Unterwasserarchäologie Aquanauten im James-Bond-Anzug

Nuytco Research

Von , Boston


In der Ägäis ist ein griechisch-amerikanisches Archäologen-Team zu Tauchgängen bis in 300 Meter Tiefe aufgebrochen. Exosuit, der neue Hightechanzug für Aquanauten, wird der Star der Expedition sein.

Das Gerät ermöglicht eine neue Form von Untersee-Exkursion: Umschlossen von einer Rüstung aus gehärtetem Aluminium kann der Pilot seine Umgebung durch eine gläserne Glocke inspizieren. Unterdessen atmet er Luft unter Atmosphärendruck. Bis hinab in Tiefen von 300 Metern - weit jenseits dessen, was bisher für Taucher erreichbar war - kann er manövrieren, die 1,6-PS-Düsen an seinem Anzug steuert er dabei über Fußpedalen: Die Unterwasserarchäologie ist im Zeitalter James Bonds angekommen.

Expeditionsleiter Brendan Foley allerdings sieht in dem neuartigen "Unterseeboot zum Anziehen", wie er den Exosuit nennt, vor allem ein Mittel, seinem Vorhaben zusätzlich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die eigentliche Sensation nämlich liege dort unten am Grund der Ägäis: ein Schatz, den zu heben für Foley ein Lebenstraum ist.

Die Insel Antikythera, auf der die Forscher ihr Lager aufschlagen, ist eine Art Lummerland: Gerade einmal 30 zumeist greise Einwohner und eine deutlich größere Zahl Ziegen leben auf dem steil aus dem Meer aufragenden Fels-Eiland, 40 Kilometer nördlich von Kreta.

Taschenplanetarium des Altertums

Berühmt ist die Insel, weil vor gut 2000 Jahren ein römisches Schiff an ihren Klippen zerschellte, dessen Wrack zu den bedeutendsten Funden aus der Antike zählt. Im Jahr 1900 wurde es von griechischen Schwammtauchern entdeckt, das Bronzeporträt eines Philosophen und die lebensgroße Figur eines nackten Jünglings wurden geborgen, dazu hellenistische Marmorstatuen, prächtiger Goldschmuck und kunstvoll gearbeitete Glasschalen und Arzneifläschchen.

Vor allem aber gab das Schiff etwas preis, das Foley zum "erstaunlichsten archäologischen Fundstück aller Zeiten" erklärt: den ersten Computer der Welt, in dem das astronomische Wissen der Antike kodiert ist. 30 metallische Zahnräder greifen im Antikythera-Mechanismus auf raffinierte Weise ineinander, um Kalenderdaten, Mondphasen, Sonnenfinsternisse zu modellieren. Mit Hilfe einer Kurbel an der Seite des kastenförmigen Gehäuses ließ sich dieses Taschenplanetarium des Altertums einstellen. Es konnte Mond- und Sonnenfinsternissen vorhersagen und diente wohl auch als eine Art Terminplaner für die Wettbewerbe in den Zeiten zwischen den Olympischen Spielen.

Nur einmal wurde das Wrack vor Antikythera seit seiner Entdeckung besucht: 1976 inspizierte der berühmte französische Meeresforscher Jacques Cousteau Passagierdeck und Kombüse. Seither blieb das Schiff unberührt. Erst jetzt hat die griechische Regierung die Genehmigung für eine erneute Erkundung erteilt.

Und wer könnte besser berufen dazu sein als Brendan Foley, der Chefarchäologe des amerikanischen Meeresforschungsinstituts Woods Hole. Vor knapp zehn Jahren hatten die Griechen ihn erstmals zu Hilfe gerufen. Damals sandte er einen Roboter 800 Meter tief zu den Überresten eines antiken Frachtschiffs hinab.

Gesprächen aus der Antike lauschen

Nach diesem ersten Erfolg im Jahr 2005 machte sich Foley daran, möglichst viele der bekannten Fundorte antiker Wracks aufzusuchen. Wie Fallobst seien sie im Laufe der Jahrhunderte herabgesunken, sagt er. Heute sei der Boden des Mittelmeers übersät von Zeugnissen menschlicher Tragödien, die für die Wissenschaft nun zur Quelle kostbarer Erkenntnisse würden.

"Die Kulturen des Altertums standen vor allem auf dem Seeweg in Kontakt miteinander", sagt Foley. Er vergleicht die Schiffe mit Gesprächen zwischen Phöniziern, Ägyptern, Griechen, Römern oder Zyprioten. "Wenn wir heute eines der Wracks untersuchen, ist es, als ob wir ein solches Gespräch abhören."

Nun also darf Foley endlich auch aufbrechen zu jenem einen Schiff, das herausragt unter all den anderen. "Rückkehr nach Antikythera" nennt er seine Mission. Denn von hier nahm sein Fach, die Unterwasserarchäologie, vor 114 Jahren seinen Ausgang. Die Insel Antikythera hat das Team bereits erreicht.

Schon die wenigen erhaltenen Planken lassen erahnen, welch gewaltiger Frachter da vor Antikythera gestrandet war. "Elf Zentimeter dick", sagt Foley. "Solche Dimensionen kennen wir von keinem anderen Schiff der Antike." Luxusgüter aus dem östlichen Kulturraum sollten hier offenbar in die Hauptstadt des aufsteigenden römischen Reiches geschafft werden. Foley gefällt die Vorstellung, bei den Preziosen könnte es sich auch um die Mitgift einer Prinzessin handeln, die unterwegs zu ihrer Hochzeit war. Unter den Menschen an Bord jedenfalls, so viel beweisen Skelettfunde, war auch eine Frau.

Genauere Antworten auf die Frage nach der Bestimmung des Luxusliners könnte die Expedition liefern, die in der kommenden Woche beginnen soll. Zunächst will Foley das Wrack genau kartieren und alle Stellen, an denen die Metalldetektoren anschlagen, markieren. Auch ein zweites Schiff, wenige hundert Meter entfernt etwa zur gleichen Zeit gesunken, soll inspiziert werden. Allerdings sind während der diesjährigen Kampagne nur ein oder zwei Probebohrungen geplant. "Ziel ist es zunächst nachzuweisen, dass es dort noch etwas zu finden gibt", sagt Foley.

Während dieser ersten Erkundung wird die Aufgabe des Exosuits vermutlich darauf beschränkt bleiben, einen mächtigen Steinblock zu bergen, der einst, kurz nach der Entdeckung im Jahr 1900, den Hang abwärts gerutscht war. Ein ähnlicher Block, den die Taucher seinerzeit in einer waghalsigen Aktion emporgehievt hatten, erwies sich als monumentale Herkulesfigur. Das Faszinierendste aber bleibt für Foley der legendäre "Mechanismus von Antikythera". Wie hatten antike Ingenieure ein solch komplexes Gerät erschaffen können? "Völlig unmöglich, dass es ein Einzelstück ist", erklärt Foley.

Besonders eines der 82 bisher bekannten Fragmente beflügelt seine Fantasie: Bisher gelang es nicht, es in die Maschinerie der anderen Bauteile einzufügen. Könnte es womöglich sein, dass dies das erste Teil eines zweiten Astrocomputers an Bord des Luxusfrachters war?

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9 Leserkommentare
ilek 17.09.2014
Cugel 17.09.2014
iNSTEIN 17.09.2014
xtechnokratx 17.09.2014
kom.philbier 17.09.2014
kernspalter 17.09.2014
Oberleerer 17.09.2014
spon-facebook-10000239462 21.09.2014
FNagel 30.10.2014

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