Erdbeben in Italien Warum in Amatrice die Häuser einstürzten - in Norcia aber nicht

In Italien gelten strenge Bauvorschriften, um Häuser gegen Erdbeben zu sichern. Dennoch sind wieder Tausende Gebäude kollabiert. Dafür gibt es Gründe.

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Die Vorteile erdbebensicheren Bauens zeigen sich in Norcia, einer kleinen Stadt in Mittelitalien. Sie liegt ungefähr so nah am Zentrum des schlimmen Erdbebens vom Mittwoch wie Amatrice. Während aber in Amatrice ein Großteil der Häuser einstürzte, hielten die meisten Gebäude in Norcia stand.

Die Bewohner von Norcia waren aus Leid klug geworden. 1979 hatte ein Beben einen Großteil der Bauten schwer beschädigt; es gab Tausende Verletzte.

Abermals bewahrheitet sich Italiens tragische Erdbebenregel: Einzig Orte, die schon mal von einem Beben verwüstet wurden, passen ihre Architektur der Bedrohung an.

Für Amatrice kommt die Erkenntnis wohl zu spät - der Bürgermeister glaubt, seine Stadt sei nicht zu retten, sie müsse abgerissen werden.

Nach jedem Beben in Italien sind es dieselben Argumente, ist es dieselbe Debatte: Das Land hat strenge Bauvorschriften, entsprechende Spitzentechnologie und die besten Architekten und Ingenieure auf dem Gebiet des erdbebensicheren Bauens - dennoch kommt es alle paar Jahre zur Katastrophe.

Und stets werden Vetternwirtschaft, Verantwortungslosigkeit, Korruption und Fatalismus angeprangert.

Dabei ist das ganze Land von Erdbeben bedroht - Geologen haben Gefahrenkarten erstellt, die roten Hochrisikozonen sind groß. Auch die jetzt getroffenen Orte liegen in solch einem Areal.

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Folgen des Erdbebens: Italien in Gefahr

Dennoch genügt ein Großteil der Gebäude in Italien nicht den Normen, selbst Neubauten nicht - in Amatrice stürzte selbst die nur vier Jahre alte Schule ein, die als Massenquartier eigentlich besonders strengen Baunormen unterliegt.

Der Kirchturm aus dem 13. Jahrhundert hingegen steht noch. Nur seine Uhr läuft nicht weiter, sie zeigt die Uhrzeit des Bebens, 3:36 Uhr.

Patrick Shepherd

Allerdings krachten in Amatrice und den Nachbarorten auch viele der mittelalterlichen Bauten zusammen. Offenbar war versäumt worden, sie zu stabilisieren. Selbst Schulen und Krankenhäuser wurden nicht systematisch renoviert.

Eigentlich sollten zusätzliche Wände eingezogen werden, die mit Metallstreben umgürtelt werden, die wiederum im Boden verankert werden. Zudem müssten schwere Möbel befestigt und in größeren Häusern besonders gesicherte Fluchträume eingerichtet werden.

Ärmere Leute aber können die teuren Sicherungsmaßnahmen oft nicht bezahlen, andere sparen sie sich, obwohl günstigere Steuern winken.

Der Plan, mangelhafte Häuser entsprechend zu kategorisieren und damit kenntlich zu machen, wurde nicht umgesetzt; offenbar aus Furcht vor Wertverlust.

Vorher-Nacher/ Amatrice
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Ein Vorbild könnte Neuseeland sein, dort gilt die Maxime: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht verhindern - aber der Kollaps eines Gebäudes muss mithilfe von Verstrebungen abgewehrt werden.

In den vergangenen 30 Jahren wurden in Italien Dutzende Milliarden Euro in den Wiederaufbau von Erdbeben zerstörter Städte gesteckt; knapp 14 Milliarden waren es allein nach dem Beben von L'Aquila 2009, das sich ganz in der Nähe des aktuellen Bebens ereignete.

Nach den Katastrophen stellen italienische Medien jedes Mal dieselbe Frage: Hätte man das Geld nicht vorher in die Absicherung der Architektur stecken können?

Vorher-Nacher/ Amatrice
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Grundregeln erdbebensichern Bauens lauten: runde Häuser, Schwerpunkt nach unten - und alles miteinander verzahnen. Symmetrische, möglichst leichte Bauten mit kleinen Fenstern, deren Hauptlast nahe dem Boden liegt, geraten weniger schnell aus der Balance.

In den schmucken mittelalterlichen Städten Italiens aber werden traditionell Grundregeln gebrochen. Nach alter Tradition werden schwere Dächer gewählt, mittlerweile Betondächer. Gerät ein Haus aus der Balance, können einstürzende Dächer regelrecht zu Grabplatten werden.

Vorher-Nacher/ Amatrice
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Ingenieure raten, Dächer stets auf separate Stützen zu stellen, die im Boden verankert sind. Als Dachstuhl empfehlen sie ein Rechteck aus Holzbalken, das auf den Oberkanten der Außenwände befestigt wird - die Streben stabilisieren das Haus.

Balkone, Giebel und Kuppeln erhöhen die Gefahr - Experten fordern, sie im Zweifel einfach abzureißen.

Den strengen Regeln zum Trotz wird aber selbst bei großen Neubauten in Italien die wichtigste Regel gebrochen, nämlich Erschütterungen gleichmäßig auf alle Gebäudeteile zu verteilen.

Nach Beben im Ende 2012 in der Emilia-Romagna in Norditalien war der Schrecken groß, als zahlreiche neue Industriegebäude kollabiert waren. Bei manchen wurde gar Beton minderer Qualität verwendet.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

Italien ist mit dem Problem nicht allein. Auch andere Länder Europas sind schlecht vorbereitet auf Starkbeben, sie werden nur nicht so häufig daran erinnert, weil es dort weniger bebt. Selbst in der von Erdbeben bedrohten reichen Schweiz genüge nur jedes 20. Gebäude den Normen sicherer Architektur, stellte eine Regierungsstudie fest.

In Deutschland, wo es entlang des Rheingrabens in seltenen Fällen ebenfalls stark beben kann, würden Städte im äußersten Ernstfall schwer getroffen, haben Forscher der Universität Karlsruhe ermittelt. In Tübingen etwa bräche der Studie zufolge jedes 40. Haus zusammen; nur jedes 20. bliebe unbeschädigt.

Balingen und Albstadt träfe es ähnlich hart. Auch in Köln, Mönchengladbach, Aachen, Freiburg, Karlsruhe und Frankfurt am Main, Reutlingen, Stuttgart, Düren, Kerpen und Lörrach wären den Ermittlungen zufolge schwere Schäden zu beklagen.

Experten wie der Seismologe Roger Bilham von der University of Colorado predigen stets die goldene Regel: Nicht ein Beben tötet, es sind einstürzende Gebäude. Bilham spricht von der "ignorierten Massenvernichtungswaffe Haus".

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Erdbeben in Europa: Wo der Boden gewackelt hat
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