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Frank Thadeusz

Gefahr durch Stromschläge steigt Toast und Verderben

Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie das auch? Da will sich dieser verdammte Stecker partout nicht aus der Steckdose lösen. Sie zerren daran, was das Zeug hält – und plötzlich kommt ihnen die ganze Installation aus der Wand entgegen. Wenn Sie nun nicht schleunigst den Elektriker rufen, sondern versuchen, den Klumpatsch mit Kraft wieder an Ort und Stelle zurückzudrücken, droht Ihnen ein tödlicher Stromschlag.

Oder diese Situation: Das Brot hat sich im Toaster verhakt. Also greifen Sie flugs zur Gabel und stochern nach der verkohlten Scheibe. Wenn Sie vorher nicht den Stecker gezogen haben (Gefahren des Stecker-Ziehens siehe oben), könnte die Befreiung des Brotes zur tödlichen Mission werden.

Meine Beispiele sind nicht aus der Luft gegriffen. Der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) schlägt Alarm: Nach Auswertung aktueller Daten hat die Zahl tödlicher Stromunfälle in Deutschland zwischen 2016 und 2018 um 24 Prozent zugenommen. Betroffen waren zuletzt verstärkt Frauen im Haushalt. In absoluten Zahlen: 2018 starben 42 Menschen am Stromschlag, 8 mehr als zwei ­Jahre zuvor. Diese Zahlen bezeugen kein epidemisches ­Ausmaß, doch der Trend macht stutzig: Sollten elektrische Geräte nicht eigentlich immer sicherer werden?

Lebensgefährlich: Selbst ist die Frau (oder der Mann) ist beim Umgang mit elektrischen Geräten im Haushalt das falsche Motto.

Lebensgefährlich: Selbst ist die Frau (oder der Mann) ist beim Umgang mit elektrischen Geräten im Haushalt das falsche Motto.

Foto:

dpa Picture-Alliance / beyond/Oscar Abrahams / picture-alliance / beyond/Oscar

Der VDE geißelte prompt die "Geiz-ist-geil-Mentalität etlicher Verbraucher", die elektronische Geräte von dubiosen Herstellern zu Dumpingpreisen über das Internet erwerben. Tatsächlich jedoch, erklärt der VDE-Unfall- und Blitzschutzexperte Thomas Rapahel, ist die Sache komplizierter. Kommt es zu einem tödlichen Stromschlag, dann fallen meist mehrere unglückliche Umstände zusammen.

Nicht nur die Risikobereitschaft von Verbrauchern beim Kauf von Geräten oder deren Handhabung birgt Gefahren. Hinzu kommt, dass in vielen Wohnung Steckdosen noch immer nicht sicher geerdet und leitungsfähige Rohre nicht ausreichend isoliert sind.

In Europa existieren in Bezug auf sogenannten Fehlerstrom – also potenziell lebensgefährlichen Energiefluss – zwei unterschiedliche Sicherheitskonzepte. In der einen Variante sollen die elektrischen Zuleitungen der Geräte so isoliert sein, dass etwa ein in die Badewanne fallender Föhn keinen verheerenden Stromschlag auslösen kann. Doch das mündet in ein Glücksspiel mit vergleichsweise hohem Risiko.

Der zuverlässigere Ansatz baut darauf, dass bei einem Unfall so viel Strom fließt, dass innerhalb von Millisekunden die Sicherung rausfliegt. Dies geschieht allerdings nur in Häusern, in denen Fehlerstrom-Schutzschalter installiert sind (erst seit 1984 für alle Neubauten vorgeschrieben). Dieser reagiert in weniger als einem Wimpernschlag, wenn Strom an der falschen Stelle fließt.

Ob es zu einem Stromunfall kommt, hängt also von der Elektroinstallation und dem Gerät ab, das den Unfall verursacht.

Mein Überlebenstipp: Für Gewissheit, ob ein solches im Zweifel Leben rettendes Gerät ("RCD/FI-Schutzschalter") vorhanden ist, reicht ein Blick in den Sicherungskasten. Weitere Informationen finden Sie unten in meinen Leseempfehlungen.

Herzlich  

Ihr Frank Thadeusz 

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche: 

Quiz*

1.  Welcher der folgenden Meeresbewohner erreicht die höchste elektrische Entladung?

a. Zitteraal

b. Zitterrochen

c. Zitterwels

2. Was bezeichnet der Begriff Volt?

a. Die elektrische Leistung

b. Die Einheit für Stromstärke

c. Die Maßeinheit für elektrische Spannung

3. Wofür steht der historische Begriff "Stromkrieg"

a.: Die illegale Ausbeutung von Stromvorkommen in Asien in der Gegenwart.

b.: Die Konkurrenz zwischen Gleichspannung und Wechselspannung in den USA um 1890.

c.: Den Krieg um das Zweistromland in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Yang Dinghua of the Nanjing Institute of Geology and Palaeontology affiliated to the Chinese Academy of Sciences / Xinhua / eyevine / laif

Zwei kopulierende Muschelkrebse, die auch als Ostrakoden bekannt sind, zeigt diese Darstellung. Paläontologen entdeckten in einem Bernstein eine 100 Millionen Jahre alte Spermaspur von Myanmarcypris hui – der bislang älteste bekannte Samenfund aus dem Tierreich. Erstaunlicherweise waren die Samenzellen dieser weniger als einen Millimeter großen Tierchen mindestens dreimal so lang wie menschliche Spermien.

Fußnote  

15

Kilometer weit verirrte sich ein Delfin ins Landesinnere des US-Bundesstaats Louisiana. Das Tier, eigentlich im Golf von Mexiko zu Hause, bargen Umweltschützer in einem Teich, der keinen natürlichen Zugang zum Meer be­sitzt. Vermutlich gelangte der Tümmler in den Tümpel, weil Überschwemmungen des Hurrikans »Laura« kurzfristig einen ­Wasserweg dorthin bildeten.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Der Zitterwels erreicht etwa 100 Volt, der Zitterrochen sogar bis zu 200 Volt; unangefochten ist in diesem Trio jedoch der Zitteraal mit 600 Volt.

2. Volt ist die Maßeinheit für elektrische Spannung. Eine normale Haushaltssteckdose in Deutschland liegt bei einer Spannung von 230 Volt. Die Stromstärke wird mit Ampere angegeben., die elektrische Leistung mit Watt.

3. Im Stromkrieg in den USA um 1890 propagierten unterschiedliche Firmen jeweils die Vor- oder Nachteile von Gleich- oder Weselspannung. Hauptfiguren in diesem Konkurrenzkampf waren die Erfinder Thomas Alva Edison und Nikola Tesla.

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