CO₂-freier Strom Nuklearfirma von Bill Gates plant Reaktor in Wyoming

Seit Jahren investiert Bill Gates in ein Atomstrom-Start-up. Nun soll der natriumgekühlte Reaktor auf dem Gelände eines ausgedienten Kohlekraftwerks entstehen.
Grafische Darstellung eines Reaktors von Terrapower

Grafische Darstellung eines Reaktors von Terrapower

Foto: Natrium

Auf politischer Ebene ist die Atomkraft in Deutschland seit der Energiewende kein Thema mehr. In Deutschland gehen die letzten Kraftwerke Ende 2022 vom Netz. In Großbritannien oder den USA und auch manch anderen Ländern sieht das anders aus. Dort sollen neuartige Reaktoren bei der emissionsarmen Energieerzeugung helfen und Energiequellen wie Wind und Sonne ergänzen. US-Präsident Joe Biden erhofft sich umweltfreundlichen Strom von sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Solche verhältnismäßig kleinen Reaktoren sollen schnell und kostengünstig entstehen, weltweit wird an etlichen Projekten dazu geforscht.

Auch das US-Startup Terrapower, bei dem Microsoft-Gründer Bill Gates einer der Hauptinvestoren ist, arbeitet an solchen SMRs. Wie nun bekannt wurde, wird ein Reaktor der Firma im US-Bundesstaat Wyoming gebaut – auf dem Gelände eines Kohlekraftwerks, das demnächst stillgelegt werden soll. Der genaue Standort wird aber erst Ende des Jahres bekannt gegeben.

Geplant sei ein Flüssigsalzreaktor, der mit Natrium gekühlt wird und 345 Megawatt Leistung erbringen kann, im Spitzenbereich aber auf 500 Megawatt laufen könnte. Für das Projekt in Wyoming will Terrapower mit dem Energieversorger PacifiCorp zusammenarbeiten, das Unternehmen ist Teil von Warren Buffets Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway. Laut Terrapower-Chef Chris Levesque werde der Bau der Demonstrationsanlage etwa sieben Jahre dauern. Im vergangenen Jahr bezifferte sein Unternehmen die Kosten für ein solches Projekt auf rund eine Milliarde Dollar.

»Dies ist unser schnellster und klarster Weg, kohlenstoffnegativ zu werden«, sagte Wyomings Gouverneur Mark Gordon. Die Kernenergie sei in Wyoming, dem Staat mit der höchsten Kohleproduktion des Landes, Teil der Energie-Gesamtstrategie. Neben klimafreundlicher Energie erhofft er sich aber möglicherweise noch andere Effekte. So könnte der Uranbergbau in Wyoming wiederbelebt werden.

Terrapower wurde vor 15 Jahren gegründet und hat seinen Sitz im Bundesstaat Washington. Das Ziel der Firma ist die Entwicklung von sogenannten Laufwellen- und Flüssigsalzreaktoren, beide arbeiten nach einem ähnlichen Konzept wie die bekannten Schnellen Brüter, von denen derzeit noch wenige in Betrieb sind. Weil die bei der Spaltreaktion entstehenden Neutronen nicht abgebremst werden, sollen diese neu entwickelten energie- und hitzereicheren Reaktoren mit dem Uran aus ausgedienten Brennstäben oder sogar von Atombomben betrieben werden können. Theoretisch würden sie dabei helfen, den Atommüllberg zu reduzieren.

Druckwasserreaktoren im Schwimmbad

Ausgereift sind die Mini-Reaktoren aber bisher nicht, unter anderem wird daran gearbeitet, den Kühlkreislauf für die bis zu 1000 Grad heißen Geräte zu verbessern (mehr dazu lesen Sie hier ). Bereits im vergangenen Jahr erhielt das von Gates geförderte Unternehmen vom US-Energieministerium eine Finanzierung in Höhe von 80 Millionen Dollar für die Demonstration der Natrium-Technologie.

Neben Terrapower arbeiten noch weitere Unternehmen an SMRs, die laut Definition der Internationalen Atomenergieorganisation eine Leistung von maximal 300 Megawatt liefern, während konventionelle Großanlagen Werte weit über 1000 Megawatt erreichen. Das russische AKW-Schiff »Akademik Lomonossow« gilt als eines der ersten SMRs. Der Prototyp versorgt schwer zugängliche Regionen mit Strom und Wärme.

In den USA will das Unternehmen Nuscale mehrere kleinere Druckwasserreaktoren mit jeweils rund 60 Megawatt Leistung zur Kühlung in ein Wasserbecken bauen. Das soll auch die Sicherheit der Reaktoren erhöhen, denn das Wasser soll auch dann noch ausreichend kühlen, wenn die Notsysteme der einzelnen Reaktoren versagen. Wesentlich größere Anlagen sind von Rolls Royce geplant. Sie könnten mit mehr als 400 Megawatt bereits größere Städte versorgen und irgendwann verhältnismäßig schnell und flexibel in Modulbauweise errichtet werden. Denn zu den größten Problemen von konventionellen Anlagen gehören neben ihrem mancherorts schlechten Image sowie Sicherheitsbedenken Investitionskosten in Milliardenhöhe und lange Bauzeiten.

Weltweit sind derzeit etliche konventionelle Atomkraftwerke  im Bau. Auf der Suche nach günstigem und CO2-freiem Strom wird es kaum ohne Atomkraft gehen, sagen die Befürworter der Technik. Und hier verweisen manche Experten auf das Potenzial von SMRs. Ob solche Anlagen am Ende sicherer und kostengünstiger sind und als klimafreundliche Energie bereitstehen, wie es Firmen wie Terrapower versprechen, ist noch völlig offen.

Manche Experten halten gerade das Kostenargument für zu schwach, da sich bereits häufiger gezeigt habe, dass die Entwicklung neuer Technik viel mehr Geld gekostet habe als geplant. Und auch bei der Sicherheitsfrage bestehen berechtigte Zweifel. Denn dadurch, dass die einzelnen Anlagen weniger Leistung bringen, braucht es eine Vielzahl solcher SMRs – das wiederum erhöht auch das Risiko für potenzielle Probleme.

Selbst die Frage nach einem Endlager ist nicht beantwortet. Denn Müll wird auch bei einigen Modellen kleinerer Anlagen anfallen. Dieser muss irgendwo für sehr lange Zeit gelagert werden. In diesem Punkt geht es den USA auch nicht besser als Deutschland, wo beispielsweise seit Jahren um die Endlagerstätte Yucca Montain im US-Bundesstaat Nevada diskutiert wird. Erst vor wenigen Tagen hat die Biden-Regierung angekündigt, in der Sache in den kommenden Monaten endlich neue Vorschläge vorlegen zu wollen.

Die Gates-Stiftung finanziert weltweit auch journalistische Arbeiten. Beim SPIEGEL unterstützt sie das Projekt »Globale Gesellschaft«, das über soziale Ungerechtigkeit vor dem Hintergrund der Globalisierung berichtet. Die redaktionellen Inhalte entstehen ohne jeden Einfluss der Stiftung.

joe