Verbraucherschutz Parteien streiten über neue unsichtbare Gentechnik

Ob Nahrungsmittel mit Gentechnik hergestellt wurden, lässt sich seit der Erfindung neuer Verfahren oft gar nicht mehr feststellen. Im Bundestag ist eine Debatte über neue Gesetze zum Verbraucherschutz entbrannt.

Zuchtpflanzen im Gewächshaus: Allein durch Sonnenstrahlung entstehen massenhaft Mutationen
Tom Merton/ Getty Images

Zuchtpflanzen im Gewächshaus: Allein durch Sonnenstrahlung entstehen massenhaft Mutationen

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In Minute 37 liefert Timo Faltus eine Anleitung zum Betrug: Wenn man neue Werkzeuge der Gentechnik mit bekannten Züchtungsmethoden kombiniere, lasse sich nicht mehr nachweisen, dass man einen gentechnisch veränderten Organismus hergestellt habe. Die Pflanze könne ohne Risikoprüfung auf deutschen Feldern angebaut und ohne Kennzeichnung in Supermärkten verkauft werden.

Die Betrugsanleitung hat der Jurist und Biologe der Universität Halle-Wittenberg Anfang der Woche vor dem Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Bundestages präsentiert. FDP und Grüne hatten dort Anträge zur Frage gestellt, ob das strenge deutsche Gentechnikrecht verändert werden sollte. Die Grünen sind dagegen. Die FDP will den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland erleichtern.

Sie schlägt vor, Nutzpflanzen künftig anhand ihrer Eigenschaften zu bewerten, statt anhand der Methoden, mit denen sie hergestellt wurden. "Wir brauchen einen offenen und fairen Dialog über die Chancen neuer biotechnologischer Methoden", sagte die FDP-Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Carina Konrad. In der Ausschusssitzung konnten die Parteien des Bundestags Fragen an eingeladene Experten und Interessensvertreter stellen.

Genveränderte Pflanzen sind längst Teil unseres Alltags

Dass Gentechnik hierzulande wieder ein Thema ist, liegt an einer neuen Technik, der Entwicklung sogenannter Genscheren - bekanntestes Beispiel ist Crispr-Cas. Das Besondere: Mit den Werkzeugen lassen sich Veränderungen in Pflanzen einfügen, die auch natürlich oder in der herkömmlichen Züchtung entstehen. "Wichtig ist, dass wir uns klar machen, dass es hier nicht darum geht, Gentechnik insgesamt zu deregulieren, sondern um einen Spezialfall", erläuterte Experte Faltus.

Der Knackpunkt sind sogenannte Punktmutationen. In Zuchtpflanzen werden diese Veränderungen einzelner Basen in der DNA seit Jahrzehnten mit erbgutschädigender Strahlung oder Chemikalien erzeugt. Das Erbgut der Pflanzen verändert sich dabei zufällig an tausenden Stellen. Aufgrund einer Sonderregelung im Gesetz, dürfen die Organismen trotzdem ohne besondere Risikoprüfung und ohne Kennzeichnung in Deutschland angebaut und verkauft werden.

Mit neuen gentechnischen Werkzeugen wie Crispr-Cas lassen sich ebenfalls Punktmutationen erzeugen - allerdings gezielt an bestimmten Stellen im Pflanzenerbgut. Pflanzen mit solchen Veränderungen gelten nach EU-Recht als gentechnisch veränderte Organismen. Das hat der Europäische Gerichtshof im Juli 2018 klargestellt. Die Nutzpflanzen müssen eine strenge und teure Risikoprüfung durchlaufen und im Handel als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden.

Leicht zu knackendes Gentechnikgesetz

Umgehen lässt sich das, indem man zuerst mit Crispr eine Mutation in eine Pflanze einfügt und sie anschließend bestrahlt. Danach kann niemand mehr nachweisen, welche Punktmutationen durch die Genschere verursacht wurde. "Sie können dann einfach behaupten, alle Mutationen stammten von der Bestrahlung und müssten die Pflanze nicht als gentechnisch verändert kennzeichnen", erklärt Faltus. Mit seinem Beispiel wolle er zeigen, wie einfach es ist, das aktuelle Gentechnikgesetz zu umgehen.

Kritiker wollen sich auf diese Argumentation allerdings nicht einlassen. Tade Matthias Spranger, außerplanmäßiger Professor an der Universität Bonn, erklärte, dass für die Gesetzgebung nicht entscheidend sei, ob man einen Betrug nachweisen könne. Er verwies auf das Vorsorgeprinzip, dass immer gelte, wenn der Mensch eingreife, egal, ob man sein Eingreifen später nachweisen könne.

Der für seine gentechnikkritische Position bekannte Bio-Landwirt und Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft Felix Prinz zu Löwenstein kritisierte, dass die neue Technik mit denselben Versprechungen angepriesen werde, wie die herkömmliche Gentechnik. Das mache ihn misstrauisch, ob es sich wirklich um etwas Neues handele. Es sei klar, dass weder die Klima- noch die Hunger- oder die Biodiversitätskrise mithilfe von Gentechnik bekämpft werden könne.

Gentechnik könnte Pflanzenschutz in der Biolandwirtschaft erleichtern

"Keiner in der Wissenschaft behauptet, dass wir das Hungerproblem lösen", entgegnete der Biologe Stephan Clemens, Professor am Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie der Universität Bayreuth. "Wofür wir werben ist, dass wir zusätzliche Möglichkeiten bereitstellen können, um etwas zur Lösung beizutragen." Forscher hoffen etwa, mithilfe von Crispr neue Sorten entwickeln zu können, die Schädlingen oder Extremwetter besser standhalten.

Clemens stört, dass es in der Debatte um Gentechnik oft um ein Entweder-oder gehe, dabei müsse man sich gar nicht entscheiden. Moderne Gentechnik eigne sich sowohl als Bestandteil des Ökolandbaus als auch der konventionellen Landwirtschaft. So könne die Technik helfen, den Pflanzenschutz in ökologischen Betrieben zu verbessern und den Einsatz von umweltschädlichem Kupfer zu reduzieren (mehr dazu lesen Sie hier).

Vorsorgeprinzip bedeute für ihn, dass abgewogen werden müsse, welche Risiken einer Technik mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten könnten, so Clemens, und welche Folgen es im Vergleich dazu haben könnte, auf eine Technik zu verzichten. "Wir müssen festhalten, dass die bisherige Praxis nicht evidenzbasiert ist und den Stand der Wissenschaft ignoriert."

insgesamt 85 Beiträge
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Horst Scharrn 08.11.2019
1.
Und wenn man ganz abgebrüht ist, verändert man die Pflanzen Gentechnisch und behauptet dann das wäre durch Bestrahlung zustande gekommen ohne je Bestrahlt zu haben ... Das angesprochene Hungerproblem ist weltweit übrigens schlagartig zu lösen. Langfristig dafür sorgen, dass sich die Anzahl Menschen verringert, z.b. durch weltweite Ein- bis Zwei-Kind Politik und kurzfristig mit paar Milliarden Euro mit denen man Nahrung kauft und die Gebiete schickt in denen die Leute verhungern. Weniger Menschen würde übrigens nebenbei auchnoch diverse andere Probleme lösen.
alpstein 08.11.2019
2.
Der eigentliche Kern des Problems Die Ökobewegung basiert nicht auf Vernunft und Logik sondern auf einer irrationalen Angst vor (bio)Chemie. Daraus resultiert eine chronische Wissenschaftsfeindlichkeit und ein leichtes Spiel für Popuismus, der gar keine weiteren Begründungen mehr braucht.
realismusueberidealismus 08.11.2019
3. Offenbar gab es bei den betroffenen Entscheidern in der Regierung zu viele Punktmutationen im zentralen Nervensystem
Es ist traurig, dass die scheinbar gefährlichere und dem Erbgut vermutlich schädigendere Form der Gentechnik in Deutschland eine Zulassung erhalten hat, obwohl man mit cripr/CAS 9 über eine Methode zur verfügt, die diesen sogenannten Punktmutationen mit etlichen Nebenmutationen ablösen könnte. Hoffentlich ändert sich etwas an der Einstellung.
MikeB 08.11.2019
4. komische Argumentation
Wenn die Ergebnisse zweier Methode nicht unterscheidbar sind, dann sind auch die Risiken und Folgen, die von diesen Ergebnissen ausgehen nicht unterscheidbar. Das wäre in etwa, als würde man von Linkshändern geschnitzte Löffel mit Warnhinweisen versehen, während von Rechtshänder geschnitzte ohne auskommen. Man kann kann vielleicht strenge Sicherheitsauflagen für das Schnitzen mit der linken Hand fordern wenn es gefährlicher ist, aber die Löffel sind gleich. Die Argumentation über das Endprodukt ist unsinnig.
manni0815 08.11.2019
5. weder Gentechnik noch Mutationszüchtung mit radioaktiver Strahlung,
es sind schon recht schräge Seelen, die eine gentechnische Veränderung mit einer erzwungen Mutation des Erbgutes vertuschen wollen. Beides hilft nicht die Weltbevölkerung zu ernähren, sondern verhilft der Agrarindustrie zu Patenten auf Leben. Und zwar nicht nur für den veränderten Teil sondern für das ganze Erbgut, in Verbindung mit dem manipulierten Teil. Die biologische Landwirtschaft macht gute Fortschritte im Pflanzenschutz, auch ohne Kupfer und benötigt keine Dr.Frankensteins von BASF; Bayer und Co. Haben diese Firmen nicht genug zu tun, die Sorten wieder an ein umweltverträgliches Maß an Düngersalzen anzupassen, sonst muss die Allgemeinheit für Ihre große Errungenschaften Strafgelder an die EU zahlen und weiterhin eine Versalzung des Grundwassers hinnehmen.
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