen Dieselgeneratoren versagten nach kurzer Zeit den Dienst. Batterien wurden als letzte Lösung eingesetzt. Das Atomforum argumentiert, in deutschen Reaktoren stünden mehr Dieselgeneratoren für die Stromversorgung zur Verfügung als in Japan. Es gebe auch Anschlussstellen für externe Generatoren. Die japanischen Anlagen verfügten über zwei Stränge von Sicherheitssystemen, die deutschen dagegen über vier. "Diese sorgen im Notfall dafür, dass alle notwendigen Aggregate für die Nachwärmeabfuhr zur Verfügung stehen", so der Lobbyverband.

Greenpeace-Experte Smital hält dagegen: "Externe Ereignisse können auch vermeintlich redundante Systeme zerstören." Es ergebe sich in der Praxis schlicht nicht die Sicherheit, die rechnerisch zu erwarten wäre. Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie glaubt dagegen nach eigenem Bekunden an die Sicherheit der deutschen Atomanlagen: "Selbst wenn die Dieselgeneratoren versagen, geht man davon aus, dass man innerhalb von 24 Stunden Strom an die Anlage bekommt", sagt der Sicherheitsforscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Anlagen seien "nach bestem Wissen und Gewissen" genehmigt worden. Zuletzt gab es in Deutschland aber etwa um die Notstromversorgung des Reaktors Neckarwestheim Diskussionen. Dabei handelt es sich allerdings um einen Druckwasserreaktor, bei dem das Kühlmittel Wasser im Unterschied zum Siedewasserreaktor unter so hohem Druck steht, das es flüssig bleibt.

Erdbebensicherheit: In Japan hat ein besonders schweres Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami zu den aktuellen Problemen der Atomkraftwerke geführt. Ein Tsunami ist hierzulande wohl ausgeschlossen, und auch ein Erdstoß dieser Stärke ist extrem unwahrscheinlich. Am Rheingraben, einer geologischen Bruchzone, kann es allerdings durchaus zu kleineren Beben kommen. Genau wegen dieser Gefahr ging etwa der Reaktor Mülheim-Kärlich nie ans Netz. In der Region des Rheingrabens stehen auch die Meiler in Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis sowie der französische Reaktor Fessenheim.

"Deutsche Kernkraftwerke sind gegen die bei uns zu erwartenden Erdbeben ausgelegt", sagt Jürgen Maaß vom Bundesumweltministerium. Ein Atomkraftwerk müsse das im Umkreis von 200 Kilometern größte je gemessene Erdbeben aushalten, erklärt der ehemalige Chef der Atomaufsicht in Deutschland, Wolfgang Renneberg. Verschiedene Kraftwerke müssten jedoch nachgerüstet werden. "Über diese Fragen gibt es seit langem Streit unter Experten." Klar sei aber, dass besonders der französische Altmeiler in Fessenheim die Anforderungen nicht erfülle. Das Verwaltungsgericht in Straßburg hat erst in dieser Woche einen Antrag von Atomkraftgegnern aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz dazu abgewiesen.

Die Ereignisse in Japan werden die Debatte um die Nutzung der Kernenergie auch in Deutschland wieder anfachen, so viel ist bereits klar. "Die Risiken der Atomenergie sind völlig unvertretbar, und wir müssen so schnell wie möglich dort aussteigen", warnt etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Kanzlerin Angela Merkel kündigte an, dass sie die deutschen Kernkraftwerke überprüfen lassen wolle. Für Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) steht zumindest folgendes fest: "Die Grundfrage der Beherrschbarkeit von Gefahren ist mit dem heutigen Tag neu gestellt, und der werden wir uns auch zuwenden."

Das wird auch das Deutsche Atomforum interessieren.

Mit Material von dpa

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