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20. Dezember 2018, 08:37 Uhr

Wärmedämmung

Forscher wollen Styropor-Müllproblem lösen

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Durch alte Wärmedämmplatten werden mehrere 10.000 Tonnen Styropor-Abfall pro Jahr anfallen. Fraunhofer-Forscher haben jetzt ein Verfahren entwickelt, um den Kunststoff zu recyclen

Fast 800 Millionen Quadratmeter, eineinhalb Mal so groß wie der Bodensee: So viel Fläche nehmen die Polystyrol-Dämmplatten ein, die hierzulande an den Fassaden kleben. Seit der Ölkrise Mitte der Siebzigerjahre werden Neubauten mit dem unter dem Namen Styropor bekannten Material gedämmt - früher nur wenige Zentimeter dick, heute oft zwei Handbreit.

Für die Heizkostenrechnung der Bewohner ist das sehr von Vorteil. Wer in einem Gebäude mit gutem Wärmeschutz lebt, benötigt laut Deutscher Energie-Agentur dena im Durchschnitt nur ein Drittel so viel Energie wie Bewohner ungedämmter Häuser.

Ein echtes Ökoprodukt sind die Platten aus Polystyrol allerdings nicht - sie werden aus Erdöl hergestellt. Zudem enthielten sie noch bis vor Kurzem einen Giftstoff: Bis 2015 gaben die Hersteller dem Dämmmaterial die Brom-Verbindung HBCD bei. Sie soll verhindern, dass das Polystyrol zur Brandfackel wird, wenn ein Feuer ausbricht. HBCD steht jedoch im Verdacht, die Fortpflanzung zu beeinträchtigen.

Verbrennen statt Verwerten

Um das HBCD unschädlich zu machen, werden ausrangierte Dämmplatten heute in Müllverbrennungsanlagen verfeuert. Dabei wird die Brom-Verbindung zerstört. Umweltfreundlich ist das aber trotzdem nicht, meint Philipp Sommer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. "Die Verbrennung von EPS-Dämmplatten ist ökologisch gesehen alles andere als sinnvoll. Im Polystyrol steckt sehr viel Rohöl, das mit der Verbrennung unwiederbringlich verloren geht", erklärt er.

Zudem weist Sommer darauf hin, dass sich ein Teil des bei der Verbrennung entstehenden Broms in der Schlacke sammeln könnte. "Da diese oft im Straßenbau eingesetzt wird, ist eine Freisetzung des Broms nicht auszuschließen."

Neues Polystyrol aus alter Dämmung

Es wäre also viel sinnvoller, den Kunststoff zu recyceln. Dafür gibt es sogar bereits eine Technologie: Das Freisinger Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) hat eine Methode entwickelt, mit dem sich aus altem, HBCD-belastetem Material neue, giftfreie Dämmplatten herstellen lassen.

Dazu wird der Dämmmüll zunächst zerkleinert und mithilfe eines Lösungsmittels verflüssigt. Dabei werden Fremdstoffe wie Kleber- und Putzreste separiert, sodass sie mit einem Filter entfernt werden können. Mit einem anderen Lösungsmittel wird das HBCD anschließend vom Kunststoff abgetrennt. Die Lösungsmittel werden aufbereitet und können dann erneut verwendet werden.

"Das verbleibende Polystyrol hat eine so hohe Qualität, dass sich damit neues Dämmmaterial herstellen lässt", sagt Andreas Mäurer, Leiter der Verfahrensentwicklung Polymer-Recycling des Fraunhofer IVV. Das abgeschiedene HBCD wiederum kann als Brom-Quelle für andere Chemikalien genutzt werden.

Laut Mäurer wird für das Abtrennen der Fremd- und Schadstoffe sowie das Recycling rund sieben Mal weniger Energie benötigt als für die Produktion von neuem Polystyrol.

Deutsche Umwelthilfe: Staat soll Recycling zur Pflicht machen

Die Fraunhofer-Forscher haben das Recycling-Verfahren in seinen Grundzügen bereits vor rund 15 Jahren entwickelt. Doch erst jetzt wird es in der Praxis erprobt: Das PolyStyreneLoop-Netzwerk, ein Verbund europäischer Dämmstoff-Hersteller, bereitet derzeit den Bau einer Pilotanlage im niederländischen Terneuzen vor.

Warum so spät? "Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist heute viel weiter verbreitet. Damit wächst der Druck auf die Hersteller, eine Recyclinglösung zu schaffen", sagt Mäurer. Auch aus Imagegründen befasse sich die Branche jetzt stärker mit der Wiederverwertung.

Die Deutsche Umwelthilfe will aber nicht allein auf Freiwilligkeit setzen. "Die Politik sollte die Hersteller perspektivisch dazu verpflichten, ein Rücknahmesystem aufzubauen und die Dämmstoffe auf eigene Kosten zu recyceln", sagt Sommer.

Die Interessenvertretung der Branche, der Industrieverband Hartschaum (IVH), verweist darauf, dass die Hersteller ohnehin vorhätten, die derzeitigen Recycling-Initiativen zu beschleunigen und auszuweiten. Außerdem seien die Polystyrol-Produzenten mit der geplanten Pilotanlage bereits weiter als die Hersteller anderer Wärmeschutz-Materialien. "Eine vergleichbare Lösung wie das PolyStereneLoop-Projekt ist für andere Dämmstoffe nicht in Sicht", sagt IVH-Sprecherin Serena Klein.

Derzeit noch relativ geringe Müllmengen

Noch bleibt etwas Zeit, die nötige Recycling-Infrastruktur zu schaffen. Da Polystyrol sehr langlebig ist, müssen laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik (IBP) und des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW) erst ab Mitte des nächsten Jahrzehnts große Mengen Dämmmüll entsorgt werden. Die Wissenschaftler erwarten, dass 2030 etwa 20.000 bis 30.000 Tonnen und 2050 gar 50.000 Tonnen anfallen werden. Derzeit sind es laut IVH nur rund tausend Tonnen pro Jahr.

Und sollte es bis dahin doch an Recycling-Kapazitäten fehlen, bleibt zumindest für Gebäude, die energetisch saniert werden sollen, immer noch die Möglichkeit, die bestehende Dämmschicht zu verstärken. Dabei wird einfach eine weitere Polystyrol-Platte auf der vorhandenen angebracht. Das löst das Entsorgungsproblem zwar nicht - vertagt es aber zumindest so lange, bis genug Anlagen zur Wiederverwertung des Materials bereitstehen.

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