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SCIENCE-FICTION Teufelchen im Anflug

Forscher warnen vor Schwärmen winziger Roboter, die sich wild vermehren und den Erdball kahl fressen - Zeit für einen neuen Thriller von Bestsellerautor Michael Crichton.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Wüste, nachts. Eine leblose Hand schleift ruckelnd über den Sand. Nach und nach erscheint eine ganze Leiche im fahlen Licht. Wie eine Raupe scheint sie zu kriechen. In Wahrheit ist der Boden bedeckt von Millionen aberwinziger Roboter, die den toten Körper zu ihrem Bau schleppen. Dort wird er an die Nachkommen verfüttert.

Für eifrige Zeitungsleser ist das nichts Neues. Sie sind längst gefasst auf solche Szenen, wie sie der US-Autor Michael Crichton in seinem jüngsten Buch ausmalt*.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor mikrobischen Robotern, kaum staubkorngroß, die eines Tages außer Kontrolle geraten könnten. Dann zerknabbern diese Teufelchen womöglich alles, was lebt, bis sie die Welt in einen Sumpf von grauer Schmiere - »gray goo« - verwandelt haben. Manche Apokalyptiker rufen bereits nach dem Gesetzgeber, damit er der Forschung Einhalt gebiete. Ungeheures, so sagen sie, reife heran in den Laboren.

Es geht um die Nano-Technik. Der Name steht für neue Methoden, winzig kleine Dinge aufzubauen - im Extremfall aus einzelnen Atomen oder Molekülen. Forscher träumen davon, neue Stoffe und wundertätige Maschinen aus dem Baukasten der

Natur zu montieren. Von künstlichen Chir-

urgen ist die Rede, die im Körper herumsausen und kranke Zellen reparieren.

Dagegen wirkt Crichtons Thriller noch fast dokumentarisch. Er begnügt sich mit Schwärmen fliegender Spionage-Kameras, die aus dem Labor entweichen. Allerdings lernen sie im Freiland rasch gefährliche Fertigkeiten. Und sie fangen an, ihresgleichen zu bauen. So werden es immer mehr.

Michael Crichton ist Spezialist für unbehagliche Spitzentechnik, die sich gegen ihre Schöpfer wendet. In seinem Buch »Jurassic Park« (1990) ließen Forscher die Saurier aus konserviertem Erbgut wieder auferstehen. Und nun, in »Beute«, erörtert Crichton den Bau von Roboterschwärmen, die sich selbst vermehren.

Der Autor macht sich die Sache nicht leicht. Für seine Roboter hat er die ganze Fabrikationskette entworfen. Künstliche Moleküle kommen zum Einsatz und technisch optimierte Darmbakterien. Die Leser bekommen alles genau erklärt.

In Crichtons Science-Fiction waltet der Geist des Sachbuchs und der kühlen Prognose. So gelingt dem Mann ein Bestseller nach dem anderen. Gesamtauflage: weit über 100 Millionen.

In Wahrheit ist die Zukunft der NanoTechnik sehr unklar. Zu ihren Segnungen, so weit absehbar, gehören eher nützliche Dinge wie selbstreinigendes Fensterglas oder Computerchips, die mit bloßem Auge kaum noch zu erspähen sind. Ferner superharte Werkstoffe, leichter als Gips. Oder auch winzige Kügelchen, in denen sich Medikamente direkt zum Einsatzort im Körper schleusen lassen - alles nicht sonderlich diabolisch.

Wie kommt es dann, dass die NanoTechnik solchen Aufruhr macht? Im Frühjahr 2000 brachte der US-Programmierer Bill Joy eine weltweite Debatte in Gang. Er warnte vor dem Untergang der Biosphäre durch nimmersatte »Nanobots«, die sich unaufhaltsam vermehren und alles Leben vernichten. Seither gruseln sich die Medien um die Wette vor den fortpflanzungsfähigen Zwergen.

Es kommt offenbar auf die Größe an. Niemanden hätte eine Weissagung verängstigt, wonach die Autos sich bald mit den Benzinzapfsäulen paaren, um überlegene Wesen zu zeugen, denen nie mehr der Sprit ausgeht. Von den sichtbaren Dingen erwartet das Publikum keine rechten Wunder mehr.

So machen die ungeschlachten Roboter, die es schon gibt, ihrem Geschlecht bislang wenig Ehre. Selbst die Konstrukteure wagen kaum noch vorauszusagen, wann so eine Maschine mal heil über eine Straßenkreuzung käme. Es ist schwer genug, auch nur eine Blechschlange zu bauen, die unfallfrei durch Abwasserkanäle rasselt und die Rohre inspiziert. Aber winzige Menschenfresser oder Mini-U-Boote, die in den Strudeln des Blutkreislaufs chirurgische Meisterleistungen an lebenden Zellen vollbringen, gelten als Technik von morgen. Den unsichtbaren Dingen, so scheint es, ist einfach alles möglich.

Für einen Autor wie Crichton ist der neue Wunderglaube eine Gelegenheit, die nicht alle Tage kommt. Er kann sich frei aus den Forscherphantasien bedienen, die in den Medien als bare Münze kursieren. Dem Publikum beschert das einen Thriller neuen Typs: Dieser Roman malt die unwahrscheinlichsten Schreckensgemälde - und er kommt doch grundsolide daher wie ein Dossier für Technikfolgenabschätzung.

Die schönste Stelle im Buch findet sich auf halber Strecke. Die Forscher haben da bereits Hunderte Millionen Dollar verheizt für ihre winzigen Helikopterschwärme, die über Feindesgebiet spionieren sollen. Nun aber zeigt sich: Im Freiland gibt es Probleme. Jeder Windstoß bläst die teure Wolke davon. Offenbar hatte niemand bedacht, was das Los allen Staubes ist.

Und das Malheur ist nicht einmal erfunden. »Schlauer Staub«, der über Schlachtfeldern wabert, gehört seit Jahren zu den beliebtesten Projekten der Nano-Pioniere - eine Vision, die erkennbar der Windstille eines Forscherstübchens entstammt.

Im Roman weiß der Autor Crichton einen Ausweg: Die fliegenden Winzlinge pflanzen sich einfach nur schnell genug fort. Sie bauen unentwegt ihresgleichen - mit jeweils leichten Mutationen in der Steuersoftware. Unter den Millionen von Nachfahren überleben dann nur die besten. So kommt eine künstliche Evolution in Gang. Und wahrhaftig, bald finden die ersten Generationen der Schwarmgeister durch Zufall ein Mittel gegen den Wind.

Diese Methode ist auch in der heutigen Forschung sehr populär. Fachleute sprechen von »genetischen Algorithmen«. Sowohl dem Thriller als auch dem Forscher eröffnet das Zauberwort neue Möglichkeiten: Nun geht selbst eine Erfindung, die ganz unsinnig ist, als Vision durch. Denn sie wird ja von selber besser. Der Evolution wird schon etwas einfallen.

Tatsächlich hat die Evolution bereits winzige Fressmaschinen hervorgebracht, die sich so wild vermehren wie die Nanobots. Einige Arten haben zum Beispiel schon die Mundhöhlen der Menschheit erobert. Dort wimmelt es von Amöben und Einzellern mit ingeniösem Geißelantrieb, und unentwegt wird »gray goo« aus Speiseresten gemacht.

Zweifellos streben die Winzlinge, wie jede Lebensform, die Weltherrschaft an. Aber das ist nicht so leicht. Das Leben in freier Natur ist allzu rau und widrig - selbst für diese Wimmelwesen, die doch Wunderwerke sind verglichen mit allem, was heute mechanisch herstellbar scheint.

»Eine meiner großen Sorgen ist, dass wir uns mit übertriebenen Versprechungen selbst schaden«, sagt der US-Chemiker George Whitesides, selbst ein Pionier der Nano-Technik. Noch streiten die Experten, ob die winzigen Nano-Roboter überhaupt jemals gebaut werden können. Klitzekleine Monteure, genannt »Assembler«, müssten die Roboter aus Millionen von Atomen zusammensetzen - und zwar mit Greifern, die selbst nur wenige Atome dick sind. Atome aber sind quirlig, und sie neigen dazu, sich aneinander zu heften. Der Greifer müsste also, um das gewünschte Atom einzubauen, alle anderen in der Umgebung festhalten. Das ist schier unmöglich. Zudem wird der Greifer die Atome so leicht nicht wieder los - sie bleiben auch an seinen »Fingern« gern kleben.

Das ist das Problem der »dicken« und der »klebrigen Finger«, wie es der Chemie-Nobelpreisträger Richard Smalley nennt. Er gehört zur pessimistischen Fraktion. Mechanische Nanobots, die sich vermehren, sagt er, »kann es in unserer Welt einfach nicht geben«.

Experten wie Smalley halten das Wort vom »Assembler«, der Atome zusammenstöpselt wie Lego-Steine, eher für eine ansteckende Metapher. Sie hat mit der Zeit ein wunderliches Eigenleben gewonnen, und man wird sie nicht mehr los. Ähnliches geschah mit dem »Schlauen Staub«, bestehend aus winzigen Chips in Pulverform. Seit der Begriff in der Welt ist, scheint es überall zu jucken: Selbst in Kinderwindeln sehen Nano-Forscher schon Bedarf für vorwitziges Pulver, das eines Tages Pulsschlag und Atmung der Babys überwachen soll.

So kommt es, dass viele Forschungsziele der Nano-Technik sich anhören, als seien Dichter am Werk gewesen. Der Schriftsteller Crichton wiederum flankiert seine Buchpremiere mit einem Zeitungsessay, in dem er den Ton des besorgten Privatgelehrten anschlägt.

Einerseits schwärmt Crichton von Nanobots, die als wandernde Klempner in den Mundhöhlen die Zähne in Ordnung halten, und von Nano-Wolken, die sich zu Häusern gruppieren (deren Bewohner können dann auf Wunsch durch die Wände spazieren). Umso genüsslicher aber malt der Autor die Gefahren aus, die mit all diesen Helferlein einhergehen.

»Die meisten Experten«, fabuliert Crichton, rechnen schon binnen zehn Jahren mit Maschinen, die sich fortpflanzen - höchste Zeit also für Gegenmaßnahmen. Die »Frankfurter Allgemeine« hat diesen Aufsatz bereits eilfertig nachgedruckt.

So beginnt nun, wie es scheint, das Zeitalter des großen Wissenschafts-Thrillers, an dem alle mitschreiben: Schriftsteller, Forscher und Journalisten. Entsprechend laut geht es zu. Das freilich könnte die gemeinsame Sache am Ende noch verderben. Das Publikum ist leicht zu erschöpfen. Wie lange wird es die Nano-Welle noch mitmachen, wenn auch nächstes Jahr keine U-Boote durch die Venen schnurren?

Crichtons Verlag hat wohlweislich die Buchpremiere als mediales Feuerwerk organisiert: In den USA ist der Autor gerade auf Städtetour, zwischendurch tritt er in den wichtigsten Talkshows auf, und bis Mitte Dezember hagelt es Reklame in Presse und Fernsehen.

30 Millionen Dollar hat der Verlag an Crichton für dieses und das nächste Werk überwiesen. Da gilt es, die gewaltige Startauflage (zwei Millionen allein für die englischsprachige Ausgabe) möglichst noch im Weihnachtsgeschäft umzuschlagen.

Solch ein Aufwand wird sonst nur bei der Premiere eines teuren Kino-Spektakels getrieben - wenn der Film sein Geld rasch einspielen soll, bevor sich herumspricht, was er zu bieten hat.

Dabei ist das Buch wirklich spannend.

MANFRED DWORSCHAK

* Michael Crichton: »Beute«. Karl Blessing Verlag, München;448 Seiten; 24 Euro.

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