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Frankreich und die Atomenergie: Streit um Nukleartransporte

Foto: OLIVIER LABAN-MATTEI/ AFP

Verschickung von Nuklearmaterial Pariser Regierung untersucht Atom-Transporte nach Sibirien

Das Material lagert unter freiem Himmel: Jährlich schickt Frankreich mehr als hundert Tonnen abgereichertes Uran nach Sibirien. Umweltschützer vermuten die illegaler Entsorgung von Atommüll, der Energieversorger EDF dementiert. Nun hat die französische Regierung eine Untersuchung angeordnet.

Paris - Die Staatssekretärin drückte sich diplomatisch, aber klar aus. Es sei nötig, die Stromerzeugung in den französischen Atomkraftwerken aufrecht zu erhalten - schon allein um gegen die Emission zusätzlicher Treibhausgase vorzugehen. Allerdings dürfe es "nicht die kleinste Möglichkeit eines Verdachts" geben, dass ein Problem bestehe. "Wir brauchen eine Untersuchung", sagte die französische Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno dem Radiosender "France Info".

Gleichzeitig brachte ihr Büro eine Erklärung in Umlauf, in der sie ebenfalls fordert, Vorwürfe einer illegalen Lagerung von französischem Atommüll in Sibirien prüfen zu lassen. Es gehe um eine "interne Untersuchung" beim staatlichen Atomkraftbetreiber EDF. Gleichzeitig stelle Jouanno aber klar, dass sie "keine übereilte Entscheidung" treffen und erst alle Informationen sammeln wolle.

Worum geht es? Journalisten der Zeitung "Libération" und des Fernsehsenders "Arte" hatten EDF vorgeworfen, seit Mitte der neunziger Jahre jährlich rund 108 Tonnen nukleares Material nach Sibirien verschickt zu haben. Dort werde das abgereicherte Uran im Atomzentrum Sewersk, früher Tomsk-7, unter freiem Himmel gelagert.

Abfall oder Wertstoff?

EDF dementiert die Transporte nicht - legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um Atommüll handele. Es gehe vielmehr um wiederverwertbares Uran, das in Russland erneut angereichert werden soll. "Es wird kein Atommüll von EDF nach Russland transportiert", hatte eine Firmensprecherin erklärt. Im Übrigen gehöre das Material nicht mehr EDF, sondern dem russischen Unternehmen Tenex. Der Transport des kaum mehr angereicherten Urans sei internationaler Standard und werde auch von deutschen, niederländischen oder US-Unternehmen vorgenommen.

Experten und Umweltschützer bezeichnen das Material jedoch als nicht wiederverwertbar. Es sei wie eine bereits zweimal ausgepresste Orange, die kaum mehr Saft liefern könne. EDF erklärte dagegen, dass 20 Prozent der französischen Atomenergie aus wiederaufbereiteten Nuklearabfällen hergestellt werde. Welchen Anteil dabei jene Abfälle haben, die nach Sibirien verschickt und nicht von Areva in Frankreich aufbereitet werden, ist nicht klar.

In Atomkraftwerken der kommenden Generation - die französischen Behörden gehen von einem Bau um das Jahr 2040 aus - soll das abgereicherte Uran als Brennstoff eingesetzt werden. Derzeit kann es jedoch nicht verwertet werden. Die Anti-Atombewegung fordert deswegen, abgereichertes Uran nicht mehr als Wertstoff, sondern als Atommüll einzustufen. Dann dürfte es allerdings nach der Baseler Konvention über den Export gefährlicher Abfälle nicht mehr nach Russland exportiert werden.

Frankreich hat wie Deutschland bislang kein Endlager für seinen Atommüll. Von den 1.150 Tonnen gebrauchten Brennstoffes, die jährlich anfallen, werden 850 Tonnen im nordfranzösischen La Hague aufbereitet. Der Rest wird in Kühlbecken zwischengelagert.

Die Anti-Atomkraftbewegung Sortir du Nucléaire warf Staatssekretärin Jouanno vor, mit der Ankündigung einer möglichen Untersuchung nur Zeit schinden zu wollen, "bis die Affäre aus den Nachrichten verschwindet". Die Organisation forderte die Regierung auf, die von EDF in Russland zurückgelassenen radioaktiven Abfälle nach Frankreich zurückzuholen.

chs/AFP/AP
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