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US-Studie: Wenn Piloten die Kontrolle verlieren

Foto: Frank Augstein/ AP

Studie über Flug-Notfälle Piloten verlernen das Fliegen

Eine Studie der US-Flugsicherheitsbehörde kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Viele Piloten moderner Linienmaschinen sind derart an automatische Systeme gewöhnt, dass sie immer weniger von der klassischen Fliegerei verstehen. Das hat laut dem Bericht bereits mehrere Abstürze verursacht.

Hamburg - Wer heutzutage ein Verkehrsflugzeug steuert, dürfte sich zuweilen eher wie ein Computerexperte fühlen - und weniger als Flieger. Denn die Zeit, in der ein Pilot die Maschine wirklich selbst in der Hand hat, beschränkt sich üblicherweise auf die wenigen Minuten bei Start und Landung. In den Stunden dazwischen lenkt der Autopilot das Flugzeug. Die Besatzung füttert den Computer lediglich mit den entsprechenden Daten.

Schon seit langem kritisieren Sicherheitsexperten, aber auch Piloten selbst, dass auf diese Weise die Flugpraxis verloren gehe - mit potentiell gefährlichen Folgen. Im Notfall, so die Kritiker, könne die Besatzung mit der Steuerung des Flugzeugs schlicht überfordert sein.

Eine Studie der US-Flugsicherheitsbehörde FAA scheint diese Befürchtungen jetzt zu bestätigen. Wie die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf einen Entwurf der Untersuchung berichtet, hat die FAA 46 Flugunfälle, 734 freiwillige Berichte von Piloten und anderen Beteiligten sowie die Daten von mehr als 9000 Flügen ausgewertet, bei denen ein Sicherheitsbeamter die Besatzung im Cockpit beobachtet hat.

Das Ergebnis der Studie: Bei mehr als 60 Prozent der Unfälle und über 30 Prozent der größeren Zwischenfälle hatten die Piloten Schwierigkeiten, das Flugzeug manuell zu steuern, oder sie begingen Fehler bei der Bedienung der automatischen Flugkontrolle. "Wir verlernen das Fliegen", sagte Rory Kay, Flugkapitän und Co-Vorsitzender des FAA-Komitees für Pilotenausbildung. Er spricht von einer "Automatisierungssucht" und einer "neuen Art von Unfällen mit modernen Flugzeugen". Die Piloten hätten immer weniger Gelegenheit, ihr fliegerisches Können zu trainieren, warnt das FAA-Gremium.

Alarmmeldungen verwirren Piloten

Nach AP-Angaben haben neben der Studie auch Gespräche mit Sicherheitsexperten und Industrievertretern bestätigt, dass die Computersysteme inzwischen so stark in moderne Flugzeuge integriert sind, dass schon eine einzelne Fehlfunktion eine verhängnisvolle Kaskade weiterer Probleme auslösen könnte. Im Extremfall könne die Besatzung derart überfordert sein, dass es zur Katastrophe komme.

Ein typischer Pilotenfehler etwa sei es, nicht zu erkennen, dass der Autopilot oder die automatische Schubkontrolle den Dienst eingestellt haben. Auch komme es öfter vor, dass die Piloten die tatsächliche Geschwindigkeit des Flugzeugs aus den Augen verlieren. Das Ergebnis kann ein Strömungsabriss an den Tragflächen sein, der zum Absturz führen kann, wenn die Besatzung nicht schnell genug die richtigen Gegenmaßnahmen einleitet.

Auf diese Weise soll es auch zum Absturz des Air-France-Flugs 447 gekommen sein, bei dem im Juni 2009 alle 228 Menschen an Bord ums Leben kamen. Die Geschwindigkeitsmesser, sogenannte Pitotsonden, hatten falsche Daten geliefert und so die Abschaltung des Autopiloten und eine Strömungsabriss-Warnung ausgelöst. Doch anstatt die Nase des Flugzeugs zu senken und so die Geschwindigkeit zu erhöhen, zogen die Piloten sie hoch - und lösten so den Absturz aus, wie die Unfalluntersuchung ergab. Die französischen Behörden empfahlen anschließend, Piloten im Verhalten bei Strömungsabrissen in großer Höhe zu schulen.

"Das ist ein globales Problem"

Als weiteres Beispiel nennt AP einen Absturz im US-Bundesstaat New York, der sich am 14. Februar 2009 ereignete. Der Pilot eines Regionalflugzeugs hatte die falschen Daten in die Computer seiner Maschine eingegeben, die daraufhin zu langsam flog. Als es zum Strömungsabriss-Alarm kam, beging der Kapitän denselben Fehler wie die Piloten von Air France 447. Die Maschine stürzte ab, 49 Menschen starben.

Zwei Wochen später legte eine Boeing 737 der Turkish Airlines bei Amsterdam eine Bruchlandung hin, bei der neun Menschen ums Leben kamen und 120 verletzt wurden. Die anschließende Untersuchung ergab, dass die Höhenmessgeräte des Jets falsche Daten an die Bordcomputer weitergeleitet hatten. Im Untersuchungsbericht war von der "Automatisierungs-Überraschung" der Piloten die Rede, die offenbar die Geschwindigkeit ihres Flugzeugs aus den Augen verloren hatten. Auch der Beinahe-Unfall eines Airbus 320, der im März 2008 bei einer Sturm-Landung in Hamburg spektakulär mit einer Tragfläche über die Landebahn schrammte, wurde später auf unerwartetes Verhalten der Flugcomputer zurückgeführt.

Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, bestätigte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Mangel an Flugpraxis in modernen Verkehrsmaschinen. Es sei ein "offenes Geheimnis", dass man als Pilot im normalen Betrieb kaum noch dazu komme, ein Flugzeug unmittelbar selbst in der Hand zu haben. "Ein Ausfall der Automatik kann dadurch zur echten Herausforderung werden", so Handwerg. Insbesondere bei Piloten, die seit vielen Jahren mit automatischen Systemen unterwegs seien, stelle sich die Frage, ob ihre Fähigkeiten zur Bewältigung eines Notfalls noch ausreichten. Unterschiede zwischen einzelnen Fluggesellschaften sieht Handwerg nur in geringem Maße: "Das ist eher ein globales Problem."

mbe
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