US-Drohnen Wenn Hightech-Krieger vom Himmel fallen

Das US-Militär feiert Drohnen als neue Wunderwaffe. Doch die geheimen Afghanistan-Dokumente von WikiLeaks entlarven die teuren Hightech-Himmelskrieger als störanfällig - immer wieder stürzen sie ab und müssen dann aufwendig geborgen werden, unter tödlichen Gefahren für die Soldaten.

US-Soldat mit Drohne: Was, wenn die Hightech-Himmelskrieger versagen?
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US-Soldat mit Drohne: Was, wenn die Hightech-Himmelskrieger versagen?

Von , Washington


Das US-Militär setzt immer öfter auf leise Killer. Rund 20 "Predator"-Drohnen fliegen derzeit ständig über das bergige Gelände Afghanistans - doppelt so viele wie vor einem Jahr. Sie können bis zu 40 Stunden in der Luft bleiben und ihre Ziele mit "Hellfire"-Präzisionsraketen bekämpfen, zum Beispiel wenn westliche Truppen in Feuergefechte verwickelt werden. Oder wenn Aufständische Straßenbomben platzieren wollen.

Auch die Modelle MQ-9 "Reaper" und die riesige "Global Hawk" mit ihren 40 Metern Flügelspannweite kreisen beständig über dem Land. Insgesamt 185.000 Flugstunden waren Drohnen im vergangenen Jahr im Irak und in Afghanistan im Einsatz - dreimal so lange wie 2006. Bald sollen es schon 300.000 Flugstunden pro Jahr sein.

Doch die Superwaffen sind störanfällig. Unfallberichte des US-Verteidigungsministeriums zeigen: Systemstörungen, Computerfehler und menschliches Versagen kommen beim Drohneneinsatz häufig vor.

38 "Predator"- und "Reaper"-Drohnen sind im Kampfeinsatz in Afghanistan und im Irak schon abgestürzt, neun weitere bei Testflügen auf Militärbasen in den USA. Jeder Absturz kostet zwischen 3,7 und 5 Millionen Dollar. Insgesamt gibt die US-Luftwaffe 79 Drohnen-Unglücke zu, die jeweils mindestens eine Million kosteten.

Mindestens drei "Predator" sind allein im Jahr 2010 in Afghanistan vom Himmel gefallen. In den über WikiLeaks veröffentlichten Afghanistan-Protokollen taucht auch ein Bericht darüber auf, dass im September 2009 eine "Reaper"-Drohne über einer menschenleeren Gegend im Norden Afghanistans zerstört werden musste - weil die Satellitenverbindung zum Kommandozentrum abgebrochen war. Ein "Reaper" kostet rund 13 Millionen Dollar.

Offenbar wurden bei ihrem Einsatz ernste Probleme ignoriert, weil alles so schnell gehen musste. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem hastigen Beginn des Afghanistan-Feldzugs war die neue Waffe sofort gefragt: "Die Drohnen waren damals gar nicht fertig für den Kriegseinsatz", sagt Travis Burdine, Manager der Air Force Unmanned Aircraft Systems Task Force. "Wir hatten keine Zeit, Probleme auszubügeln."

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Zwar lässt sich aus den nun vorliegenden Geheimdokumenten nicht sicher ableiten, wie störanfällig die Wunderwaffen genau sind. Dafür sind die Angaben zu unvollständig und zu wenig aufgearbeitet. Aber es wird wiederholt von Abstürzen und technischen Problemen berichtet, so am 20. November 2008, als ein "Predator" mit einer "Hellfire"-Rakete an Bord auf das Flugfeld in Kandahar stürzte. Und am 27. Dezember 2008 erhielt die Task Force Currahee einen Bericht von Drohnenlenkern, demzufolge das Fluggerät "Shadow" Nummer 2086 Maschinenprobleme hatte - die Temperatur stieg massiv an. Während die Drohne auf die Militärbasis Ghazni zuflog, konnte sie die Höhe nicht mehr halten. Sie musste notlanden, dreieinhalb Kilometer von der Basis entfernt.

"Fußpatrouille, um den Vogel zu retten"

Pannenflüge, die Sorge um das wertvolle Fluggerät, die Gefahren beim Bergungsversuch - all dies sind die dunklen Seiten des Drohnenkampfes, den US-Militärs sonst nur in höchsten Tönen preisen.

Der ehemalige Oberbefehlshaber Stanley McChrystal hat die Drohnen "außerordentlich effektiv" genannt. CIA-Direktor Leon Panetta sagte gar, sie seien das wichtigste Mittel im Kampf gegen al-Qaida. Präsident Barack Obama hat ihren Einsatz massiv ausgebaut.

Die US-Geheimdienste haben für den Krieg per Fernsteuerung fast freie Hand erhalten - der Präsident muss nicht mehr jeden Angriff abnicken. Die Grundlage bildet ein Erlass, den schon George W. Bush unterzeichnet hat und der die rasche Tötung vermeintlicher Terroristen erlaubt.

Ein geheimer Lagebericht aus dem Regionalkommando Ost belegt, wie problematisch sich manche Drohnen-Missionen entwickeln: "17. Oktober 2009: Um etwa 1300 erhielt die afghanische Nationalarmee Informationen, dass ungefähr 20 Aufständische sich von ihrer Position in einem ausgetrockneten Flussbett nach Süden bewegten. Um etwa 14.00 Uhr wurde (die Aufklärungsdrohne) 'Raven' gestartet und flog direkt bis zu unserem Stützpunkt. Wir sahen keinen Feind im Flussbett." Doch dann gibt es offenbar Schwierigkeiten beim Flug des Spähers: "Während der 'Raven' ungefähr 300 Meter vom Stützpunkt entfernt umkehren wollte, verlor er plötzlich an Höhe und stürzte ab."

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Danach wurde es hektisch: "Wir versuchten unverzüglich, eine Fußpatrouille zu organisieren, um den Vogel zu retten. An der Patrouille sollen 6 US-Soldaten und 40 afghanische Soldaten teilnehmen. Wir verlangten Luftunterstützung, um den Absturzort und den 'Raven' kontrollieren zu können. Während wir das vorbereiteten, bekamen die afghanischen Soldaten kalte Füße und beschlossen, die Patrouille nicht mitzumachen." Die Bergung misslang dem Protokoll zufolge. "Wir versuchten eine Patrouille zu Fuß und im Fahrzeug zusammenzustellen, die den 'Raven' bergen könnte. Es waren Informationen eingelaufen, dass die Drohne von Aufständischen abgeschossen worden war, dass ein Anschlag in der Nähe geplant und der Vogel schon durch das Flussbett zum Haus eines Taliban-Kommandeurs geschleppt wurde." Zwar machte sich die Patrouille zur Rettung des teuren Fluggeräts noch auf den Weg, musste aber schon bald abbrechen, weil es mehrere Berichte über geplante Anschläge auf sie gab.

Absturz führt fast immer zu gefährlichen Bergungsaktionen

Nicht nur der Verlust der wertvollen Hardware macht US-Militärs Sorgen. Gerade die kleineren Aufklärungsdrohnen sind vollgepackt mit hochkomplexer Computerelektronik. Sie sind eine Art fliegende Datenbank, die dem Feind nicht in die Hände fallen soll. Mehrere Typen, auch der "Predator", verfügen über eine sogenannte Zero-out-Funktion, mit der sich alle Daten per Fernsteuerung löschen lassen. Doch das Sicherungssystem versagt, wenn die Verbindung zwischen Kommandozentrum und Drohne unterbrochen ist. Um dem Feind keine wertvollen Informationen zu überlassen, mündet deshalb beinahe jeder Drohnenabsturz in eine aufwendige Bergungsaktion.

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Zum Beispiel am 11. März 2009. In den Afghanistan-Protokollen berichteten US-Soldaten: "Eine schnelle Einsatzgruppe versuchte, den (notgelandeten) 'Raven' zu finden, aber ohne Erfolg. Sie haben bis zum Sonnenuntergang gesucht. Sie werden den 'Raven' weitersuchen, sobald der Morgen graut." Dagegen am 4. September 2009: "'Predator'-Drohne stürzt wegen eines vermuteten mechanischen Defekts ab. Überblick hergestellt. Sondereinheiten führen den Versuch an, die sensiblen Materialien zu sichern. Eine 'Hellfire'-Rakete befand sich an der Drohne. Um 0.50 Uhr sind alle sensiblen Gegenstände geborgen."

Nicht immer gelingen die Bergungsversuche so gut. Als am 22. August 2008 eine kanadische Drohne drei Kilometer entfernt vom Militärstützpunkt Masum Ghar abstürzte, versuchten die Soldaten, einen Bergungstrupp zusammenzustellen. Doch der brauchte gar nicht erst auszurücken. Innerhalb von 22 Minuten war die Absturzstelle komplett abgeräumt, alle Überreste waren von Einheimischen beiseite geschafft.

Selbst wenn die Drohnen keine Pannen haben, können sie Verwirrung auslösen. Sie liefern schon jetzt Hunderte Stunden Video jeden Tag aus Afghanistan - doch die Militärs verfügen gar nicht über die Software, um die Bilder sinnvoll zu sichten. Schon im kommenden Jahr sollen die Drohnen mit 30 Kameras gleichzeitig filmen können. David Deptula, für diese Fragen bei der US-Luftwaffe zuständig, sagt: "Wir könnten schon bald in Daten ertrinken."

Außerdem fliegt die Angst vor Hackern immer mit. Im Dezember 2008 entdeckten US-Militärs Kopien von "Predator"-Videos auf dem Laptop eines schiitischen Militanten im Irak. Er hatte sich in Live-Aufnahmen aus der Drohne eingehackt. Der Preis der Software, die er dafür benötigte: 26 Dollar.


Die zentralen Erkenntnisse aus den Afghanistan-Dokumenten - der Überblick:

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
skylark2001 29.07.2010
1. uh oh ...
Zitat von sysopDas US-Militär feiert Drohnen als neue Wunderwaffe. Doch die geheimen Afghanistan-Dokumente von WikiLeaks entlarven die teuren Hightech-Himmelskrieger als störanfällig -*immer wieder stürzen sie ab und müssen dann aufwendig geborgen werden, unter tödlichen Gefahren für die Soldaten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,708786,00.html
uh oh ... Bedenkenträger am Werk! Damals, um die Jahrhundertwende, flogen Flugzeuge auch nur wenige hundert Meter und wenige Jahrzehnte davor riet man von der Nutzung der Eisenbahn ab. Die hohe Geschwindigkeit könne Herzinfarkte bei den Mitfahrern auslösen. Nicht zu denken an den Bedarf an Computern. Es gäbe einen Bedarf an höchstens fünf Stück, ginge es nach Thomas Watson. Mein Fazit: Ja, so isses nun mal, mit neuer Technik. Sie funktioniert nicht immer richtig, wenn sie überhastet eingeführt wird.
ralphofffm 29.07.2010
2. Riesenerfolg
vor allem für die Rüstungsindustrie. WIe immer im Krieg. DIe Soldaten die die Knochen hinhalten müssen, sind doch meistens aus der Unterschicht. Kanonenfutter.
pseudo 29.07.2010
3. immer diese bösen Taliban....
Also was mich immer aufregt, wenn die Taliban mit ihren "einfachen" Mitteln irgendwelche ausländischen Soldaten angreifen, dann wird immer von einem Terrorakt gesprochen...weil hinterhältig ohne Vorwarnung etc. aber wenn die ausländ. Soldaten, insbesondere die US-Soldaten, mit ihren Hightech-Waffen die Taliban angreifen, dann heißt es immer...militärischer Einsatz....dabei sind die mind. genauso heimtückisch wie die Taliban, wenn es um das töten der "Feinde" angeht...Drohnenangriff (kaum eine Chance für die Taliban), per Nachtsichtgeräte (kaum eine Chance für die Taliban), Lasergesteuerte Bomben etc. etc. also von Chancengleichheit kann keine Rede sein und jeder in einem Krieg benutzt die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, um den Feind zu eleminieren! ob es nun eine lasergesteuerte Bombe bzw. Drohnenangriff ist oder auf der anderen Seite eine Miene am Straßenrand, bei keinem lassen sich Unschuldige tot vermeiden...
mathey, 29.07.2010
4. Soldaten in Lebensgefahr
Die armen US-Soldaten! Da versuchen sie seit Jahren, via Flugbombenterror, Drohneneinsatz und Vorschicken von Sklaven aus Entwicklungsländern zu verhindern, dass sie während der von ihnen angezettelten Kriege selber was abbekommen könnten - und dann das! Die wertvolle Mord-Technik muss doch tatsächlich hin und wieder eigenhändig geborgen werden - welch grauenvolle Vorstellung, dass dabei ein GI zu Schaden käme!
shokaku 29.07.2010
5.
Zitat von pseudoAlso was mich immer aufregt, wenn die Taliban mit ihren "einfachen" Mitteln irgendwelche ausländischen Soldaten angreifen, dann wird immer von einem Terrorakt gesprochen...weil hinterhältig ohne Vorwarnung etc. aber wenn die ausländ. Soldaten, insbesondere die US-Soldaten, mit ihren Hightech-Waffen die Taliban angreifen, dann heißt es immer...militärischer Einsatz....dabei sind die mind. genauso heimtückisch wie die Taliban, wenn es um das töten der "Feinde" angeht...Drohnenangriff (kaum eine Chance für die Taliban), per Nachtsichtgeräte (kaum eine Chance für die Taliban), Lasergesteuerte Bomben etc. etc. also von Chancengleichheit kann keine Rede sein und jeder in einem Krieg benutzt die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, um den Feind zu eleminieren! ob es nun eine lasergesteuerte Bombe bzw. Drohnenangriff ist oder auf der anderen Seite eine Miene am Straßenrand, bei keinem lassen sich Unschuldige tot vermeiden...
Was? Krieg besteht nicht nur aus Brunnen bohren und Mädchenschulen errichten?
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