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"Solar Impulse 2": Der Sonnenflieger

Foto: HUGH GENTRY/ REUTERS

Solarflieger-Pilot nach Weltrekord  "Techniker drängten mich zur Umkehr"

Riesige Wolkenmauern, 60 Grad Temperaturschwankungen: Zwei Schweizer fliegen nur von Sonnenstrahlen angetrieben um die Welt. Pilot André Borschberg erzählt von Gefahren und großen Gefühlen.

André Borschberg und Bertrand Piccard sind seit Anfang März auf einer Mission der besonderen Art. Angetrieben nur von der Kraft der Sonne wollen sie die Welt umrunden. Ihr Flugzeug, die "Solar Impulse 2", verfügt nur über einen Sitz, sodass sich die beiden auf den zwölf Etappen abwechseln: Einer fliegt, der andere kommt mit einer Linienmaschine hinterher. Nach jeder Landung bleibt der Solarflieger einige Tage oder gar Wochen am Boden.

Gestartet sind sie in Abu Dhabi, inzwischen haben sie die halbe Welt umflogen. Mit ihrer bislang letzten Etappe von Japan nach Hawaii haben sie den Rekord des längsten Soloflugs in einem Solarflugzeug aufgestellt: Fünf Tage und Nächte steuerte Borschberg den Flieger.

Im SPIEGEL-ONLINE-Interview schildert Borschberg, dass er den Rekordflug eigentlich abbrechen sollte.

Zur Person
Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

André Borschberg (l.) und Bertrand Piccard (r.) wollen mit ihrem Flugzeug "Solar Impulse 2" , das allein mit Sonnenenergie betrieben wird, beweisen, dass Fliegen auch ohne fossile Energien möglich ist. Borschberg ist Unternehmer und erfahrener Kampfjetpilot. Er ist der Ingenieur des Flugzeuges. Piccard ist Psychiater und Abenteurer, ihm gelang es als Erstem, mit einem Heißluftballon die Welt zu umrunden. Die beiden Schweizer wechseln sich im einsitzigen Solarflugzeug beim Fliegen ab.

SPIEGEL ONLINE: Herr Borschberg, herzlichen Glückwunsch zum Weltrekord, aber fast wäre es nichts geworden, Sie wären fast umgekehrt auf Ihrem Flug von Japan nach Hawaii. Wie gefährlich war es?

André Borschberg: Knapp einen Tag nach dem Start hatte ich den "Point of no Return" erreicht, danach war eine Umkehr wegen des starken Westwinds nicht mehr möglich. Leider hatten wir technische Schwierigkeiten mit dem "Pilot Support System", das den Flug überwachen soll, wenn der Pilot schläft. Einige Techniker im Team drängten zur Umkehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie flogen weiter. Kam da der Kampfpilot in Ihnen durch, zu dem Sie ausgebildet wurden?

Borschberg: Es war eine harte Entscheidung, ich habe an meine Familie gedacht, hatte starke Emotionen, denn ich ahnte: Jetzt entscheidet sich unser ganzes Projekt. Zusammen mit meinem Freund Bertrand Piccard kam ich aber zur Überzeugung, dass es weitergehen muss. Die Wetteraussichten waren zu gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den technischen Ausfall kompensiert?

Borschberg: Durch intensiveren Kontakt mit dem Kontrollzentrum in Monaco, das allerdings im Ernstfall erst nach einigen Sekunden Verzögerung reagieren könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie denn mal unsanft geweckt in Ihren kurzen Schlafpausen?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Borschberg: Nein, ernste Probleme gab es nicht. Der erste Schlaf aber fiel schon schwer, ich musste die Entscheidung zum Weiterflug noch verdauen. Erst mit geschlossenen Augen spürt und hört man alle Bewegungen des Flugzeugs - so allein in der Luft hat man ähnliche Gefühle wie nachts allein im Dschungel mit vielen seltsamen Geräuschen. Mit Atemübungen komme ich aber gut in den Schlaf. Nach 20 Minuten klingelt der Wecker.

SPIEGEL ONLINE: Quält Müdigkeit Sie nicht?

Borschberg: Man ist erstaunlich präsent und sehr fokussiert. Weil alltägliche Handlungen wie Essen oder der Toilettengang im engen Cockpit länger dauern, gibt es ständig etwas zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie schlafen auf ihrem Sitz, selbst die Toilette ist darin integriert - erlahmt nicht der Kreislauf nach so langer Zeit ohne Bewegung?

Borschberg: Mit Yoga halte ich mich agil, ich war selbst erstaunt, wie viel Energie ich hatte. Aber es war schon eine extreme Strapaze, am Ende habe ich die Stunden gezählt. Nach der Landung auf Hawaii hat ein hawaiianischer Therapeut zunächst meine Muskeln im Cockpit massiert, sonst wäre ich wohl nicht gleich auf die Beine gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Risiko war das Wetter, es lässt sich nur drei Tage gut vorhersagen, die letzten zwei waren schwieriger, oder?

Borschberg: Ja, eine Front war aufgezogen, wie eine riesige Mauer aus Wolken. Glücklicherweise war sie nicht allzu hoch - in 7500 Metern Höhe konnte ich sie überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Die Temperatur im Cockpit schwankte zwischen minus 20 und plus 40 Grad, und die Luft in der Höhe hat wenig Sauerstoff, Ihr Cockpit verfügt aber weder über Heizung noch über Luftausgleich - sind dicke Kleidung und Sauerstoffmaske nicht auf Dauer beschwerlich?

Borschberg: Bei Hitze konnte ich einige Lagen ablegen. Ansonsten war ich gekleidet wie ein Bergsteiger, nur dass ich auch noch meist einen Fallschirm trug, für den Notfall.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn heikle Situationen?

Borschberg: Nichts Ernstes. In Turbulenzen ist das Flugzeug allerdings recht schwer zu fliegen, da brauche ich all meine Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Tagsüber müssen Sie Sonne tanken, um die Nacht weiter fliegen zu können - keine Angst vor Dauerbewölkung?

Borschberg: Kluge Navigation gehört zur Mission. Unser Ziel ist immer, gleich morgens in die Sonne zu kommen - das ist bislang gelungen. Nachts fliegen wir energieschonend in geringer Höhe von 2500 Metern, tagsüber geht's mit Sauerstoffmaske näher an die Sonne, bis zu 8500 Meter hoch.

SPIEGEL ONLINE: Mit durchschnittlich 60 km/h schwebten Sie über den Pazifik - was haben Sie gesehen außer Wolken und Wasser, Vollmond und Sterne?

Borschberg: Wunderbare Sonnenaufgänge.

SPIEGEL ONLINE: Fast die Hälfte der Weltumrundung ist geschafft, wie lautet Ihre Bilanz?

Borschberg: Wir sind glücklich und stolz, gezeigt zu haben, dass Flugzeug und Pilot tagelang ohne fossile Energien in der Luft bleiben können. Wir fühlen uns wie die Pioniere der konventionellen Luftfahrt Anfang des 20. Jahrhunderts bei ihren ersten Langstreckenflügen.

SPIEGEL ONLINE: Wann geht's weiter?

Borschberg: Nächste Woche wollen wir Richtung Phoenix in den USA aufbrechen, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Der Trip meines Freundes Bertrand Piccard über den Ostpazifik dürfte mehr als vier Tage dauern.

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