"Viking Sky" Kreuzfahrtschiff wird nach Beinahe-Unglück untersucht

Die "Viking Sky" war fast neu und nach modernen Standards ausgestattet - wie konnte es vor Norwegens Küste trotzdem fast zur Katastrophe kommen? Ermittler nehmen nun die Bordtechnik in den Blick.

Die "Viking Sky" im Hafen von Molde
Svein Ove Ekornesvag / EPA-EFE / REX

Die "Viking Sky" im Hafen von Molde

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Um ein Haar wäre es vor Norwegen zu einem verheerenden Schiffsunglück gekommen: Nach einem Maschinenausfall trieb das Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" in stürmischer See und drohte, auf Grund zu laufen. Inzwischen liegt das fast 230 Meter lange Schiff im norwegischen Hafen Molde. Verschiedene Untersuchungsteams nehmen gerade die Arbeit auf: die staatliche norwegische Havariekommission, die Polizei, Gutachter der zuständigen Klassifikationsgesellschaft Lloyds und andere gehen an Bord.

Es geht um die Frage, was - oder vielleicht auch wer - Schuld an der Beinahe-Katastrophe des Kreuzfahrtschiffes vor Norwegens zentraler Westküste war. Zwischenzeitlich soll sich das Schiff, das am Samstagnachmittag im Seegebiet Hustadvika in Not geraten war, nur noch 100 Meter von gefährlichen Unterwasserriffen befunden haben. Das ist nicht einmal eine halbe Schiffslänge.

Mit bis zu fünf Hubschraubern waren in einer dramatischen Hilfsaktion 479 Passagiere von Bord geholt worden, rund 20 von ihnen wurden anschließend im Krankenhaus behandelt. Schließlich gelang es der Besatzung, drei der vier Motoren wieder anzuwerfen. Die "Viking Sky" konnte den rettenden Hafen schließlich aus eigener Kraft erreichen, mit 436 Gästen und 458 Besatzungsmitgliedern an Bord.

Video: Gerettet von der "Viking Sky"

REUTERS

Trotzdem stellt sich die Frage, wie es zu den Problemen kommen konnte. Die beim Unternehmen Fincantieri in Italien gebaute "Viking Sky" war brandneu und erst Ende Sommer 2017 getauft worden. Unter den Experten, die sich nun im Inneren des Schiffs umsehen, ist auch ein vierköpfiges Team des deutschen Motorenherstellers MAN, er lieferte den Antrieb des Schiffes.

Die "Viking Sky" verfügte über insgesamt vier Viertakt-Dieselmotoren des Typs "32/44CR": zwei je 5040 kW starke Aggregate mit neun Zylindern, zwei weitere jeweils sogar 6720 kW starke Exemplare mit zwölf Zylindern. Sie waren in zwei getrennten Maschinenräumen untergebracht.

Kleine Kraftwerke an Bord

Der Antrieb des Schiffs läuft dieselelektrisch, das heißt: Die beiden 4,5 Meter großen, sechsflügligen Schiffspropeller, die in einem Steuer und Antriebssystem von Rolls Royce ihren Dienst tun, bekommen ihre Energie nicht direkt von den Motoren. Das ist anders als etwa bei Containerschiffen. Stattdessen treiben sie einen Generator an. Der wiederum erzeugt Strom, der dann für die beiden 7250-kW-Elektromotoren an den Propellern genutzt wird.

Man kann sich das so vorstellen, als hätte der Kreuzfahrer sozusagen seine eigenen kleinen Kraftwerke an Bord. Und genau - beziehungsweise im angeschlossenen Stromnetz - dort könnte es zu den Problemen gekommen sein.

Die MAN-Experten nähmen am Montagnachmittag die Arbeit auf, sagte ein Firmensprecher auf Anfrage des SPIEGEL: "Das Team wird eine technische Analyse durchführen und herausfinden, was passiert ist." Die Hoheit über die weitere Information der Öffentlichkeit liege dann bei Viking Cruises beziehungsweise den norwegischen Behörden.

Mehrere Schwesterschiffe, teils noch im Bau

An Bord der "Viking Sky" sei eigentlich erprobte und solide Technik zum Einsatz gekommen, sagen Experten. Insofern werde die Suche nach der Ursache besonders wichtig sein - damit sich ähnliche Probleme auf anderen Schiffen mit vergleichbarer Ausstattung nicht wiederholen. Die "Viking Sky" hat fünf Schwesterschiffe, sechs weitere werden noch gebaut.

Sie alle sind nach einem Prinzip namens "safe return to port" konstruiert. Es besagt grob gesprochen, dass - gerade bei solch großen Schiffen - die Passagiere am besten an Bord aufgehoben sind - und nicht in einem kleinen Rettungsboot. Die Technik an Bord ist deswegen eigentlich so ausgelegt, dass selbst bei einem technischen Defekt die Reise in einen rettenden Hafen aus eigener Kraft noch möglich sein sollte. Die Ausbreitung von Bränden oder von eingedrungenem Wasser wird verhindert. Technische Systeme sind so ausgelegt, dass die Fahrt zumindest mit noch einem Antrieb langsam fortgesetzt werden kann.

Eigentlich. Denn das hat im aktuellen Fall ja beinahe nicht geklappt. Bei der Suche nach den Ursachen wird es auch um die Frage gehen, warum die eigentlich auf Redundanz ausgelegten Systeme an Bord ihre Aufgabe nicht wie vorgesehen erfüllten. Das Redundanzprinzip ist aus der Luftfahrt bekannt und besagt, dass alle wichtigen Systeme doppelt vorhanden sein müssen, um einen etwaigen Ausfall eines Systems zu verkraften.

Berichte über Stromausfälle auf anderen Viking-Schiffen

Dass es auf Kreuzfahrtschiffen grundsätzlich immer wieder einmal zu Stromausfällen kommt, ist bekannt. Von der "Viking Sea", einem Schwesterschiff des jetzt betroffenen Kreuzfahrers, gibt es gleich zwei solcher Berichte aus dem Jahr 2016. Wenn sich solche Zwischenfälle in unkritischen Meeresgebieten ereignen, nimmt davon aber kaum jemand Notiz.

Die "Viking Sky" war dagegen in ungemütlicher Umgebung unterwegs. Die Gäste an Bord hatten sich im hohen Norden Norwegens nach den faszinierenden Nordlichtern umgesehen. Auf der Rückfahrt von Tromsø nach Stavanger war das Schiff dann in schwere See geraten, mit mindestens acht Meter hohen Wellen.

Video: So sah es an Bord der "Viking Sky" aus

Alexus Sheppard

Die norwegische Boulevardzeitung "VG" berichtet, dass andere Unternehmen wie etwa die norwegische Reederei Hurtigruten mehrere Schiffe deswegen vorsorglich in verschiedenen Häfen gelassen hatte, bis sich das Wetter wieder besserte. Allerdings hatte die "Viking Sky" auch Lotsen an Bord, die sich in der Gegend auskannten.

Versicherer berichtet über sinkende Schiffsverluste

Was genau an Bord der "Viking Sky" passiert ist, darüber lässt sich derzeit erstmal nur spekulieren. Problematisch könnte die hohe Last gewesen sein, unter der die Motoren im Unwetter gefahren werden müssen. Treten dann Probleme im Kühlsystem auf, drohen schnell Abschaltungen zum Schutz der Technik.

Kühlprobleme können zum Beispiel dadurch entstehen, dass die Kühlwassereinlässe verstopft werden - etwa durch im Wasser treibende Pflanzen. Oder aber dadurch, dass in wilder See statt Wasser große Mengen Luft angesaugt werden. Dann kann die Kühlung versagen - und die Motoren stellen den Betrieb ein.

Die Probleme könnten allerdings auch woanders begründet liegen - in den Tanks. Die "Viking Sky" hatte nach norwegischen Medienberichten 343 Tonnen Schweröl und 465 Tonnen Diesel an Bord. Der Inhalt der nicht mehr ganz vollen Treibstofftanks könnte nun in den Wellen so aufgewühlt worden sein, dass irgendwann entweder Luft oder aber Verschmutzungen in den Treibstoffleitungen landeten.

Das sind nur einige der Möglichkeiten, die Experten derzeit diskutieren - auch um Probleme in Zukunft zu verhindern. Der Schifffahrtversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) berichtet am Montag, dass Schiffsverluste weltweit in den letzten zehn Jahren um mehr als ein Drittel zurückgegangen seien. Das sei auf ein verbessertes Schiffsdesign, neue Technologie und Fortschritte im Bereich Risikomanagement und Sicherheit zurückzuführen. Maschinenausfall und -bruch blieben allerdings eine der Hauptursachen für Schäden in der Schiffsversicherung, so das Unternehmen.

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isar56 25.03.2019
1. Die Reisenden
sind gerettet. Warum machen Sie so viel Wind um eine Dreckschleuder irgendeines Lobbyistenvereins. In Mali wurden 134 Menschen gewaltsam getötet. Das war eine Meldung wert. Christchurch beherrscht nun seit acht Tagen die Schlagzeilen. Wo liegt der Grund für dieses seltsame Gebaren ? Es ist lediglich eine Frage. Die Redakteure entscheiden, wovon berichtet wird. Ich habe mir zum Teil in Schweizer und österreichischen Zeitungen zusammengesucht was ich wissen wollte, um informiert zu sein.
seppfrieder 25.03.2019
2. Schade
Zum einen bei Wellengang wird die Leistung reduziert damit die Propellermotoren nicht übertouren, ergo braucht man auch weniger elektrische Leistung und die Motoren werden geringer belastet. Die Kraftstoffversorgung erfolgt über Tagestanks in denen sich, über Separatoren, gereinigter Kraftstoff befindet. Es kann also kein Dreck in den Kraftstoffleitungen zu den Motoren hin sein. Summa sumarum die zwei angeblichen Punkten, weshalb das Schiff Manövrierunfähig war, können wir wieder streichen.
rrv.vogt 25.03.2019
3. Sorry
Nein nicht MAN sondern MTU soll die Motore gebaut haben
duanehanson 25.03.2019
4. @isar56
Das liegt doch auf der Hand: Kunden und Passagiere, die sich eine solche Kreuzfahrt leisten, sind Besserverdienende. Das wiederum ist eine interessante Werbezielgruppe, obschon recht alt. Kreuzfahrten werden das neue Malle, Millionen wollen es so, die Leute interessiert das nun mal. Mich nebenbei bemerkt auch, aber eher aus technischer Sicht denn aus persönlichen Gründen.
sachfahnder 25.03.2019
5. Tja...
... die Boeing 737 MAX war auch ein neues Flugzeug und ist trotzdem zu einem Massengrab geworden! Ob Maritim oder Luftfahrt, die Technik wird durch Elektronik zu einer Gefahrenquelle besonderer Art ...
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