Chicken-Nuggets aus dem Bioreaktor Erstmals im Labor gezüchtetes Fleisch zum Verzehr zugelassen

Singapur erlaubt als erstes Land, im Labor produziertes Fleisch an Verbraucher zu verkaufen. Der Stadtstaat hat ein neues Regelwerk für »neuartige Lebensmittel« erlassen. Lieferant ist das US-Start-up Eat Just.
Fleischmarkt in Singapur: Weltweit wächst der Fleischkonsum stark

Fleischmarkt in Singapur: Weltweit wächst der Fleischkonsum stark

Foto: Suhaimi Abdullah / Getty Images

Damit Menschen Fleisch essen können, müssen Tiere sterben. Immer mehr Menschen machen sich das im Alltag bewusst und verzichten zumindest auf das tägliche Stück Fleisch. Nicht zuletzt, weil es in einigen Fällen längst gute Alternativen gibt, an die sich auch der ein oder andere Fleischfan herantraut.

So lösten 2019 etwa die Burgerpatties aus Erbsen des Start-ups Beyond Meat einen regelrechten Hype aus und sind inzwischen längst auch auf den Speisekarten von Restaurants und Bars zu finden. Auch im Wurstregal finden sich durchaus schmackhafte Alternativen.

Sie basieren oft auf Pflanzenprodukten, etwa Soja, deren Herstellung mitunter jedoch auch mit Schäden für die Umwelt verbunden sind, weil Wälder gerodet werden müssen oder lange Transportwege anfallen. Seit Jahren arbeiten Firmen deshalb an einem gänzlich anderen Ansatz: Sie produzieren Fleisch im Labor. Nun hat Singapur als erster Staat weltweit ein solches Produkt für den Lebensmittelmarkt zugelassen.

Mit Pflanzenprotein vermischt

Das Land gestattet es dem US-Start-up Eat Just, im Labor gezüchtetes Hähnchen in Form von Chicken-Nuggets zum Verkauf anzubieten. Allerdings handelt es sich um kein reines Fleischprodukt. Die im Labor gezüchteten tierischen Zellen wurden mit Pflanzenproteinen vermischt, um die Kosten zu senken. Das genaue Verhältnis ist nicht klar.

Die Zulassung habe zwei Jahre gedauert und sei am 26. November 2020 erteilt worden, erklärte Eat Just. Sieben Experten hätten die Herstellung in mehr als 20 Produktionsläufen in 1200 Liter fassenden Bioreaktoren getestet und untersucht. Unter den Prüfern seien Lebensmitteltoxikologen, Bioinformatiker, Ernährungswissenschaftler, Epidemiologen, Lebensmittelwissenschaftler und -technologen sowie Fachleute für öffentliche Gesundheitspolitik gewesen.

Die Lebensmittelbehörde in Singapur bestätigte die Zulassung und verwies darauf, dass im Land ein eigenes Regelwerk für »neuartige Lebensmittel« eingeführt worden sei. Der stark Hightech-orientierte Stadtstaat ist in den vergangenen Jahren ein Zentrum für zahlreiche Start-ups geworden, die auf die Produktion nachhaltiger Lebensmittel setzen.

Die Basis bilden Zellen aus lebenden Hähnchen

Fleisch im Labor wird nach einem immer ähnlichen Verfahren hergestellt. Die Basis bilden, wie bei Eat Just, Zellen von einem lebenden Tier, die etwa in einer Biopsie entnommen werden, oder etablierte Zelllinien aus dem Labor. Die Zellen kommen mit einer Nährlösung in einen Bioreaktor, der für das Wachstum optimale Bedingungen schafft. Dort vermehren sich die Zellen und können anschließend zu Fleischbällchen oder Nuggets verarbeitet werden.

Die Struktur eines reinen, unverarbeiteten Stück Fleischs zu erzeugen, ist allerdings noch eine Herausforderung. Und die Produktion ist teuer, vor allem wegen der kostspieligen Nährstoffe für das Wachstum der Zellen. Ein im Jahr 2013 in London vorgestellter Labor-Burger, der aus Muskelzellen einer lebenden Kuh gezüchtet worden war, hatte rund 250.000 Euro gekostet. Auch deshalb hat Eat Just seinem Produkt Pflanzenprotein beigemischt.

Die Firma erklärte, der Preis seines Produktes werde etwa auf dem Niveau von Hähnchenfleisch in einem Oberklasse-Restaurant liegen und solle in den kommenden Jahren unter den von konventionellem Hähnchenfleisch gesenkt werden. Eine konkrete Zahl ist nicht bekannt. Ob Verbraucher das Laborfleisch annehmen, dürfte neben dem Preis aber auch entscheidend vom Geschmack abhängen.

Verkauf im Restaurant, dann im Einzelhandel

Es gebe bereits ein Restaurant, das das Produkt anbieten werde, erklärte Eat Just. Auf der Karte stehen sollen die Nuggets als »cultured chicken«. »Wir werden von einem einzigen Restaurant auf fünf bis zehn gehen und schließlich in den Einzelhandel«, sagte Eat-Just-Chef und Mitbegründer Josh Tetrick. Anschließend hoffe er auf die Zulassung in weiteren Staaten.

»Wir hoffen und erwarten, dass die USA, China und die EU das Thema aufnehmen«, sagte auch Bruce Friedrich, Geschäftsführer des Good Food Institute, einer gemeinnützigen Organisation, die sich mit Fleischalternativen befasst, »Technology Review« . »Nichts sei wichtiger für das Klima als eine Abkehr von der industriellen Tierhaltung.«

Der weltweite Fleischkonsum gilt als ein Treiber des Klimawandels – vor allem wegen des enormen Flächenverbrauchs für die Massentierhaltung und der damit verbundenen Emissionen, unter anderem von Methan.

Laut dem Ernährungsreport 2020 des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL), für den von Dezember 2019 bis Januar tausend Menschen repräsentativ befragt wurden, sankt der Anteil derjenigen, die im Land täglich Fleisch oder Wurst konsumieren seit 2015 von 34 auf 26 Prozent.

Möglicherweise hat der Corona-Skandal im Schlachtbetrieb Tönnies Mitte des Jahres, bei dem auch die schlechten Bedingungen für Mitarbeiter im Fokus standen, die Werte noch einmal gedrückt. Weltweit wächst der Fleischverbrauch allerdings weiterhin stark.

Mit Material von AFP
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