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Bibliotheken Tempel der Bücher

Francois Mitterrand weihte das letzte seiner pharaonenhaften Baumonumente ein - die größte Bibliothek Europas.
aus DER SPIEGEL 14/1995

In der Morgenröte seiner Macht, nach der Eroberung der höchsten Staatsgewalt im Mai 1981, wandelte der Sozialist Francois Mitterrand in düsterer Majestät durch die Gewölbe des Pantheon, der nationalen Totenstätte - eine Rose in der Faust und stumm.

Am Donnerstag letzter Woche, in der Abenddämmerung, schritt er stumm durch das letzte der gewaltigen Monumente, die er sich zum eigenen Nachruhm hat errichten lassen. Der scheidende Staatschef weihte in Paris die neue »Bibliotheque nationale de France« ein, die modernste Bibliothek der Welt.

Architekt Dominique Perrault, 42, der auch das neue Radsportzentrum und die Olympia-Schwimmhalle in Berlin plante, hat dem greisen Elysee-Herrn für 7,8 Milliarden Francs ein Bauwerk der Superlative aus Stein, Holz, Beton und Glas ans linke Seine-Ufer gesetzt.

Auf 7,5 Hektar, gegenüber dem ebenfalls von Mitterrand in Auftrag gegebenen Betonkomplex aus Finanzministerium und der Vielzweckhalle von Bercy, ragen nun vier jeweils 78 Meter hohe Wolkenkratzer in den Pariser Himmel. Die Türme, jeder in Form eines aufgeklappten Buches, begrenzen einen 1200 Quadratmeter großen Innenhof, der mit 40 Jahre alten Pinien bepflanzt ist.

Das im Volksmund TGB genannte Ensemble - das Kürzel stammt von Mitterrands früher Vision einer »tres grande bibliotheque« - soll auf seinen 430 Regalkilometern elf Millionen Bücher vor allem aus der alten Staatsbibliothek an der Rue Richelieu aufnehmen.

Jedes Jahr wird die Sammlung um 93 000 Bände erweitert. Die von 2700 Beschäftigten betriebene Bibliothek wird über die modernsten elektronischen Hilfsmittel verfügen. Die bis zu 120 Meter langen Lesesäle mit insgesamt 3592 Plätzen (davon mehr als die Hälfte für Wissenschaftler), dazu Konferenzsäle, ein Auditorium und ein Restaurant sollen pro Jahr 3,6 Millionen Nutzern offenstehen.

Obwohl Mitterrands Info-Metropolis innen noch kahl ist und frühestens Ende des nächsten Jahres betriebsfertig sein wird, hatte es der 78jährige mit der Einweihung eilig. Er ist auf den Tod krebskrank, und am 7. Mai wählt Frankreich einen neuen Staatschef. Das wird mit Sicherheit ein Gaullist sein - der Pariser Bürgermeister Jacques Chirac oder Premier Edouard Balladur -, und weder dem einen noch dem anderen Rechten wollte der stolze Linke den historischen Akt der Weihe dieses »Tempels der Tempel« des Mitterrandismus (das Boulevardblatt Le Parisien) überlassen.

Was die Errichtung kolossaler Bauwerke angeht, so kann es der Sozialistenkönig Francois nach 14 Jahren im Elysee-Palast mit jedem Pharao aufnehmen.

Eine kongeniale Pyramide aus Stahl und Glas, entworfen von dem Amerikaner Ieoh Ming Pei, ziert den Innenhof des Louvre. In der Verlängerung der Achse Champs-Elysees-Arc de Triomphe entstand unter Mitterrands Regentschaft die gewaltige Arche de la Defense. An die Place de la Bastille ließ der Wahlmonarch das wuchtige Beton-Opernhaus klotzen. Er weihte das von ihm initiierte neue Institut der arabischen Welt ein, und auf dem ehemaligen Schlachthofgelände La Villette im Nordosten von Paris wurde Anfang dieses Jahres die Cite de la Musique eröffnet.

Wenn es ums Prestige ging, war dem Sozialisten kein öffentliches Opfer zu groß: Mit rund 30 Milliarden verbauten Francs trug Mitterrand sein Scherflein zu der Staatsverschuldung von etwa 3100 Milliarden Francs bei.

Kritiker ärgert der angeblich unnötige »Gigantismus« (Le Monde) des von Mitterrand geförderten Bücher-Babel. Experten mäkeln, das Zentrum sei nicht funktionell konzipiert. Und die Ökologen schäumen, weil hektarweise seltene Ipe-Hölzer aus dem Amazonasgebiet und aus Afrika als Furniere und Fußböden verlegt wurden.

Literaturfreund Mitterrand, Ernst-Jünger-Verehrer und Autor so feinsinniger Bücher wie »Die Biene und der Architekt« oder »Spreu und Weizen«, blickt in fernere Horizonte - wie es seine Art ist. Er hofft mit vielen besorgten Frankophilen, daß die Mammutbücherei der französischen Sprache und Literatur neuen Auftrieb geben möge.

Beide haben es nötig; Verfallserscheinungen häufen sich. Mit Strafandrohungen von einem halben Jahr Gefängnis und Geldbußen bis 20 000 Francs suchte die Regierung voriges Jahr - ein Armutszeugnis - die einst weltbeherrschende Kultursprache Französisch gegen die Unterwanderung durch Anglizismen abzuschotten (der »walkman« wurde zum »balladeur"). Die Verleihung des Literaturpreises Prix Goncourt, von der Nation einst wie das Auskugeln der Lottozahlen mit angehaltenem Atem verfolgt, interessiert nur mehr die Branche. Und die Orthographie befindet sich, wie das Linksmagazin Le Nouvel Observateur nach Auswertung von Abitur-Aufsätzen feststellte, »im freien Fall«.

Zu Ehren von Mitterrands Super-Bücherei wurde der vorgelagerte Abschnitt des Seine-Boulevards »Quai Francois Mauriac« getauft. Ein Augenzwinkern des Pariser Rathauses: Der 1970 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Mauriac hat das populärste Zitat über den Bücherfreund hinterlassen. Mitterrand, hieß es da, sei »eine Gestalt wie aus einem Roman«. Y

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