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04. Januar 2018, 06:38 Uhr

Zerstörte Akten

Was wurde aus... der Stasi-Schnipselmaschine?

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In den letzten Tagen der DDR zerrissen Stasi-Mitarbeiter brisante Akten per Hand. Eine Software könnte die Schnipsel wieder zusammensetzen - doch das wird vorerst nicht passieren. Warum eigentlich?

Um 17.17 Uhr geht das Tor auf - von innen. Dann strömen Zehntausende Menschen auf das Gelände. Es ist der 15. Januar 1990 und im Berliner Stadtteil Lichtenberg besetzen Berliner Bürger die Zentrale der Staatssicherheit, des lange so gefürchteten DDR-Geheimdiensts. Viel Wut hat sich aufgestaut, es wird geplündert und zerstört.

Stasi-Leute waren an diesem Nachmittag de facto keine da, sie waren rechtzeitig nach Hause gegangen. Zwei Monate hatten sie nach dem Mauerfall Zeit gehabt, ihre wichtigsten Geheimnisse zu beseitigen. Während die Bezirkszentralen in Erfurt, Rostock oder Leipzig längst von der Opposition übernommen waren, war es in der Hauptstadt zunächst ruhig geblieben.

Also haben die Offiziere viel Zeit, Akten zu vernichten. Weil die Schredder aber mit der Flut der Geheimnisse nicht schritthalten, entscheiden sich die Spitzel irgendwann, brisante Unterlagen auch einfach zu zerreißen. Insgesamt 16.000 Behältnisse mit "vorvernichteten" Akten, die meisten von ihnen Papiersäcke, kommen so zusammen. Ein Meer an Schnipseln.

Auch heute, fast auf den Tag genau 28 Jahre später, ist nur ein Bruchteil dieser Dokumente wieder zusammengesetzt - und wie es aussieht, wird das wohl auch einstweilen so bleiben. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, hat in dieser Woche in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt, die massenhafte Rekonstruktion am Computer komme nicht weiter voran. Das Projekt sei vorerst gestoppt. "Die technischen Voraussetzungen reichen nicht", so Jahn. Es fehlten die passenden Scanner.

Das klingt kurios. Die Menschheit schreibt das Jahr 2018 - Computer sind mittlerweile so leistungsfähig, dass sie komplexe Strategiespiele gegen Großmeister gewinnen. In ein paar Tagen soll - als aberwitziger PR-Stunt - ein Elektroauto an der Spitze einer kraftvollen Rakete Richtung Mars abheben. Und die Aufarbeitung des DDR-Unrechts scheitert… an einem fehlenden Scanner?

Experten haben mehr als zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet, die zerstörten Stasi-Akten elektronisch wieder zusammenzusetzen. (Lesen Sie dazu hier einen Text von Alexander Osang aus dem Jahr 2008.) Es ist ein Puzzle mit 600 Millionen Teilen, die irgendwas um die 40 bis 45 Millionen Seiten ergeben würden. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin hat mit Millionenaufwand dafür eine Software entwickelt. Sie heißt - passend - "ePuzzler" und liegt seit Jahren vor.

Schon im Jahr 2013 gab es den europäischen Innovationspreis EARTO für die Software. Behördenchef Jahn bezeichnet sie auch als leistungsfähig. Woran hängt es also? Benötigen die Scanner eine besonders hohe Auflösung? Bringen die Scan-Daten die Auswertungscomputer an ihre Grenzen?

Wohl eher nicht.

Das erfährt man, wenn man sich in der Sache etwas umhört. Das Fraunhofer-Verfahren setzt nämlich durchaus erfolgreich Akten zusammen. Aus dem Nachlass des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zum Beispiel, auch testweise aus dem Kölner Stadtarchiv. Steuer- und Zollfahnder arbeiten ebenfalls damit, in kleinem Umfang.

Die Scanner benötigen eine Auflösung von 300 dpi, das ist im Handel locker zu haben. Aber sie müssen befüllt werden. Die Schnipsel werden beim bisherigen System geglättet und von Hand in eine Folientasche gelegt - auch damit Papierstaub den Scanner nicht binnen kürzester Zeit beschädigt.

Und dieser Schritt, das Einlegen, hat sich beim Stasi-Projekt als extrem aufwendig herausgestellt. Und teuer. So aufwendig und teuer, dass der Bundesrechnungshof bereits Anfang 2016 in einem Gutachten warnte, es bestehe "keine verlässliche Perspektive, mit der vorhandenen Technologie den Gesamtbestand der zerrissenen Unterlagen in absehbarer Zeit und zu überschaubaren Kosten wiederherzustellen". In Wahrheit war das Projekt in seiner bisherigen Form da bereits gestorben. Jahn hat das jetzt nur offen ausgesprochen.

Bisher kein neuer Vertrag

Das Ganze ist aber kein technisches Problem - sondern ein finanzielles. Ja, die Papierschnipsel lassen sich nicht einfach mit Scannern aus dem Elektromarkt einlesen - schließlich müssen beide Seiten des Papiers gleichzeitig eingelesen werden. Außerdem ist die Lagetreue der gescannten Punkte wichtig, damit die Software beim virtuellen Puzzeln keine Probleme bekommt. Aber Fraunhofer könnte solch einen Scanner wohl bauen, ist zu hören. Mit Roboterarmen und schnellen Laufbändern.

Geld dafür wäre im Grundsatz auch da. Der Bundestag hat im Jahr 2014 zwei Millionen Euro bewilligt. Doch einen neuen Vertrag zwischen Jahns Behörde und dem Fraunhofer-Institut gibt es bisher noch nicht. Und das ist offenbar die entscheidende Schwierigkeit.

"Die Prüfung des Bundesrechnungshofes hat im November 2017 einen offiziellen Abschluss gefunden", sagt die Sprecherin der Stasi-Unterlagenbehörde, Dagmar Hovestädt, dem SPIEGEL. Man habe "Aspekte der Prüfung in das neue Projektdesign einfließen lassen". Die Sache soll also weitergehen, irgendwie. "Wir sind mit dem Fraunhofer IPK in guten Gesprächen zur Fortsetzung des Projektes mit neuer Scan-Technologie und hoffen, dass ein Vertrag in 2018 abgeschlossen werden kann", so Hovestädt.

Bis jetzt erschlossen sind erst magere 23 Säcke mit insgesamt 91.000 Seiten. Diese sollen ab Frühjahr komplett ins Archiv der Jahn-Behörde integriert sein. Akten aus rund 500 weiteren Säcke wurden in jahrelanger Kleinarbeit im bayerischen Zirndorf zusammengesetzt - von Hand. Rund 1,6 Millionen Blätter sind so zusammengekommen, die Opferakten des Schriftstellers Stefan Heym und des Oppositionellen Jürgen Fuchs zum Beispiel oder Material zum Staatsdoping im Sport oder die Beziehungen zu RAF-Terroristen wie Silke Meier-Witt.

Doch auch dieses Projekt endete im Jahr 2015, die Mitarbeiter haben inzwischen Wichtigeres zu tun. Sie arbeiten für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Bleiben also noch rund 15.500 Säcke übrig.

Die seien, darauf legt Behördenchef Jahn wert, sicher gelagert. Ein Zerfall des Archivs drohe nicht.

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