Gasleck in der Nordsee Umweltschützer warnen vor "Bohrloch der Hölle"

An der Elgin-Bohrinsel in der Nordsee strömen große Mengen Gas aus. Umweltschützer fürchten ein Ökodesaster, rund um die Plattform könnten sich Todeszonen bilden. Der Aktienkurs des Betreibers Total ist abgestürzt.
Gasleck in der Nordsee: Umweltschützer warnen vor "Bohrloch der Hölle"

Gasleck in der Nordsee: Umweltschützer warnen vor "Bohrloch der Hölle"

Foto: DPA/ Total

Hamburg - Rund 240 Kilometer östlich der schottischen Küste entweicht unkontrolliert Gas, es stammt aus einem Leck an der Elgin-Bohrinsel des Energiekonzerns Total. An der Oberfläche bildete sich eine riesige Gaswolke, auf dem Wasser breitete sich ein Ölfilm aus. Total hat die Plattform komplett evakuiert, von zwei in der Nähe gelegenen Stationen, die Shell betreibt, wurde ebenfalls ein Teil des Personals abgezogen.

Ein Gebiet von gut drei Kilometern um die Plattform herum ist für den Schiffsverkehr gesperrt. Hubschrauber dürfen ihr nicht näher kommen als knapp fünf Kilometer. Linienflugzeuge, die deutlich höher fliegen, sind nicht von der Sperrzone betroffen.

Manager des Konzerns und britische Behörden erklärten, für die Öffentlichkeit bestehe nur eine geringe unmittelbare Gefahr. Das Gas werde sich in die Atmosphäre verflüchtigen. Die ausströmende Gasmischung enthalte allerdings giftigen Schwefelwasserstoff, weshalb Personen in der Nähe gefährdet seien. Zudem ist die Gasmischung leicht entzündbar, was bevorstehende Arbeiten deutlich erschweren dürfte. 1988 explodierte in der Nordsee die Plattform Piper Alpha, nachdem dort Gas ausgeströmt war. 167 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

Gefahr für Fische, Plankton und Bodenlebewesen

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Elgin-Bohrinsel: Gasförderung außer Kontrolle

Foto: DPA/ Total

Der bei Erkundungsflügen beobachtete Ölfilm erstreckt sich nach Angaben des britischen Energieministeriums über eine Fläche von rund 1,4 mal 11 Kilometern. Mit den Worten von Großbritanniens Energieminister Charles Hendry klingt das wenig dramatisch: "Die Menge des Films entspricht einem Sechzehntel eines Olympia-Schwimmbeckens." Er bescheinigte dem Konzern und den Behörden ein gutes Krisenmanagement. "Bislang sind alle Vorschriften eingehalten und die richtigen Schritte eingeleitet worden", so Hendry.

Naturschützer warnen dagegen vor verheerenden Folgen, die das ausströmende Gas und Öl auf die Umwelt haben kann. Das gilt insbesondere für sogenanntes Saures Gas, das mit Schwefelwasserstoff angereichert ist und das laut Total entweicht. "Bei einem, wie von Experten befürchteten, lang andauernden Gasaustritt könnten Todeszonen in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen", sagte Meeresschutzexperte Stephan Lutter vom World Wildlife Fund (WWF). Auch die Kohlenwasserstoffe und Kondensate aus dem eigentlichen Erdgas würden in hohen Mengen eine Gefahr für Fische, Plankton und Bodenlebewesen darstellen.

Im Golf von Mexiko, wo bei der Deepwater-Horizon-Katastrophe um die 780 Millionen Liter Öl ausgetreten waren, zeigen sich die verheerenden Folgen für die Umwelt an verschiedenen Stellen. Gerade erst berichteten Forscher von Schäden, die das Öl bei Korallen angerichtet habe.

Die norwegische Umweltgruppe Bellona sprach angesichts des hohen Drucks und der hohen Temperaturen bei dem Nordsee-Gasvorkommen von einem "Bohrloch der Hölle". Ein Vertreter der Organisation erklärte: "Das Problem ist außer Kontrolle geraten." Bevor die Arbeiter auf der Plattform in Sicherheit gebracht worden seien, hätten sie sich 14 Stunden um eine Eindämmung des Problems bemüht, sagte Bellona-Chef Frederic Hauge.

Aktienkurs von Total eingebrochen

Greenpeace kritisierte in Anbetracht des Unglücks, dass die britische Regierung Anreize für Bohrungen in tieferem Wasser westlich der Shetland-Inseln biete. Die Öl- und Gasförderung in der Nordsee sei aber für die Arbeiter und die Umwelt gefährlich.

Total erklärte, der Konzern halte sich alle Optionen offen, das Leck zu beseitigen - darunter auch eine Entlastungsbohrung. Dies würde jedoch rund sechs Monate dauern. Das Unternehmen flog nach eigenen Angaben 10 bis 20 Spezialisten ein und heuerte den Dienstleister Wild Well Control an, der auch bei der Katastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010 zum Einsatz kam.

An der Plattform förderte Total bisher neun Millionen Kubikmeter Gas täglich, was drei Prozent der britischen Gesamtfördermenge von Erdgas entspricht. Zudem wurden an der Bohrinsel täglich 60.000 Barrel Leichtöl gewonnen - rund 5,5 Prozent der britischen Gesamtfördermenge von Erdöl. Nach der Evakuierung der Plattform zog der Gaspreis an. An der Pariser Börse verlor die Total-Aktie mehr als sechs Prozent und war damit der mit Abstand größte Verlierer im Pariser Leitindex CAC40 sowie im EuroStoxx50.

wbr/Reuters
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