Sicherheitsmängel Dokumente enthüllen Unfälle auf Nordsee-Bohrinseln

Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gelobten viele Ölmultis Besserung in Sachen Sicherheit. Dokumente britischer Behörden enthüllen jetzt ein anderes Bild: Allein in den letzten beiden Jahren haben sich mehr als hundert Unfälle auf Bohrinseln in der Nordsee ereignet - oft unbemerkt.
Von Cinthia Briseño
Norwegische Ölplattform "Statfjord A" in der Nordsee: Musste 2008 evakuiert werden

Norwegische Ölplattform "Statfjord A" in der Nordsee: Musste 2008 evakuiert werden

Foto: A3131 epa Scanpix Hommedal Marit/ dpa

London - Die Jagd nach Energieressourcen in den Weltmeeren geht ungebremst weiter. Überall in der Welt wird in der Tiefsee gebohrt, die Geschäfte mit dem Schwarzen Gold laufen bestens. Dabei sollte nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko alles anders werden: Das Unglück auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon" vom 20. April 2010 riss elf Arbeiter in den Tod, monatelang flossen Hunderte Millionen Liter Rohöl ins Meer. Danach gelobte die Branche Besserung in puncto Sicherheit.

Seitdem betonen Ölkonzerne, sie seien emsig bemüht, das Bohren in der Tiefsee sicherer zu machen. So hat etwa die "Marine Well Containment Company", die für ein Konsortium der großen Ölkonzerne Sicherheitslösungen entwickelt, jüngst ihr Flagschiff vorgestellt - eine Art Auffangtrichter, der es ermöglichen soll, Öllecks am Meeresboden erheblich schneller abzudichten. Doch Experten für internationale Energiemärkte fällen ein anderes Urteil und glauben, dass sich der Kurs der Ölbranche kaum verändert habe - die Risiken der Ölförderung seien nach wie vor hoch.

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, zeigt jetzt ein Bericht im Londoner "Guardian" über Ölbohrungen in der Nordsee: Ungefähr einmal pro Woche, so heißt es in der britischen Tageszeitung, käme es dort zu Lecks. Öl und Gas entwichen in ernstzunehmenden Mengen.

Die Zeitung hatte mit Hilfe des "Freedom of Information"-Gesetzes Papiere der britischen Aufsichtsbehörde Health and Safety Executive (HSE) eingefordert, die das Ausmaß der Sicherheitslücken in der Nordsee dokumentieren. Dabei handelt es sich um Auszüge aus einer Datenbank, die nach der Explosion auf der Bohrinsel "Piper Alpha" im Juli 1988 eingerichtet wurde. Es war das bisher schwerste Unglück auf einer Bohrinsel: 167 Männer kamen bei dem Brand auf der Plattform ums Leben. Seither protokollieren Betreiber von Ölplattformen Unfälle und übermitteln diese an die HSE - allerdings nur auf freiwilliger Basis.

Erhebliche Lecks

Laut "Guardian" untermauern die Dokumente, dass bei den Ölkonzernen noch immer kein neues Sicherheitsdenken herrscht: Allein in den Jahren 2009 und 2010 hat es demnach mehr als hundert Unfälle gegeben, bei denen entweder Menschen zu Schaden kamen oder Öl und Gas in die Nordsee strömten. Die Lecks wurden von der Behörde entweder als "bedeutend" oder "erheblich" eingestuft.

Über die Details der Vorfälle berichtet der "Guardian" jedoch nicht. So seien Gaslecks, solange sie sich in sicherer Entfernung von der Bohrinsel ereigneten und kontrolliert abgefackelt würden, nichts Ungewöhnliches, sagt Steffen Bukold, Leiter eines unabhängigen Beratungsbüro für internationale Energiemärkte. Der Ölexperte entdeckt in dem Bericht wenig Überraschendes. Dennoch räumt er ein, dass in vielen Fällen von Transparenz der Ölindustrie keine Rede sein könne. "Vor allem wenn es sich um Öllecks und Risikosituationen handelt, erfährt man zu wenig und oft erst sehr viel später", sagt Bukold im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Vorfälle dieser Art gelangen nur selten zügig an die Öffentlichkeit. Im Mai 2010 etwa konnte in der Nordsee ein Bohrunfall wie im Golf von Mexiko nur in letzter Sekunde verhindert werden. Wie gefährlich der Zwischenfall seinerzeit tatsächlich war, stand erst viele Monate später in einem Bericht der norwegischen Behörde für Sicherheit in der Ölindustrie. Demnach war es nur einem "glücklichen Umstand" zu verdanken, dass es zu keinem Ölausbruch auf dem Meeresboden oder einer Explosion kam. Bei dem Vorfall musste die Plattform "Gullfaks C" der Ölgesellschaft Statoil teilweise evakuiert werden. "Dass die Bohrinsel damals kurz vor einem großen Blowout stand, wurde kaum berichtet, weil die extrem riskanten Umstände erst nach Monaten veröffentlicht wurden", sagt Bukold.

Der Bericht der norwegischen Behörde strafte damals Aussagen einer Reihe von Vertretern der europäischen Ölindustrie Lügen, die sich nach dem BP-Unfall überzeugt gezeigt hatten, dass es in Europa zu solchen Unglücken wie auf der "Deepwater Horizon" nicht kommen könne.

"Sicherheit ist unser Grundwert"

Die Datenbank der HSE zeichnet ein anderes Bild vom Risiko Tiefseebohrung in der Nordsee: Anführer der Unglücksliste sind dem "Guardian" zufolge zwei Plattformen. Eine davon, die "Brent Charlie", wird vom Öl-Riesen Shell betrieben. Seit 1976 verrichtet die Plattform vor der Küste Schottlands ihren Dienst und gilt unter Kritikern deshalb als längst überholungsbedürftig. Mit sieben Lecks in nur zwei Jahren steht sie an Platz eins der Liste, was Shell nicht von seinen Beteuerungen abbringt. "Sicherheit ist, war und wird immer unsere Priorität Nummer eins sein. Sicherheit ist unser Grundwert", sagte Shell-Chef Peter Vosser im vergangenen November dem "Guardian".

Dabei hatte der Zeitung zufolge Shell-Sicherheitsberater Bill Campbell schon 2006 behauptet, dass der Ölmulti Sicherheitsmängel bei den Bohrungen in der Nordsee seit Jahren ignoriere. Im gleichen Jahr war demnach auch eine Untersuchungskommission zu dem Entschluss gekommen, dass der Unfall auf der Plattform "Brent Bravo" im Jahr 2003, bei dem zwei Arbeiter ums Leben gekommen waren, hätte verhindert werden können - durch die Reparatur eines Lochs in einer verrosteten Pipeline.

Shell wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Jedes Leck ist inakzeptabel", sagte ein Sprecher im "Guardian". "Wir haben Fortschritte gemacht. Wir arbeiten eng mit den Behörden zusammen und haben in den vergangenen Jahren mehr als eine Milliarde Dollar in für die Verbesserung der Anlagen in der Nordsee investiert."

Auch BP musste im September 2009 Sicherheitsmängel bei Bohrungen in der Tiefsee einräumen: Vier von fünf Plattformen waren nach einem Bericht der britischen Umwelt- und Energieaufsichtsbehörde nicht ausreichend auf ein Öl-Leck vorbereitet, Mitarbeiter für den Ernstfall nicht ausreichend geschult. Auch ExxonMobil-Chef Rex Tillerson räumte in einer US-Kongressanhörung zum Desaster im Golf von Mexiko ein: "Wir sind für solche Tiefseelecks nicht ausgerüstet."

Dennoch sind viele Ölmultis derzeit bemüht, Genehmigungen für Arktis-Offshore-Ölbohrungen zu erhalten - dort wittern sie Milliardengeschäfte, obwohl die Förderung in der Arktis teurer zu stehen kommen könnte als erwartet. Die erste Zusage ging jüngst an die schottische Ölgesellschaft Cairn Energy, die vor Grönlands Westküste noch in diesem Sommer mit ihren Bohrungen beginnen will. Dabei gelten die gleichen Sicherheitsbestimmungen wie im norwegischen Teil der Nordsee, die nach Angaben der grönländischen Regierung deutlicher sind als jene, die im Golf von Mexiko gegolten hätten.

Was das Maß an Sicherheit bedeutet, steht in den offiziellen Zahlen der norwegischen Ölaufsichtsbehörde: Jährlich gibt es im Nordseesektor durchschnittlich 10 bis 15 Lecks, bei denen Öl und Gas ins Meer austreten - trotz der Standards.

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