Fotostrecke

Japan: Lehren aus der Katastrophe

Foto: NIED

Tsunami-Unglück Welche Lehren Japan aus der Katastrophe zieht

Japan wähnte sich gut auf Naturkatastrophen vorbereitet - doch der Tsunami im März überforderte alle Notfallvorkehrungen. Jetzt ziehen Forscher die Lehren aus der Krise. Viele entwickeln dabei eine kritischere Haltung zur Atomkraft.

Wer die Hafenstadt Taro gesehen hat, kann die Machtlosigkeit der japanischen Forscher im Angesicht der Katastrophe nachempfinden. Zwei Betonbarrieren von je zehn Metern Höhe und 2,4 Kilometern Länge sollten vor Tsunamis schützen. Doch als am 11. März eine über 15 Meter hohe Welle eintraf, überspülte sie beide Mauern und riss vereinzelt sogar tonnenschwere Brocken aus den Barrieren. Heute stehen in Taro nur noch Fundamente von Häusern auf beiden Seiten der Mauern, 144 Menschen kamen dort ums Leben oder werden noch vermisst.

"Soute-gai"- Jenseits jedes Szenarios. Es ist der Ausdruck, den die Überlebenden immer wieder benutzen, um dem Unfassbaren einen Namen zu geben. Japanische Forscher scheuen sich vor diesem Begriff, weil er wie eine Kapitulation klingt. Aber auch Mariko Ohara kommt nicht ohne ihn aus. Ohara ist Professorin für medizinische Versorgung in Krisengebieten. Sie war schon in Sumatra und Haiti als Katastrophenhelferin im Einsatz, um die Länder mit japanischem Know-how zu unterstützen. Nun ist ihr Heimatland selbst Krisengebiet, und sie gibt zu, "dass wir mit einer derart weiträumigen Katastrophe nicht gerechnet haben".

War das, was am 11. März geschah, jenseits jedes Forschungsszenarios der Japaner?

In einer Stahlhalle auf einem Berg in der Nähe von Kobe ist seit 2005 das National Research Institute for Earth Science and Disaster Prevention (NIED) ansässig. Hier testen Wissenschaftler Brückenpfeiler und bis zu sechsstöckige Häuser in Originalgröße auf ihre Erdbebentauglichkeit. Eine 15 mal 20 Meter große Hebebühne erzeugt dazu künstliche Beben, die bis auf das 1,3fache des Bebens von Kobe schwingen. 1995 war die Stadt von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,3 heimgesucht worden; mehr als 6400 Menschen kamen ums Leben.

"Natürlich waren die Bilder vom 11. März schockierend", sagt Eiji Sato vom NIED. "Doch trotzdem glaube ich, dass wir in den 15 Jahren nach Kobe einen weiten Weg zurückgelegt haben."

So sehr es auf den ersten Blick verwegen scheint, in den Folgen der Katastrophe nach Erfolgen zu suchen: Die Schäden, die allein durch das Erdbeben verursacht wurden, waren für ein Beben der Stärke 9,0 außerordentlich gering. Nach Angaben der Development Bank of Japan wurden in den vier am stärksten betroffenen Regionen nur 3,3 Prozent der Gebäude im Landesinneren beschädigt.

Anders sieht es jedoch an der Küste aus: 17,2 Prozent der Gebäude sind hier vor allem durch den Tsunami zerstört worden. Noch drastischer fällt der Vergleich in der am schwersten betroffenen Präfektur Iwate aus, wo im Landesinneren 2,9 Prozent der Gebäude beschädigt wurden - an der Küste aber fast jedes zweite.

Fumihiko Imamura, ein Experte auf dem Gebiet der Tsunami-Forschung, gesteht ein, dass die bisherigen Szenarien nicht ausreichten: "Wir hatten Daten zu Tsunamis aus den letzten 400 Jahren und haben unsere Szenarien danach ausgerichtet. Dieser Tsunami ging leider weit darüber hinaus." Zahlreichen Experten zufolge war es durchaus bekannt, dass Tsunamis mitunter mehr als 30 Meter hoch werden. Auch dass eine Katastrophe ein weiträumiges Gebiet treffen kann, war nach Angaben des Risikoforschers Takuma Saeki vom Disaster Reduciton Institute (DRI) in Erdbeben-Szenarien miteinberechnet worden. Die Kombination aus beiden Szenarien aber wurde in dieser Form kaum für möglich gehalten.

Doch nicht nur die Szenarien der Tsunami-Forscher wurden am 11. März gesprengt. Beben und Tsunami lösten eine schier unendliche Dominokette an Folgen aus, die niemand so hatte kommen sehen. Als Problem sehen Wissenschaftler nun auch die mangelnde Verzahnung der einzelnen Forschungsbereiche. "Hier in Japan bleiben die jeweiligen Forschungsbereiche oft unter sich", sagt Eiji Sato vom NIED. "Es gibt leider viel zu wenig disziplinübergreifende Projekte."

Psychologische Aspekte nicht genug beachtet

Risikoforscher Takuma Saeki sagt: "Ich habe das Gefühl, dass unsere Erkenntnisse nicht immer bis in die anderen Forschungsbereiche und zu den Menschen vor Ort gekommen sind." Er und seine Forscherkollegen meinen, dass psychologische und pädagogische Aspekte künftig stärker in die Tsunami-Prävention einfließen sollten. Denn: Japan hat ein einzigartiges Tsunami-Frühwarnsystem, das auch am Tag des Erdbebens funktionierte und 30 Minuten vor dem Auftreffen der Welle warnte. Es rief zur Evakuierung auf, obwohl es anfangs eine zu niedrige Höhenangabe für den Tsunami herausgab. Doch viele der späteren Opfer seien nach Berichten von Augenzeugen nicht geflohen - wahrscheinlich, weil sie die Warnung nicht ernst nahmen.

Auch in der Katastrophenhilfe hat Japan zahlreiche Vorkehrungen für Naturkatastrophen getroffen. So gibt es beispielsweise sogenannte Medical-Relief-Teams, Spezialisten für die medizinische Versorgung in Katastrophengebieten, von denen nach Angaben des japanischen Roten Kreuzes 495 im ganzen Land verteilt sind. Sie können - ebenso wie andere Maßnahmen wie zum Beispiel Hilfsgüterlieferungen - aus benachbarten Regionen angefordert und nah an den jeweiligen Krisenherden abgesetzt werden.

Junji Kiyono, Professor an der University of Kyoto, erklärt, dass ein derartiges Vorgehen beim diesjährigen Beben aber nicht möglich war, da das betroffene Gebiet derart weiträumig war. Mit solch einem Szenario hatte man im Bereich des Katastrophenschutzes im Gegensatz zu Risikoforschern wie Saeki offenbar nicht gerechnet. Die Folge war, dass die Hilfe nur sehr mühsam und spät vor Ort ankam.

Kritischere Haltung zur Atomenergie

Besonders drastisch zeigt sich das mangelnde Bewusstsein für die Vielfältigkeit der Probleme, die ein Erdbeben auslöst, am AKW-Unfall von Fukushima.

So hatte Taro Kanno von der University of Tokyo nach dem Chuetsu-Beben 2004 die Informationskoordination in Katastrophengebieten untersucht. Eines der Probleme sei laut Kanno, dass Kommunikationswege zusammenbrechen und Ereignisse nicht mehr in zeitlicher Abfolge gemeldet werden. Informationen zu Vorfall C kämen vor denen von Vorfall A an, was die Entscheidungsfähigkeit eines Krisenstabs erschwerte.

"Ursprünglich hatten wir das Simulationsmodell für AKW-Unfälle erstellt und es danach für den Fall eines Erdbebens angepasst", erklärt Kanno. "Die beiden Simulationen logischerweise zusammenzufügen, das haben wir nie getan. Daran gab es leider auch kaum Interesse." Auch ohne das Zusammenfügen sei klar, dass der Informationsfluss in dieser Situation vollkommen kollabiert. "Aber die Sicherheit der Atomkraft war so etwas wie ein Tabuthema."

Kanno steht in der japanischen Forschergemeinde nicht alleine da. Auch Saeki vom DRI sagt, dass Erdbeben- und Tsunami-Schäden in allen Kalkulationen berücksichtigt wurden, jegliche Überlegung zu einem atomaren GAU aber fehlten. "Wir haben immer dem Sicherheitsversprechen der Energiekonzerne vertraut." Eine kritischere Haltung zu Japans "sauberer Energie" breitet sich seit dem Beben nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter den Forschern aus.

Das Beben und seine fatalen Folgen haben aber den japanischen Forschern nicht nur die Grenzen ihrer Szenarios gezeigt, sondern ihnen auch eine neue Sicht auf Vorhersagen gegeben. Kanno fasst es so zusammen: "Ich glaube, wir haben in der Wissenschaft zu wenig Worte für die Zukunft." Es müsse klar sein, dass die Grenzen jedes Szenarios vor allem auf finanziellen Gesichtspunkten basieren. Es seien nicht die Grenzen des Vorstellbaren oder dessen, was wirklich passieren könne. "Wir sollten uns immer auch überlegen, was man unternimmt, wenn diese Grenzen überschritten werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte gestanden, dass die Tsunami-Mauern in Taro die höchsten Japans waren. Das ist allerdings nicht korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.