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SPIEGEL

Frank Thadeusz

Klimaschonende Museen Wir Besucher stören

Liebe Leserin, lieber Leser,

freuen Sie sich auch schon auf Ihren ersten Besuch im Museum, nach der langen Zeit des Lockdowns? Auch wenn Sie sich für die Ausstellungen gar nicht so sehr interessieren, könnte das ein erfrischender Ausflug werden – gerade jetzt, da die Temperaturen spürbar ansteigen.

Denn viele Häuser sind voll klimatisiert; das muss so sein, weil sonst die Farbpigmente des Van Gogh oder Picasso womöglich auf den Boden rieseln würden.

Und genau damit beginnen die Probleme.

Die deutschen Museen gelten bei Kritikern inzwischen als ausgemachte Klimasünder. Auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes haben zuletzt 19 deutsche Kultureinrichtungen eine Klimabilanz für ihr Haus erstellt und den eigenen CO2-Fußabdruck ermittelt. Dabei zeigte sich: Es besteht akuter Handlungsbedarf.

Bei der in Berlin angesiedelten Stiftung Preußischer Kulturbesitz beispielsweise lag der Energieverbrauch 2019 bei rund 70 Millionen Kilowattstunden – das entspreche »30.000 Tonnen CO2 beziehungsweise 120.000 Flügen zwischen Zürich und London«, hat der Chemiker Stefan Simon, Leiter des kunst­technologischen Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen Berlin, errechnet.

Neue Häuser, etwa das Museum des 20. Jahrhunderts, das derzeit in Berlin gebaut wird, stehen in der Klimabilanz nicht besser da als ältere Museen – im Gegenteil: Sie starten sogar mit einer Hypothek. Herstellung und Transport, etwa von Baustoffen, fließt als »Graue Energie« in die Rechnung mit ein. Zudem muss die Klimaanlage in neuen Häusern deutlich stärker gegen die Wärmeeinwirkung von außen arbeiten, als das in alten Gebäuden mit dicken Steinmauern der Fall ist.

Deshalb wird nun verstärkt in einer Institution über Umweltschutz und Nachhaltigkeit nachgedacht, mit der man das Thema bislang nicht unbedingt in Verbindung gebracht hat.

Um den hohen Energieverbrauch zu reduzieren, prüfen die Häuser nun Möglichkeiten zur Einsparung von CO2. Ins Visier ist aber nicht nur die aufwendige Klimatisierung geraten, die dem möglichen Verfall von Kunstwerken entgegenwirken soll.

Als heißer Kandidat auf der Streichliste gilt auch der ­Verzicht auf Leihgaben und -nahmen. Bislang ist es völlig üblich, dass Gemälde im Flugzeug oder Lkw um die halbe Welt ge­schickt werden, um an anderer Stelle für einige Monate eine Ausstellung zu ergänzen. Das Beispiel zeigt allerdings, dass die Diskussion teilweise absurde Züge annimmt.

Denn alle Ausstellungsmacher wünschen sich natürlich, dass ihre Schauen große Besucherströme auslösen. Exemplarisch lässt sich das am Mu­seum aller Museen beobachten, dem Louvre in Paris. Das Kunstmuseum wurde im Jahr 2018 von 10,2 Millionen Menschen aufgesucht – Besucherrekord. Fast drei Viertel des Publikums reisten aus dem Ausland an, an der Spitze standen Gäste aus den Vereinigten Staaten und China.

Mit dem stolzen Verkünden solcher Superlative könnte es demnächst jedoch vorbei sein. Denn mit Blick auf die Klima­bilanz stören vor allem die Besucher gewaltig.

Kaufen Sie also schnell noch eine Eintrittskarte, bevor Sie nicht mehr erwünscht sind!

Herzlich

Ihr Frank Thadeusz

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Mein Kollege Jörg Römer berichtet, wie es den Haien einst beinahe so ergangen wäre wie den Dinosauriern – und das wäre furchtbar; außer vielleicht für ein paar überängstliche Badegäste.

  • Die Drohne macht's möglich: Tolle Bilder von einem Vulkanausbruch auf Island. Als wäre man selbst dabei gewesen!

  • Im Nordatlantik werden offenbar die Wale immer kleiner. Forscher haben im Zeitraum der vergangenen 40 Jahre einen signifikanten Schrumpfungsprozess  bei den Meeresriesen beobachtet. Wie erwartet, ist der Mensch nicht unschuldig an dieser Entwicklung.

  • Sitz! Fuß! Aus! Es liegt den Hunden offenbar in den Genen , auf solche Kommandos zu hören, wie Forscher herausgefunden haben.

  • Wer sind die besten Demokraten ? Auch so etwas kann man erforschen.

Quiz*

  1. Wie hieß der erste Mensch auf dem Mond?
    a. Buzz Aldrin
    b. Herbie Hancock
    c. Neil Armstrong

  2. Wie hieß der erste Mensch im Weltraum?
    a. Sigmund Jähn
    b. Jurij Gagarin
    c. Bobby Fischer

  3. Wer ist Ulf Merbold?
    a. Der erste Deutsche, der auf dem Mond landete.
    b. Der zweite Deutsche, der im All war.
    c. Der dritte Deutsche, dem die körperlichen Voraussetzungen für einen Flug auf den Mars attestiert wurden.

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

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VICKIE FLORES / EPA

Der Blick von außen auf die Erde ist ein Privileg, das normalerweise nur Astronauten genießen. Die Installation »Gaia« des britischen Künstlers Luke Jerram im Old Royal Naval College in Greenwich, London, soll auch Normalsterblichen diese Perspektive ermöglichen. Das Werk misst sieben Meter im Durchmesser und basiert auf detailreichen Fotografien des Blauen Planeten, die von ­Nasa-Satelliten aufgenommen wurden. Das Original ist 1,8 Millionen Mal größer als die Nachbildung.

Fußnote

27 Tage lang war Erbgut des Coronavirus noch im Körper eines Verstorbenen nachweisbar, den eine Gruppe italienischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen untersucht hat. Ihre ­Erkenntnisse über die Haltbarkeit der Virus-RNA veröffentlichten die Mediziner jetzt im Fachjournal »Forensic Science, Medicine and Pathology«. Die Forschenden untersuchten insgesamt fünf Tote. Die geringste Verweildauer des Viruserbguts in einem Leichnam betrug 22 Tage. In einem Fall hielt sich das Virenerbgut auch noch in einem Körper, der fünf Tage beerdigt war und danach 20 Tage bei minus 15 Grad Celsius ­ge­lagert wurde. Niedrigere Temperaturen unterstützen die ­Beständigkeit der Erreger-RNA.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1. c. Neil Armstrong war der Erste, am 21. Juli 1969 um 3:56 MEZ. Wenig später folgte ihm Buzz Aldrin. Herbie Hancock ist ein Jazzmusiker.
2. b. Jurij Gagarin umrundete am 12. April 1961 an Bord des Raumschiffes Wostok 1 die Erde. Sigmund Jähn flog am 26. August 1978 an Bord der sowjetischen Raumkapsel »Sojus« 31 als erster Deutscher in den Weltraum. Bobby Fischer war von 1972 bis 1975 Schachweltmeister.
3. b. Ulf Merbold war nach Sigmund Jähn der zweite Deutsche im All. Er gehörte zur Besatzung der neunten Spaceshuttle-Mission, die am 28. November 1983 startete.

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