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15. März 2011, 16:33 Uhr

Strahlenschützer im Interview

"Am gefährlichsten ist kontaminierte Nahrung"

Welche radioaktiven Stoffe kann die Havarie-Atomanlage Fukushima freisetzen? Wie können sich die Menschen in Japan davor schützen? Der Münchner Strahlenschützer Paretzke empfiehlt im Interview, die Nahrung permanent zu überwachen. Risiken für Deutschland sieht er nicht.

SPIEGEL ONLINE: In Japan geht die Angst um einer radioaktiv verseuchten Wolke. Wie schätzen Sie die Gefahr für die Menschen ein?

Paretzke: Die größte Gefahr geht nicht von einer Wolke aus, sondern von der von ihr kontaminierten Nahrung. Das liegt an der unterschiedlichen Konzentration der radioaktiven Teilchen. In einer Stunde atmet ein Mensch nur etwa einen halben Kubikmeter Luft ein und aus. Ein Liter kontaminierter Milch enthält hingegen so viel Jod wie 600 Kubikmeter Luft. Insofern sind Atemschutzmasken nicht unbedingt notwendig, sofern die Betroffenen sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Havariemeiler aufhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Atemschutzmasken kaum helfen, wie können sich die Menschen dann schützen?

Paretzke: Man muss die Nahrungsmittel permanent überwachen, unter anderem Gemüse und frische Milch. Wenn Grenzwerte überschritten sind, dürfen diese nicht verzehrt werden. Es ist übrigens auch ein Irrglaube, dass Gewächshäuser das angebaute Obst und Gemüse vor Kontaminierung schützen, sie halbieren nach unseren Erfahrungen etwa die Radioaktivität. In Japan können auch Jodtabletten helfen, hier in Deutschland ist das aber auf keinen Fall nötig.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Paretzke: Wir werden sicher bald auch hier messbare Mengen der Spaltprodukte aus Japan nachweisen. So wie wir hierzulande auch überirdische Atomtests nachweisen können. Wegen des großen Abstandes zu Japan sind die erhöhten Messwerte aber nur akademisch interessant, eine Gesundheitsgefährdung besteht mit Sicherheit nicht. Zudem kann die Einnahme von größeren Mengen Jod der Gesundheit schaden.

SPIEGEL ONLINE: Welche radioaktiven Stoffe können in Fukushima überhaupt freigesetzt werden?

Paretzke: Es gibt ein ganzes Spektrum an Radionukliden, wie Cäsium, Jod und Lanthan. Freigesetzt wurden auch Edelgase, sie waren wahrscheinlich für die hohe Strahlendosis unmittelbar am Kraftwerk verantwortlich. Diese Gase dürften inzwischen aber längst weggeweht worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Isotope sind am gefährlichsten für den Menschen?

Paretzke: Kurzfristig sicher Jod-131. Das Isotop verschwindet jedoch relativ schnell, denn es hat eine Halbwertzeit von acht Tagen. Gegen Jod-131 kann man sich gut schützen, indem man für ein paar Wochen kein frisches Gemüse und keine frische Milch zu sich nimmt. So lässt sich eine Kontamination verhindern. Langfristig ist vor allem Cäsium-137 ein Problem. Es bleibt deutlich länger in der Umwelt erhalten, die Halbwertzeit liegt bei 30 Jahren. Cäsium-137 gelangt in alle Nahrungsmittel, die auf kontaminiertem Boden angebaut wurden. Hier ist also eine Überwachung der Lebensmittel wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst das Wetter die Kontamination?

Paretzke: Die Windrichtung - aber auch Regen und Schneefall haben einen großen Einfluss. Wenn es regnet oder schneit, gelangen etwa zehnmal mehr radioaktive Partikel in den Boden.

Das Interview führte Holger Dambeck

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