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US-Plutoniumlager Hanford: Die Blindheit der Lämmer

Foto: Jeff T. Green/ Getty Images

US-Strahlenruine Hanford Amerikas atomare Zeitbombe

Um AKW-Sicherheit sorgen sich nach den Explosionen in Fukushima alle. Im US-Nordwesten lauert aber noch eine andere Gefahr. Die Ex-Plutoniumfabrik Hanford ist ein Relikt des Kalten Kriegs und die schwerstverstrahlte Gegend der westlichen Hemisphäre. Geplantes Ende der Sanierung: 2052.

Die Lämmer kamen ohne Augen oder ohne Mäuler zur Welt. Bei einigen waren die Beine grotesk zusammengewachsen, andere hatten gar keine Beine. Viele waren Totgeburten. Allein in einer Nacht starben 31 Jungtiere.

Zur gleichen Zeit fand sich auf einer Weide eine tote, steife Kuh, die Beine in den Wind gestreckt. Ganz in der Nähe zogen die Yakama-Indianer Lachse mit drei Augen aus dem tiefblauen Fluss. Forellen waren übersät mit Krebsgeschwüren.

Und dann wurden die Babys krank.

Es war im Frühjahr 1962, als der Farmer Nels Allison die mysteriösen Vorgänge erstmals bemerkte. "Zum Teufel, was geht hier vor?", fragte er seine Frau. Lämmer waren immer "die ersten, die umfielen", wenn etwas nicht stimmte auf Allisons Farm bei Basin City, einem Präriekaff am Columbia River im äußersten US-Nordwesten. Er taufte jene Todesnacht "die Nacht der kleinen Dämonen".

Die Allisons sind längst tot, das Entsetzen dauert an. Dokumentiert im Enthüllungsbuch "Atomic Harvest" ("Atomare Ernte") von 1993, ist ihre Geschichte eine von Abertausenden Horrorstorys, die sich im Umkreis der US-Plutoniumfabrik Hanford abspielten - und die Leute dort bis heute zutiefst verunsichern.

Hanford ist Amerikas atomare Ursünde. Denn das 1518 Quadratkilometer große, abgelegene Mammutgelände vier Autostunden südöstlich von Seattle, auf dem die USA einst fast ihr gesamtes Atommaterial für den Kalten Krieg produzierten, ist zwar seit 1988 stillgelegt. Doch es bleibt der radioaktiv am schwersten verstrahlte Ort in der westlichen Hemisphäre.

Kürzlich revidierte das Energieministerium das Zieldatum der Dekontaminierung Hanfords, der größten Umweltsanierung in der Geschichte der USA, erneut nach hinten. Auf September 2052 - mehr als 108 Jahre nach Inkraftnahme der Anlage.

Plutonium für die Nagasaki-Bombe

Die Katastrophe von Japan hat das Augenmerk nun auch wieder auf Hanford gelenkt, das letzte Relikt des Kalten Kriegs - zumal sich am Rande der verstrahlten Region ein aktives Atomkraftwerk befindet, das einzige im bebengefährdeten Nordwesten der USA. Erdstöße seien "ein riesiges Risiko" für Hanford, sagt Gerry Pollet, der Exekutivdirektor der Aktivistengruppe Heart of America Northwest.

Über die aktuellen Sorgen können die Anwohner rund um Hanford nur seufzen. Schon ihre Großeltern kämpften mit den Folgen dauerhafter Verseuchung und Verstrahlung: Fehlgeburten, Missbildungen, seltsame Kinderkrankheiten. Die Farmersfrau Juanita Andrewjewski legte in den sechziger Jahren eine "Landkarte des Todes" an: Kreuze für Herzinfarkte, Kringel für Krebs. Bald war das Blatt übersät mit Kreuzen und Kringeln.

Hanford, sagte der damalige US-Innenminister Stewart Udall, war das menschlich "tragischste Kapitel in der Geschichte des Kalten Kriegs".

Ab 1943 entstanden in Hanford in einem gigantomanischen Bauprojekt neun Atomreaktoren, die heute wie versteinerte Dinosaurier in der Prärie versanden. Einer, der B Reactor, war der erste seiner Art auf der Welt. Hier wurde unter strengster Geheimhaltung das Plutonium für das Manhattan-Projekt geschaffen. Darunter auch für die erste Atombombenexplosion der Geschichte am 16. Juli 1945 in New Mexico - sowie für "Fat Man", die Bombe, die am 9. August 1945 über Nagasaki detonierte.

In den darauffolgenden Jahrzehnten produzierte Hanford Plutonium für die Nuklearstreitkräfte der USA. Von Hanford, so hieß es, hänge die Freiheit der westlichen Welt ab - und die war wichtiger als die Gesundheit der Menschen.

Strahlung im Vieh und in der Milch

Die Hanford-Mitarbeiter bekamen zum Dank für ihren Einsatz einst Anstecknadeln mit einem stilisierten Atompilz. Der Atompilz wurde auch zum Maskottchen des Footballteams der Nachbarstadt Richland - die "Bombers".

Es war eine zynische Geste. Die Farmer und Anwohner in den umliegenden Orten Richland, Pasco und Kennewick zählen bis heute zu den am stärksten verstrahlten Menschen der Erde.

Die Bilanz ist verheerend. 52 Gebäude sind kontaminiert, 622 Quadratkilometer ganz unbewohnbar. In Hanford lagern 204.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll - zwei Drittel des gesamten US-Atomabfalls. 216 Millionen Liter radioaktive Schlacke sickert aus lecken Tanks ins Grundwasser, mehr als 100.000 ausgebrannte Brennstäbe liegen in kaputten Wasserbecken, 43.000 Kubikmeter kontaminierter Sand und 720.000 Liter Salpetersäure verseuchen die Erde.

Das Kühlwasser für die Anlagen stammte aus dem Columbia River - und wurde bis 1971 heimlich und fast ungeklärt wieder in den Fluss zurückgepumpt. Erhöhte Strahlung wurde später noch 500 Kilometer westlich gemessen, wo der Columbia in den Pazifik fließt. Den vergifteten Fisch aßen vor allem die Indianerstämme.

Auch stießen die Werke regelmäßig radioaktive Wolken aus, die der Wind bis in die Nachbarstaaten Oregon, Idaho, Montana und Kanada wehte. Die vom Fallout Betroffenen, "Downwinder" genannt ("die in der Windrichtung"), wurden besonders in der Anfangsphase von 1945 bis 1951 mit Jod 131 verseucht, das in die Nahrungskette gelangte - das Vieh, die Milch, die Eier.

Zwei Milliarden Dollar Kosten im Jahr

Abertausende Arbeiter, Anwohner und Farmer wurden sogar teils absichtlich verstrahlt - zu Testzwecken. Am 3. Dezember 1949 jagten Hanford-Physiker eine hochradioaktive Wolke durch den Schornstein des T-Werks, des damals weltgrößten Plutoniumwerks. Die Strahlung übertraf die des späteren Reaktorunfalls von Harrisburg fast ums Tausendfache. Das Experiment hieß "Green Run", Fallout wanderte bis nach Kalifornien.

Die Menschen wunderten sich, warum sie auf einmal erkrankten. Feldstudien ergaben, dass manche Babys in Hanford doppelt so stark verstrahlt waren wie die Tschernobyl-Kinder. Farmersohn Tom Bailie, der im Dezember 1949 zwei Jahre alt war und gerne in den Feldern spielte, erlitt nach dem "Green Run" eine Lähmung, später war er zeugungsunfähig. Seine gesamte Familie starb an Krebs.

Doch erst 1986 fand Bailie mit Hilfe einer hartnäckigen Reporterin der Lokalzeitung "Spokesman-Review" allmählich heraus, was wirklich dahinter steckte. Es war der Beginn eines jahrzehntelangen Kampfs der Strahlenopfer gegen die US-Regierung, die sie vor Gericht zwangen, Rechenschaft abzulegen und die Hanford-Geheimprotokolle zu öffnen. Die Sammelprozesse ziehen sie bis heute hin.

1988 wurde Hanford stillgelegt. Eine massive Dekontaminierung begann und dauert bis heute. Washington sprach von der "größten Entsorgungsaktion der Menschengeschichte", als sei man stolz darauf.

Mehr als zwei Milliarden Dollar pro Jahr kostet das immer noch. Fürs Haushaltsjahr 2013 sind 2,9 Milliarden Dollar veranschlagt. Immer wieder gibt es Schlampereien, Rückschläge, Unfälle. 2008, nach zwei Jahrzehnten Arbeit, war man gerade mal halb fertig. Erst vier der neun Reaktoren sind bisher "eingesargt". Die Außenzone soll nun spätestens 2020 dekontaminiert sein, die Tanks Ende 2047.

Und dann ist da noch der aktive Reaktor. Seit 1984 am Netz, gilt er als einer der weniger sicheren US-Atomreaktoren. Nach der Japan-Katastrophe versicherte der Betreiber, das Konsortium Energy Northwest, die Anlage habe mehrere Backup-Systeme und könnte einem Erdbeben der Stärke 6.9 widerstehen.

Im vorigen Jahr wurden im Gebiet um Hanford insgesamt 210 Erdbeben gemessen. Das schwerste hatte gerade mal die Stärke 3.0. Umweltschützer beruhigt das kaum: "In Hanford droht weiter ein radiologisches Desaster", sagt Glen Spain, der Chef der Fischereivereinigung PCFFA. "Hanford ist eine tickende Zeitbombe."