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SPIEGEL

Philip Bethge

Wert der Wildnis Warum unberührte Natur mehr einbringt als Agrarflächen

Liebe Leserin, lieber Leser,

hat Natur einen Wert? Dichter schwärmen vom »stillen Gefühl des Erhabenen« (Goethe) oder von der »ewigen Einheit« der Natur (Schiller). Doch immer mehr Analysen zeigen: Auch monetär ist unberührte Natur oft kostbarer als Land, das vom Menschen genutzt wird.

»Selbst wenn man nur an Dollars und Cents interessiert ist, ist der Erhalt und die Wiederherstellung der Natur heute sehr oft die beste Wahl für den menschlichen Wohlstand«, sagt Andrew Balmford von der University of Cambridge, Co-Autor einer neuen Studie  zum Naturwert.

Die Forscher analysierten 62 Gebiete weltweit. Demnach ist der ökonomische Nutzen von Ökosystemleistungen wie Kohlenstoffspeicherung und Hochwasserschutz häufig größer als jener, der durch Forstwirtschaft oder den Anbau von Getreide, Zucker oder Kakao erzielt wird. Würde beispielsweise Nepals 159 Quadratkilometer großer Shivapuri-Nagarjun-Nationalpark in Agrarland umgewandelt, könnte das Gebiet 60 Prozent weniger Kohlenstoff speichern. Die Wasserqualität würde um 88 Prozent sinken; gegenüber seiner Nutzung als Naturparadies sei ein Defizit von 9,2 Millionen Euro jährlich zu erwarten.

Blattschwanzgecko auf der Insel Nosy Mangabe an der Nordostküste Madagaskars

Blattschwanzgecko auf der Insel Nosy Mangabe an der Nordostküste Madagaskars

Foto: Ardea / imago images

Die Ergebnisse bestätigen den britischen Ökonomen Partha Dasgupta, der kürzlich in einem Report forderte, den Wert der natürlichen Vielfalt in den Mittelpunkt globalen Wirtschaftens zu stellen. Zentral dafür ist die Bepreisung von Kohlenstoffsenken. Intakte Ökosysteme haben eine Klima regulierende Wirkung, die über sogenannte Carbon Credits entlohnt werden könnte.

Doch derzeit versäumen es zum Beispiel die EU-Agrarminister erneut, solche Grundsätze in der anstehenden Neuordnung der EU-Landwirtschaftspolitik zu berücksichtigen. Die Nachhaltigkeitsökonomin Maja Göpel vom Hamburger Thinktank The New Institute  hat es auf einer Veranstaltung der »Scientists for Future « so gesagt : Angesichts der »Irreversibilität« von Naturzerstörung sei die Zeit eigentlich vorbei, »wo man da­rüber reden muss, ob Ökologie etwas kosten darf«. Zu befürchten seien »komplett veränderte Le­bensgrundlagen für die nächsten Generationen«.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Philip Bethge

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Ein Königreich für einen Impfstoff: Unser Korrespondent Jörg Schindler erklärt, wie Großbritannien den Weg aus der Coronakrise findet.

  • So nehmen Sie beim Joggen am meisten ab. Ein Physiologe erklärt im Interview, warum Sport am Morgen und ohne Frühstück das Fett besonders gut verbrennen kann.

  • In der Antarktis ist ein riesiger Eisberg abgebrochen. Mein Kollege Christoph Seidler hat mit der Besatzung der »Polarstern« gesprochen, die zufällig in der Nähe war. Sein Bericht ist lesenswert, die Fotos sind spektakulär.

  • In den Alpen macht der Klimawandel den Schnee allmählich zu einer Mangelware. Noch in den Siebzigerjahren war eine Skisaison bis zu 34 Tage länger.

Quiz*

1. Wie viele Nationalparks gibt es in Deutschland? 4, 16 oder 30?

2. Wo ist die Einrichtung eines Nationalparks am Widerstand der Bevölkerung gescheitert? Bayerischer Wald, Harz oder Siebengebirge?

3. Wie viel Prozent der terrestrischen Fläche Deutschlands sind als Nationalpark ausgewiesen? 0,6 Prozent, 1,7 Prozent oder fünf Prozent?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

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David Jenkins / Caters News Agency

Gähnen steckt an – auch bei Löwen, wie Forscher im Fachblatt »Animal Behaviour« berichten. Sie hatten zwei Rudel in Südafrika rund um die Uhr gefilmt und festgestellt: Insbesondere wenn die Tiere entspannten, ging das ansteckende Gähnen los, am Tag wie in der Nacht. Offenbar wird dadurch die Motorik der Tiere ­synchronisiert. Die zwei kleinen Löwen, die um die Wette gähnen, wurden in Simbabwe fotografiert.

Fußnote

706 Menschen sind 2020 in Deutschland an der Früh­sommer-Meningoenzephalitis (FSME) erkrankt; der höchste Wert, seit die Erkrankung 2001 meldepflichtig wurde, so die Universität Hohenheim. Das FSME-Virus wird von Zecken übertragen. Die Ur­sache für den Trend ist unklar.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1) 16
2) Siebengebirge
3) 0,6 Prozent