Riesenflugzeug Stratolaunch "Roc" in der Krise Am Boden

Aus zwei Jumbojets ein Riesenflugzeug formen, eine fliegende Startrampe für Satelliten: Das war der Plan des US-Unternehmens Stratolaunch. Ein wahrhaft gigantisches Vorhaben, das nun von Schicksalsschlägen gebeutelt wird.

AFP/ Stratolaunch Systems Corp/ April Keller

Von


Wenn es um das größte Flugzeug der Erde geht, ist Grammatik erstaunlich wichtig. Vor allem die Zeitform.

Zunächst die Vergangenheit: Die Hughes "H-4 Hercules", Spitzname "Spruce Goose", ein riesiges Flugboot aus Sperrholz, hatte eine Spannweite von mehr als 97 Metern - und ist damit bis heute unerreicht. Ein Erfolg wurde sie deswegen nicht. Im November 1947 flog das einzige Exemplar des Giganten ein einziges Mal, ungefähr 1,5 Kilometer weit und nur 20 Meter hoch. Ob die Maschine ohne den sogenannten Bodeneffekt, der Flugzeugen in Bodennähe zusätzlichen Auftrieb gibt, überhaupt in der Luft zu halten gewesen wäre - man weiß es nicht.

Die Gegenwart sieht so aus: Das aktuell größte Flugzeug der Welt ist die Antonow "An-225", Spitzname "Mrija". Auch von ihr gibt es nur ein einziges - immerhin flugfähiges - Exemplar mit einer Spannweite von gut 88 Metern. (Zum Vergleich: Ein Airbus A380-800 kommt auf knapp 80 Meter, eine Boeing 747-8 Intercontinental auf gut 68 Meter.) Einst für den Transport der sowjetischen "Buran"-Raumfähre gebaut, ist die "An-225", heute im internationalen Frachtgeschäft im Einsatz. Sie hat auf einem einzigen Flug bereits Gesamtlasten von mehr als 240 Tonnen befördert.

Das könnte Sie auch interessieren

In der Zukunft könnte die "Mrija" ihren Titel des größten Flugzeugs der Welt allerdings verlieren - und zwar wieder an ein Einzelkind. Das US-Unternehmen Stratolaunch baut seit geraumer Zeit in Kalifornien an einem Mega-Flugzeug mit einer Gesamtspannweite von mehr als 117 Metern, das damit auch die "Spruce Goose" weit in den Schatten stellen würde. "Roc", so heißt der Flieger, wurde aus zwei Boeing 747-400-Jumbojets zusammengefügt.

Und jetzt kommt wieder eine Frage der Grammatik ins Spiel. Denn bis vor Kurzem hätte man schreiben müssen: "Roc" soll dazu dienen, im Flug Raketen zu starten, mit denen Satelliten billig ins All befördert werden können. Doch womöglich ist der Satz in der falschen Zeitform geschrieben. Womöglich muss man schreiben, dass das Flugzeug diese Aufgabe unternehmen sollte.

Vergangenheit, nicht Gegenwart.

Denn es kann sein, dass das Superflugzeug nie abhebt.

Video von 2017: Der erste Rollout

REUTERS

Das liegt vor allem an Paul Allen. Der Microsoft-Gründer war treibende Kraft hinter Stratolaunch. Im vergangenen Oktober ist der Multimilliardär allerdings im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. (Einen Nachruf auf den umtriebigen Manager lesen Sie hier.)

Allens Geld geht an eine Stiftung zugunsten seiner Schwester und deren Töchter, von Stratolaunch ist im Testament keine Rede. Und das hat die Firma in eine existenzielle Krise gestürzt. Nach US-Medienberichten kürzt die Firma massiv Stellen, nur etwa 20 Angestellte sollen nach Angaben von "GeekWire" übrig geblieben sein.

Unser neues Portal planestream

Mit dem Personalabbau einher geht eine weitere strategische Entscheidung: Eigentlich hatte Stratolaunch angekündigt, eine ganze Flotte von Raumfahrzeugen zu entwickeln, die mit dem "Roc" in die Luft gebracht werden sollte. Die grundsätzliche Idee geht so: Das Trägerflugzeug bringt Raketen so weit von der Erde weg, etwa elf Kilometer hoch, dass die Atmosphäre nur noch vergleichsweise dünn ist. Dort braucht der Start ins All dann weniger Treibstoff, ist also billiger. Außerdem sollten Kunden deutlich mehr Flexibilität beim zeitlichen Vorlauf, dem Startzeitpunkt und der Wahl des Zielorbits haben.

Fotostrecke

4  Bilder
Stratolaunch "Roc": Stehzeug oder Flugzeug?

Stratolaunch wollte seinen Kunden mehrere Startvehikel anbieten, die ab 2020 im Einsatz sein sollten: zwei Raketen für 3400 beziehungsweise 6000 Kilogramm Nutzlast, dazu ein wiederverwendbares Weltraumflugzeug, vergleichbar mit einem kleinen Space Shuttle. Sogar an eine Variante mit Besatzung war gedacht worden.

Doch das ist alles vorbei.

Stattdessen soll das Flugzeug nun nur noch für einen einzigen Raketentyp ausgelegt sein: die "Pegasus XL" des Herstellers Northrop Grumman. Die Firma ist über ihre Tochter Scaled Composites mit dem Bau des riesigen "Roc"-Jets befasst. Das Problem: Für die "Pegasus"-Raketen hat Northrop Grumman bereits ein eigenes Startflugzeug vom Typ Lockheed "L-1011 TriStar", Spitzname "Stagazer".

Raketenstart vom "Stargazer" aus (Archivbild)
AP/ Orbital Sciences / NASA

Raketenstart vom "Stargazer" aus (Archivbild)

Und sonderlich erfolgreich schien dessen Geschäft zuletzt nicht zu laufen. Rund eine halbe Tonne Nutzlast lassen sich mit der Rakete befördern, drei davon könnte "Roc" an Bord haben. Doch zuletzt ist der "Stargazer" noch nicht einmal auf einen Start einer einzigen "Pegasus"-Rakete pro Jahr gekommen.

Der Preis für Kunden lag bei etwa 55 Millionen Dollar pro Rakete. Allerdings verlangt die Konkurrenz von SpaceX mit rund 65 Millionen nicht wesentlich mehr - bietet dafür mit ihrer "Falcon 9" aber fast 23 Tonnen Transportkapazität. Weitere Wettbewerber sind etwa die United Launch Alliance von Boeing und Lockheed Martin und das neuseeländisch-amerikanische Start-up Rocket Lab.

Das könnte Sie auch interessieren

Konkurrenz droht außerdem von Virgin Orbit. Das Unternehmen des britischen Milliardärs Richard Branson arbeitet ebenfalls daran, Raketen von einem Flugzeug aus zu starten. Mit dem "LauncherOne" sollen ebenfalls etwa 500 Kilogramm Nutzlast in die Erdumlaufbahn befördert werden können. Das Trägerflugzeug dafür wird indes nicht komplett neu gebaut, sondern nur umgerüstet: Eine Boeing 747-400, die früher für Virgin Atlantic im Einsatz war. Im vergangenen Herbst ist sie zumindest schon einmal mit einem Dummy der "LauncherOne"-Rakete in der Luft gewesen.

Und was ist nun mit "Roc" von Stratolaunch? Derzeit macht das Flugzeug Rolltests in der kalifornischen Mojave-Wüste. Ob es jemals richtig abheben wird, ob die Mini-Mannschaft von Stratolaunch für den geplanten Testflug ausreichen wird, ist derzeit nicht zu sagen. Nur wenn Northrop Grumman überzeugt wäre, dass "Roc" den Raketen-Transportjob billiger übernehmen könnte als "Stargazer" und sich genügend interessierte Kunden fänden, bestünde wohl noch eine Chance. Sonst muss das beinahe größte Flugzeug der Welt am Boden bleiben. "Mrija" und "Spruce Goose" würden ihre Titel behalten.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Albatros123 05.02.2019
1.
Liest hier eigentlich keiner Korrektur? Wenigstens ein bisschen? Oder ist die Rechtschreibhilfe nur für Anfänger? Soviele Rechtschreibfehler... Davon ab sind hier nicht einfach zwei 747 zusammengeklatscht worden (auf den Bildern kann man deutlich erkennen, dass die Rümpfe keine Ähnlichkeit mit einer 747 haben); es wurden "nur" wichtige Systemkomponenten der 747 übernommen.
klesig 05.02.2019
2. Größenwahnsinnig!
Die Menscheit ist total abgehoben, hat den Boden der Realität in ihrer überheblichen, raffgierigen Art verlassen. Kein Wunder also, dass ein auf der ganzen Erde gültiges und wirksames Naturgesetz die Menschen wieder auf den Boden der Realität zurück holt: Erdanziehung!
almeo 05.02.2019
3.
Zitat von klesigDie Menscheit ist total abgehoben, hat den Boden der Realität in ihrer überheblichen, raffgierigen Art verlassen. Kein Wunder also, dass ein auf der ganzen Erde gültiges und wirksames Naturgesetz die Menschen wieder auf den Boden der Realität zurück holt: Erdanziehung!
Naja, wer - wie Sie? - immer nur auf den Boden schaut, der hat dann halt in 500 Jahren noch immer eben jenen nicht verlassen. Das Projekt war sicher ambitioniert, aber auch nicht völlig daneben. Die Frage, wie man günstig Nutzlast ins All bekommt, ist auch mit SpaceX noch nicht genau geklärt. Vom Rücken eines Trägerflugzeuges zu starten, könnte durchaus eine Möglichkeit sein, wie weniger zahlungskräftige Kunden (Universitäten, private Unternehmen abseits der internationalen Konzerne oder auch schlicht organisierte Interessensgruppen) ihre Projekte ins Orbit bringen könnten. Es ist hier ja nicht an irgendwelchen irren Ideen gescheitert, sondern schlicht am plötzlichen Tod des Begründers und einer ungeklärten Finanzierung im Nachlass...
quark2@mailinator.com 05.02.2019
4.
Nichts gegen die Spruce Goose, aber da sie eben halt nur mit Bodeneffekt geflogen ist, muß sie sich der Konkurenz namens Ekranoplan aka Caspian Sea Monster stellen. Die mögen zwar nicht an die Spannweite rankommen, aber dafür locker mehr transportieren, etc. Es kommt wirklich auf die Semantik an.
thomas_linz 05.02.2019
5. Klesig
Nein, das hat mit Groessenwahn nichts zu tun. Es geht um die simple Frage, wie bekomme ich moeglichst billig, moeglichst viel Nutzlast ins All. Mag sein, dass dieses Projekt gescheitert ist. Man hat es aber zumindest versucht und gescheitert ist es, weil der Hauptinvestor verstorben ist und die Toechter die Milliarden lieber fuer Kosmetik und Krokodillederhandtaschen ausgeben. Wenn Ihnen das lieber ist?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.