Umstrittene Transporte Frankreich lädt radioaktives Material in Sibirien ab

Frankreich lagert nach Angaben der "Libération" große Mengen radioaktiver Substanzen in Sibirien ab. Es geht um hundert Tonnen Uran pro Jahr, die aus der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague stammen. Auch in der Mittelmeerregion beschäftigt Atommüll die Behörden.

Atommüllfässer (Nachbildung bei Anti-Atom-Protesten in München): Diskussion um französische Transporte nach Russland
ddp

Atommüllfässer (Nachbildung bei Anti-Atom-Protesten in München): Diskussion um französische Transporte nach Russland


Paris - Die Zeitung "Libération" und der Fernsehsender Arte haben brisante Transporte aufgedeckt, die in Frankreich derzeit für Diskussionen sorgen. Knapp 13 Prozent der französischen Atomabfälle, so die Recherchen, werden derzeit nach Russland geschafft. Konkret geht es um gut hundert Tonnen Uran pro Jahr. Sie stammen aus der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague.

Die Transporte selbst sind unstrittig, ganz anders als die Bezeichnung des Materials: In Russland soll das Material erneut angereichert werden, darauf legt der französische Stromriese EDF besonderen Wert. "Es wird kein Atommüll von EDF nach Russland transportiert", sagte eine Firmensprecherin. Im Übrigen gehöre das Material gemäß der weltweiten Gepflogenheiten nicht mehr EDF, sondern dem russischen Unternehmen Tenex.

Die Journalisten halten dagegen, dass etwa 90 Prozent der Transporte aus Frankreich als stark abgereichertes Uran zurückbleiben. Nach ihren Informationen wird das schwach radioaktive Material im Atomzentrum Sewersk, früher Tomsk-7, in Containern unter freiem Himmel gelagert.

In Atomkraftwerken der kommenden Generation - die französischen Behörden gehen von einem Bau um das Jahr 2040 aus - soll das abgereicherte Uran als Brennstoff eingesetzt werden. Derzeit kann es jedoch nicht verwertet werden. Die Anti-Atombewegung fordert deswegen, abgereichertes Uran nicht mehr als Wertstoff, sondern als Atommüll einzustufen. Dann dürfte es allerdings nach der Baseler Konvention über den Export gefährlicher Abfälle nicht mehr nach Russland exportiert werden.

Frankreich hat wie Deutschland bislang kein Endlager für seinen Atommüll. Von den 1150 Tonnen gebrauchten Brennstoffes, die jährlich anfallen, werden 850 Tonnen im nordfranzösischen La Hague aufbereitet. Der Rest wird in Kühlbecken zwischengelagert.

Informationen über gefährliche Schiffswracks

Auch in der Mittelmeerregion beschäftigen Berichte über Atommüll die Behörden - wenngleich diese Transporte ganz anderer Natur waren. Die griechische Atombehörde hat Italien zur gemeinsamen Suche nach Gift- und Atommüllwracks im Mittelmeer aufgefordert. "Es besteht die Notwendigkeit einer gemeinsamen Suche nach radioaktivem Material", sagte der Chef der griechischen Behörde für Atomenergie, Christos Chousiadis. Im September hatten italienische Ermittler das Wrack eines vermutlich mit Gift- oder Atommüll beladenen Frachters vor der kalabrischen Küste entdeckt.

Der ermittelnde Staatsanwalt von Paola, Bruno Giordano, ging seinerzeit von weit mehr als 30 solchen Giftwracks im Mittelmeer aus. Ein Mitglied der kalabrischen Mafia "'Ndrangheta" hatte die Ermittler auf die Spur des gefährlichen Schiffes gebracht. Der Mafioso hatte von dem Frachter "Cunsky" berichtet, der mit 120 Fässern Atommüll beladen gewesen und 1993 mit seiner Hilfe versenkt worden sei.

Die "Cunsky" war mit anderen drei Frachtern in den Jahren 1988 und 1989 von der italienischen Regierung eingesetzt worden, um radioaktiven Müll aus dem Libanon zu entsorgen. Offiziell war sie im Januar 1992 verschrottet worden. Laut Fonti wurde in griechischen Gewässern auf ähnliche Weise Giftmüll vor allem der Pharmaindustrie versenkt. Die Firmen sollen der Mafia zwischen 1,5 und 15 Millionen Euro pro versenktes Schiff gezahlt haben.

"Griechenland muss über alle möglichen Fundstellen von Giftwracks informiert werden", forderte Chousiadis. Die italienische Umweltorganisation Legambiente hatte von sieben Giftschiffen in unmittelbarer Nähe der griechischen Inseln Paxos, Kefalonia und Zakynthos an der Westküste Griechenlands gesprochen.

chs/AFP/dpa



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