AKW in Frankreich Störfall in Fessenheim soll verharmlost worden sein

Ein Störfall im ältesten Atomkraftwerk Frankreichs war offenbar gravierender als bisher angenommen. Laut Medienberichten wurde ein Wassereinbruch in Fessenheim heruntergespielt.
Reaktorgelände in Fessenheim am Rhein

Reaktorgelände in Fessenheim am Rhein

Foto: VINCENT KESSLER/ REUTERS

Der Fall soll einzigartig in Europa sein: Eine Panne im umstrittenen elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim im April 2014 hat sich einem Bericht zufolge als dramatischer als bislang bekannt herausgestellt. Der Reaktor habe sich vorübergehend nicht mehr richtig steuern lassen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" am Freitag in ihrer Onlineausgabe  unter Berufung auf gemeinsame Recherchen mit dem WDR. Damals war Wasser in den Reaktor eingedrungen und hatte für eine Überschwemmung gesorgt - das habe eine "Abfolge von technischem Versagen und Chaos" nach sich gezogen.

Das einberufene Krisenteam hatte damals entschieden, den Reaktor abzuschalten. Am Ende wurde der Meiler dem Bericht zufolge per Einleitung von Bor ins Kühlsystem heruntergefahren. In der Mitteilung der französischen Atomaufsicht ASN sei von einer solchen Maßnahme aber nicht die Rede gewesen. Die Medien berufen sich auf ein Schreiben der ASN an den Leiter des Kraftwerks nahe der Grenze zu Baden-Württemberg wenige Tage nach dem Zwischenfall.

Die Atomaufsicht hatte damals in einer Pressemitteilung erklärt, dass der Wassereinbruch in Schaltkästen im nicht-nuklearen Teil der Anlage eines der zwei separaten Elektroniksysteme für die Notabschaltung beschädigt habe. Sie betonte jedoch, dass das zweite weiterhin arbeitete und damit das Funktionieren stets sichergestellt gewesen sei. Auf eine Anfrage am Donnerstagabend reagierte die Behörde zunächst nicht.

Zweifel am Abschalten

"Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste", sagte der Reaktorexperte Manfred Mertins der "Süddeutschen Zeitung". "Das Ereignis zeigt, dass die betriebliche Abschaltung nicht mehr möglich war, sodass andere Mittel in Angriff genommen werden mussten."

Die beiden Reaktoren in Fessenheim wurden 1977 und 1978 in Betrieb genommen und sind damit die ältesten in Frankreich. Atomkraftgegner und Politiker in Frankreich, Deutschland und der ebenfalls nahe gelegenen Schweiz fordern seit Langem die Stilllegung des besonders pannenanfälligen Atomkraftwerks.

Frankreichs Präsident François Hollande hatte wiederholt versprochen, die am Oberrhein gelegene Anlage noch in seiner bis Mai 2017 laufenden Amtszeit vom Netz zu nehmen. Immer wieder werden aber Zweifel daran laut, dass dies auch wirklich geschehen wird. Im Herbst erklärte die Regierung in Paris, sie werde die Schließung 2016 zumindest in die Wege leiten.

Auch in Deutschland sorgt die zögerliche Haltung für politisches Unbehagen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) habe bereits vor einem Jahr die Stilllegung des Atomkraftwerkes gefordert, sagte ein Sprecher des Ministeriums in Berlin. Von der französischen Behörden seien dazu allerdings bislang keine "belastbaren Informationen" zu erhalten. Er betonte: "Für uns sind solche alten Reaktoren ein Sicherheitsrisiko."

joe/AFP/dpa
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