Reaktorruine Hinweise auf Kettenreaktionen in Tschernobyl

Tief im Keller des havarierten Atomreaktors in der Ukraine zeigt ein Messgerät besorgniserregende Werte an. Experten machen sich Gedanken. Helfen könnten wohl bestenfalls Spezialroboter.
Block 4 des Pannen-AKW Tschernobyl: Gefahr in Raum 305/2

Block 4 des Pannen-AKW Tschernobyl: Gefahr in Raum 305/2

Foto: Efrem Lukatsky / dpa

Mögliches Unesco-Weltkulturerbe , Touristenziel, verkaufsfördernde Bezeichnungen mit Gruselfaktor – man kann die Atomruine von Tschernobyl ziemlich genau 35 Jahre nach dem verheerenden Reaktorunglück auf verschiedene Arten sehen. So machte gerade erst eine Meldung  die Runde, wonach die ukrainischen Ermittlungsbehörden 1500 Flaschen Apfelschnaps beschlagnahmt hätten. Die dafür verwendeten Früchte stammten offenbar aus der Sperrzone rund um das havarierte AKW.

Anscheinend ist nun zwar gar nicht dieser Umstand der Grund für das Einschreiten, sondern eine Diskussion über Steuermarken. Seit einigen Tagen gibt es aber auch deutlich besorgniserregendere Berichte aus Tschernobyl. Demnach könnten sich im Untergrund des havarierten Reaktors weiterhin nukleare Kettenreaktionen ereignen.

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Bei einer Diskussion zur Zukunft des zerstörten Meilers hatte Anatolij Doroschenko vom Institut für Sicherheitsprobleme von Kernkraftwerken (ISPNPP) in Kiew erklärt, einige Sensoren in Bereichen von Block 4 zeigten langsam, aber stetig steigende Neutronenwerte. Das könnte ein Signal für eine sich selbst erhaltende Kernspaltung sein. Man habe aber durchaus einige Jahre Zeit, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Sprinkleranlage erreicht den Keller nicht

Besonders tückisch ist aber, dass die Messwerte vor allem aus einem Raum (»305/2«) unter dem Reaktorgebäude stammen, der seit der Katastrophe nicht mehr zugänglich ist. Dort befinden sich viele Tonnen sogenannten Coriums. So wird die Substanz genannt, die sich aus geschmolzenen Uranbrennstäben gebildet hat, ihren unter anderem aus Zirconium bestehenden Hüllen, den Graphit-Steuerstäben sowie aus Sand, der nach dem verheerenden Brand zum Löschen genutzt wurde.

Im Corium könnte es weiter zu anhaltenden nuklearen Prozessen kommen, bei denen Neutronen frei werden. Diese könnten, wenn sie langsam genug sind, weitere Spaltprozesse anstoßen, bei denen dann wieder Neutronen frei würden – und so weiter.

Eigentlich soll eine Sprinkleranlage in Tschernobyl dabei helfen, Neutronen einzufangen. Eine Gadoliniumnitratlösung kann dafür von der Decke gesprüht werden. Diese erreicht aber die Bereiche im Keller des Reaktors nicht, die unter Beton verborgen sind. In einem Bericht  des Fachmagazins »Science« sagt der Chemiker Neil Hyatt von der University of Sheffield, man könne sich das Ganze vorstellen wie Glut in einem eigentlich ausgebrannten Grill. Die Daten der Ukrainer seien glaubhaft und plausibel, auch wenn aktuell nicht klar sei, wie es zu den Reaktionen komme.

Ursprünglich waren solche Probleme in Tschernobyl aufgetreten, weil offenbar Regenwasser in die betreffenden Bereiche gelangt war. Mittlerweile sollte das nicht mehr passieren – doch auch wenn das Material zu trocken ist, könnten offenbar Probleme drohen. Hyatt warnt, die nukleare Reaktion könnte »exponentiell beschleunigt« werden, wenn das Wasser weiter zurückgehe. Die Folge könne eine »unkontrollierte Freisetzung von Kernenergie« sein. Allerdings geht niemand von einer Wiederholung der katastrophalen Ereignisse vom 26. April 1986 aus.

Löcher in das Corium bohren

Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl war Block 4 zunächst in einem »Sarkophag« genannten Schutzbauwerk aus Stahl und Beton eingeschlossen worden. Darüber wurde vor einigen Jahren eine neue Schutzhülle errichtet, das »New Safe Confinement«. Sie soll es ermöglichen, Teile der havarierten Anlage darunter sicher abzubauen und zur Einlagerung in einem Endlager vorzubereiten. Die Planungen dafür laufen aktuell.

Schwierig ist, dass sich Menschen den Resten des besonders problematischen Raums 305/2 nicht nähern können. Denkbar wäre es, mit Robotern zu arbeiten. Diese könnten Löcher in das Corium bohren, in die Zylinder mit dem chemischen Element Bor gefüllt würden. Diese Substanz fängt die problematischen Neutronen sozusagen ein. Deswegen war sie auch in der Frühphase, nach dem Unglück in großen Mengen über dem Reaktor abgeworfen worden.

chs