Schall- und Mikrowellenangriffe auf US-Botschaft Strahlen aus dem Hinterhalt

In Berlin könnten US-Diplomaten offenbar Opfer von Angriffen mit Mikrowellenwaffen geworden sein – einige leiden unter Symptomen des Havanna-Syndroms. Was ist über solche Waffen bekannt?
Schallkanone auf Fahrzeug in Griechenland

Schallkanone auf Fahrzeug in Griechenland

Foto: Giannis Papanikos / AP

Geschichten über mysteriöse Agenten und Geheimaktionen begleiten das geteilte Berlin im Grunde seit dem Beginn des Kalten Krieges. Nirgendwo trafen die Blöcke Ost und West so unmittelbar aufeinander wie hier. Doch mit dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR schwand auch der Mythos vom Kampf der Geheimdienste.

Aber derzeit könnte man meinen, die Zeit sei zurückgedreht worden. Denn nun ist auch Berlin zum Mittelpunkt eines äußerst ungewöhnlichen Vorfalls geworden, der sich vorher schon in anderen Städten ereignet haben soll. Es steht der Vorwurf im Raum, dass eine unbekannte Macht US-Diplomaten auf heimtückische Art und Weise attackierte. Mindestens zwei Mitarbeiter der US-Botschaft klagten über Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen und heftige Kopfschmerzen – typische Anzeichen für das Havanna-Syndrom, ergaben Recherchen des SPIEGEL und der Plattform Bellingcat. 

Auf Kuba klagten 2016 erstmals US-Diplomaten über ähnliche Probleme, die wie aus dem Nichts auftauchten. Die beschriebene Krankheit äußerte sich laut einem Bericht, der sich mit den mysteriösen Vorfällen befasst, direkt im Schädel. Beschrieben wurde »das plötzliche Auftreten eines wahrgenommenen lauten Geräuschs, das Gefühl eines starken Drucks oder einer Vibration im Kopf. Und Schmerzen in Ohr oder Kopf, die sich weiter verteilen.«

Die meisten Betroffenen berichteten, dass das Geräusch und die anderen Empfindungen aus einer bestimmten Richtung zu kommen schien und dass es nur wahrgenommen wurde, wenn sich der Betroffene an einem bestimmten Ort befand.

Zunächst standen Experten sowie Mediziner vor einem Rätsel. Inzwischen sind Dutzende US-Botschaftsmitarbeiter und ihre Familien von ähnlichen Symptomen betroffen, weitere Fälle traten in Russland, China, Wien und sogar in Washington auf. Bei einigen der Opfer soll es sich um Geheimdienstmitarbeiter gehandelt haben, die sich mit russischen Spionageaktivitäten befassten. Ziemlich schnell gingen die US-Experten davon aus, dass die Symptome keinen natürlichen Ursprung hatten. In der US-Botschaft in Havanna und auch anderswo muss es einen klandestinen Angriff gegeben haben, in Verdacht steht den Amerikanern zufolge der russische Geheimdienst.

Da die Botschaftsmitarbeiter in Havanna von lauten Geräuschen berichteten, ging man zunächst von einem Angriff mit Schall aus. Solche Systeme existieren schon länger. Mit hörbarem Schall arbeitet beispielsweise die Long Range Acoustic Device (LRAD), eine Art Schallkanone, die bei der US-Polizei und den Streitkräften – beispielsweise auf Schiffen – im Einsatz ist. Dabei handelt es sich um einen großen Lautsprecher, der sehr gezielt auch über weite Strecken eingesetzt werden kann und den Schalldruck stark bündelt, sodass er selbst über große Distanzen trägt und in einem engen Zielbereich weit entfernte Personen treffen kann. Der Schalldruckpegel liegt bei dem Gerät maximal bei etwa 150 Dezibel – deutlich über der Schmerzgrenze, die bei etwa 120 bis 140 Dezibel liegt. Ausgesendet werden können sowohl Lautsprecherdurchsagen als auch schmerzhafte Töne. Das Gerät wurde als nicht tödliche Waffe entwickelt, um etwa Demonstrationen aufzulösen oder zur Abwehr von somalischen Piraten auf Schiffen. Auch Griechenland sichert seine Grenzen seit einiger Zeit mit einem Fahrzeug, das mit einer Schallkanone ausgestattet ist.

Aber dabei kommt es zu einer Lautstärke, die von allen deutlich hörbar ist. Das war bei den Attacken in Havanna offenbar nicht der Fall. Theoretisch könnte es auch Systeme geben, die Angriffe im nicht hörbaren Bereich ermöglichen. Schall unterteilt sich in verschiedene Frequenzbereiche: Der für den Menschen hörbare liegt zwischen 16 Hertz und 20 Kilohertz – je nach Alter; der Bereich darunter wird Infraschall genannt, der über 20 Kilohertz Ultraschall. Doch über solche Systeme ist wenig bekannt – außer, dass Militärs daran forschen ließen. Dass sie existieren, lässt sich zwar nicht ausschließen, wurde von Experten aber als sehr unwahrscheinlich eingestuft.

Wahrscheinlicher erscheint dagegen ein Angriff mit einem System, das seine Grundlagen in einem anderen Bereich der Physik hat, dem elektromagnetisches Spektrum. Es geht um Mikrowellen, sie arbeiten im Bereich von einem bis 300 Gigahertz. »Theoretisch sind Waffenanwendungen mit dieser Technik möglich«, sagt Axel Bangert, Professor für Mikrowellenelektronik an der Universität Kassel, dem SPIEGEL. Militärtechniker interessieren sich schon seit Jahrzehnten dafür, um Angriffs- und Aufklärungssysteme zu verbessern.

Haushaltsmikrowellen erwärmen Lebensmittel bei einer Frequenz von 2,5 Gigahertz. Doch mit zunehmender Frequenz wird die Strahlung energiereicher. »Sie wird härter und kann oberhalb des Mikrowellenbereichs ionisierend wirken«, sagt er. Trifft sie auf den Menschen, dringen die Strahlen bis zu einer von der Frequenz abhängigen Tiefe in den Körper ein, die Moleküle werden in Schwingung versetzt und in Wärmenergie umgesetzt.

Eine technische Hürde ist dabei inzwischen genommen. Auch kleine Antennen können so gebaut werden, dass sie Energie gebündelt auf ein überschaubar großes Ziel abstrahlen können – Experten sprechen von phasengesteuerten Gruppenantennen. Für Bangert ist vorstellbar, dass sie auch in einem Koffer Platz finden. »Solche Geräte können aussehen wie ein Tapeziertisch, den man ausklappt«, sagt er.

Medusa – Mikrowellenpulse im Kleinformat

Waffen, die mit hochfrequenter Strahlung arbeiten, wurden bereits entwickelt. Das Pentagon stecke Millionen in das Active Denial System (ADS), das mit Mikrowellen bei einer Frequenz von 95 Gigahertz arbeitet. Noch in rund 500 Metern Entfernung heizt sich die Hautschicht auf mehr als 50 Grad Celsius auf, wenn man die an eine Satellitenschüssel erinnernde Antenne auf eine Person richtet – eine schmerzhafte Erfahrung für das Opfer. An dem System, das es bereits für Bodentruppen und Fahrzeuge gibt, wird immer noch geforscht. Zuletzt wurde bekannt, dass die US-Special Forces auch Hubschrauber und Flugzeuge damit ausrüsten wollen.

Vor einigen Jahren stellte ein US-Unternehmen einen Prototyp vor, der Mikrowellenpulse aussendete. Das Gerät mit dem Namen Medusa (Mob Excess Deterrent Using Silent Audio) soll klein genug sein, um es mit einem Auto zu transportieren. Die Schäden, die es anrichten könnte, kommen den beschriebenen Symptomen recht nahe. Allerdings ist die Medusa angeblich nie über die Prototypenphase hinaus gekommen. Es soll in den USA ethische Bedenken gegeben haben. Der Bericht über die Arbeit an der Medusa wurde inzwischen von der Internetseite der US-Navy  entfernt.

Doch Experten schließen nicht aus, das heimlich weiter daran gearbeitet wurde. Wenig überraschend haben die Amerikaner die Russen im Verdacht. Zumindest zitiert der »Guardian«  in einem Bericht den US-Militärspezialisten James Giordano von der Georgetown University in Washington DC. Er war an den Nachforschungen zu den Vorfällen in Havanna beteiligt und hat für die US Special Forces Command ergründet, welche Länder über eine solche Technologie verfügen könnten. Neben Russland nennt er auch China. Inzwischen würden die verwendeten Mikrowellenfrequenzen aber keine spürbare Erhitzung im Körper verursachen. Sollte es einem Land gelungen sein, die Technik aus dem Labor heraus zu verkleinern, hätte es die perfekte Waffe für die psychologische Kriegsführung. Ein Gerät, das unerkannt Menschen krank macht. Manche der US-Opfer sollen sogar arbeitsunfähig geworden sein.

Dass Mikrowellen hinter den merkwürdigen Symptomen stehen könnten, legt auch ein Bericht nahe , der im vergangenen Jahr von der National Academy of Sciences im Auftrag der US-Regierung vorgelegt wurde. »Viele der Anzeichen, Symptome und Beobachtungen, die von Mitarbeitern der Botschaft aufgezählt wurden, sind mit den Auswirkungen gerichteter, gepulster Hochfrequenz (HF)-Energie vereinbar«, heißt es in dem 64-seitigen Report, von dem ein Teil geheim gehalten wird. »Was wir sagen können, ist, dass diesen Menschen klinisch etwas Reales und Bedeutendes passiert ist«, so Hauptautor David Relman, Medizinprofessor an der Stanford University. Auch eine Studie in der Fachzeitschrift »Jama«  kam zu einem ähnlichen Ergebnis.

Experten vermuten, dass bei einer möglichen Mikrowellenwaffe ein Effekt zum Tragen kommt, der per Zufall im Zweiten Weltkrieg entdeckt wurde – der sogenannte Microwave auditory effect, manchmal auch Mikrowellenhöreffekt oder Frey-Effekt genannt. Das Phänomen wurde später erstmals von dem Neurowissenschaftler Allan Frey beschrieben. Es besteht darin, dass Mikrowellen das Gehirn dazu bringen können, scheinbare Geräusche wahrzunehmen, die niemand sonst hört. Ähnliches hatten bereits Soldaten im Zweiten Weltkrieg berichtet, als sie neben starken Radargeräten standen und Laute hörten. Auch ein Mitarbeiter von Frey, der in den Sechzigerjahren an der Cornell University arbeitete, beschrieb, wie er Radarsignale hörte, die er an einer großen Anlage messen sollte.

Hören, was eigentlich nicht hörbar ist

Frey entdeckte, dass Mikrowellen manchmal als Schall wahrgenommen werden können, wenn sie im Bereich der Schläfenlappen auf den Kopf einer Person treffen. Sogar Gehörlose können das wahrnehmen. Im Hirn entsteht durch die Erwärmung eine Art Druckwelle, die als Geräusch empfunden wird, weil die am Hörvorgang beteiligte Flüssigkeit im Innenohr sich ausdehnt. Schon damals hatten die Russen großen Interesse an der Arbeit von Frey und luden ihn für einen Austausch in ihre Labors ein.

Den Frey-Effekt nutzte auch der Medusa-Prototyp. Sein Entwickler, der Ingenieur Lev Sadovnik berichtet zwar, das die Symptome des Havanna-Syndroms von dem Prototyp verursacht worden sein könnten. Aber zumindest das Gerät damals habe nur über kurze Distanzen funktioniert, etwa durch die Wand eines Hotelzimmers, wenn das Opfer sich im Nebenraum befunden habe. Zudem habe die Medusa nicht genügend Energie aufbringen können, um bleibende Schäden anzurichten. Aber auch Sadovnik merkt an, dass Russland schon lange an Mikrowellentechnologie geforscht habe und weit fortgeschritten sei.

Angeblich wird derzeit ein geheimes Programm betrieben, mit dem aus der Ferne gefährliche Wellen über das Mobiltelefon einer Zielperson ausgesendet werden. Dabei könnte es sich sowohl um Schallwellen als auch um Radiowellen beziehungsweise Mikrowellen handeln. Doch solche Berichte klingen angesichts der überschaubaren Leistung eines Smartphone-Akkus und dem, was ein Lautsprecher in so einem Gerät zu leisten vermag, mehr als gewagt. Zudem müsste das Gerät fremd kontrolliert Schall- und elektromagnetische Wellen aussenden können. Und das bei einer Sendeleistung von nur wenigen Watt. »Ich halte das für extrem unwahrscheinlich«, so Bangert. Sollte das Gerät beispielsweise nicht hörbaren Infraschall und Ultraschall aussenden, damit ein Angriff nicht auffällt, müssten irgendwo Resonanzräume und Schwingungen produziert werden, über die handelsübliche Geräte nicht verfügen dürften.

Weder für einen Angriff des russischen Geheimdienstes noch für den irgendeiner anderen Macht gibt es bis heute Belege. Und längst nicht jeder hält die Mikrowellenwaffentheorie für plausibel. Kenneth R. Foster vom Department of Bioengineering der University of Pennsylvania zum Beispiel schreibt, sie sei nicht überzeugend, da sie von keinem plausiblen biophysikalischen Argument  gestützt wird, und auch nicht durch irgendwelche Beobachtungen von Mikrowellen an den Orten.

»Es gibt keine direkten Beweise dafür, dass es sich um Mikrowellen handelt«, teilt er dem SPIEGEL auf Anfrage mit. Bei der Mikrowellen-Theorie handele es sich einfach um Spekulation, so Foster. Er selbst habe immer wieder im Labor Versuche zum Frey-Effekt durchgeführt, unter anderem mithilfe von Radaranlagen. Die Symptome seiner Probanden seien damals ganz anders gewesen als beim Havanna-Syndrom: In seinen Mikrowellenexperimenten sei das simulierte Klangerlebnis für die Betroffenen nicht zu verorten gewesen, die Menschen mit dem Havanna-Syndrom dagegen hatten das Gefühl, dass die Geräusche aus einer bestimmten Richtung kommen.

Bluetooth-Kopfhörer brennen durch

Könnten Handys als Mikrowellenwaffe dienen? Foster findet das aus seiner Laborerfahrung völlig abwegig: »Wir reden hier über hochleistungsfähige Militärsender, die als exotische Waffe dienen – aber ganz sicher nicht über Handys oder andere Endkundengeräte.«

Doch genau diese starken Mikrowellen sind bislang nicht gemessen worden im Zusammenhang mit den Gesundheitsbeschwerden. Das sei verwunderlich, so Foster: »Ich kann mir kaum vorstellen, dass man Menschen mit derartig extremen Mikrowellenpulsen beschießen kann, ohne dass das auffällt. Bei so einem Angriff würden wohl die Bluetooth-Kopfhörer durchbrennen, und die Prozessoren in ihren Autos und Computern würden wohl beschädigt werden.«

Was aber, wenn genau solche Elektronikschäden die eigentliche Absicht gewesen wäre hinter den angeblichen Attacken? Energiereiche Mikrowellen könnten dazu eingesetzt werden, um die Funktion elektronischer Geräte zu stören. Halbleiter- und Transistorschaltungen nehmen viel Energie auf, es kommt zu Fehlfunktionen oder zur vollständigen Zerstörung. Denkbar wäre, dass einige Symptome der US-Diplomaten also lediglich Kollateralschäden einer Aktion waren, die ganz andere Ziele verfolgte.

Immerhin will sich die US-Regierung künftig gegen Angriffe wappnen. Der Abschlussbericht von David Relman schlägt vor, künftig Gesundheitsattachés in Botschaften zu schicken, die mögliche Angriffe beobachten und analysieren. »Sie wären gut positioniert, um Bedrohungen schnell zu erkennen und darauf zu reagieren. Zudem könnten sie Ratschläge erteilen und relevante Daten sammeln, die für fundierte Reaktionen erforderlich sind«, heißt es. Außerdem will man auch technisch auf die Attacken reagieren. Das Verteidigungsministerium hat ein tragbares Funkwellenwaffen-Warngerät ausgeschrieben  und holte im März Angebote ein. Die Anforderung: Ein tragbarer Detektor für die Erkennung von Hochfrequenzwaffen, der klein, leicht, energieeffizient und günstig ist. Und vor allem eine klare Aussage liefert.

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