AKW Three Mile Island US-Katastrophen-Meiler schließt für immer

Eine Pumpe defekt, ein Ventil geöffnet: 1979 kam es im AKW Three Mile Island zur Kernschmelze. Schluss für den Atommeiler ist nun, weil er im Energiemarkt des 21. Jahrhunderts keinen Platz mehr hat.

Matt Rourke/ AP

Als die Aufforderung zur Evakuierung kommt, sitzen die Familien in Harrisburg gerade beim Mittagessen und freuen sich auf das bevorstehende Wochenende. Es ist Freitag, der 30. März 1979. Schon zwei Tage zuvor war es in dem nahe liegenden Atomkraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania zu einem Zwischenfall gekommen. Die Bevölkerung erfuhr erst davon, als eine radioaktive Wolke über der Stadt schwebte.

Das bis dahin Undenkbare war geschehen: Eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk - sieben Jahre vor Tschernobyl. Die Bilder gingen um die Welt und lösten international Proteste aus, auch in Deutschland. Die Atomkraft war entzaubert.

Gut 40 Jahre nach dem bislang schwersten nuklearen Störfall in den USA soll Three Mile Island nun endgültig vom Netz gehen, wie der Betreiber Exelon bestätigte. Bis Ende September wird die Anlage komplett stillgelegt.

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Three Mile Island: GAU

Die Reaktoren liegen auf einer Insel im Fluss Susquehanna, zehn Kilometer südöstlich von Harrisburg. Über das Ende des Kraftwerks war seit Langem spekuliert worden. Eigentlich sollte Three Mile Island noch bis zum Jahr 2034 laufen. Die Anlage bringt aber wegen der sinkenden Ölpreise und dem Fracking-Boom seit Jahren kein Geld mehr ein. Andere Atomkraftwerke in den USA stehen vor demselben Problem, was die gesamte Zukunftsfähigkeit der Branche in Frage stellt. Planungen für neue AKW wurden bereits abgebrochen.

Der Betreiber hatte gehofft, das AKW mit staatlicher Hilfe halten zu können. Doch ein Rettungsplan des US-Bundesstaats Pennsylvania kam nicht zustande. Exelon sagte allen 675 Mitarbeitern neue Arbeitsplätze zu.

Auslöser für die Kernschmelze 1979 waren eine ausgefallene Pumpe im Kühlkreislauf sowie ein geöffnetes Ventil. Pro Minute entwich dadurch unbemerkt rund eine Tonne Kühlwasser, das System überhitzte.

"Größter Anzunehmender Unfall"

Über den Abluftschacht drang radioaktiver Wasserdampf nach außen, die Brennstäbe begannen zu schmelzen. Nur durch Zufall entdeckte ein Mitarbeiter das geöffnete Ventil und konnte dadurch den Gau - den "Größten Anzunehmenden Unfall" - gerade noch verhindern.

Doch bei der Kernschmelze war Wasserstoff entstanden, der sich mit dem umgebenden Sauerstoff zu einem hochexplosiven Gas vermischte. Die radioaktiven Gase mussten deshalb nach außen geleitet werden. Die Räumungsarbeiten dauerten bis in die Neunzigerjahre, nur der nicht betroffene Reaktor wurde wieder in Betrieb genommen.

Wie hoch die Strahlenbelastung war, ist bis heute unklar. Unmittelbar getötet wurde durch den Zwischenfall niemand. Studien weisen jedoch darauf hin, dass die Krebsrate in der Region bis heute erhöht ist.

koe



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