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FORSCHUNG Tiefer Einblick

Wo soll das tiefste Loch der Erde gebohrt werden - in Baden-Württemberg oder Bayern? Die Politiker streiten sich, die Geologen erhoffen sich Aufschluß über den Aufbau der Erdkruste. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber empfing fast gleichlautende dringliche Post aus Stuttgart und aus dem nordbayrischen Tirschenreuth.

CDU-Ministerpräsident Lothar Späth beschwor den Parteifreund, er müsse dafür sorgen, daß der badische Schwarzwald »der endgültige Standort für die kontinentale Tiefbohrung der Bundesrepublik Deutschland« werde.

Das gleiche Anliegen trug CSU-Landrat Franz Weigl dem Forschungsminister aus bayrischer Sicht vor: Der Oberpfälzer Wald sei die ideale Stätte für das Bundes-Bohrprogramm. Bayerns Regierungschef Franz Josef Strauß unterstütze Weigl dabei »mit allem Nachdruck«.

Späth und Strauß wetteifern darum, daß jeweils in den Boden ihres Bundeslandes das tiefste Loch des ganzen Erdballs getrieben werden soll. Aber nur eine westdeutsche Gemeinde, entweder der Schwarzwald-Ort Haslach im Ortenaukreis oder das bayrische Erbendorf, kann den Ruhm erwerben, zum »Mekka der Geowissenschaftler« für die ganze Welt zu werden, wie der Leiter des Geophysikalischen Instituts der Universität Karlsruhe, Professor Helmut Wilhelm, prophezeit.

Was Minister Riesenhuber selbst eine »große Herausforderung an die gesamte geowissenschaftliche Forschung« nennt, ist das von seinem Ressort mit 500 Millionen Mark veranschlagte »Kontinentale Tiefbohrprogramm« (KTB).

Unter der Leitung des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenkunde wollen Geologen von 1988 an bundesdeutschen Boden bis zu einer Tiefe von etwa 14 Kilometern anbohren. In sechs bis sieben Jahren soll für gut 35 000 Mark pro Meter ein Superloch vorgetrieben werden, von dem sich Erdwissenschaftler und Industrie Nutzen versprechen. *___Geologen und Geophysiker erhoffen sich einen tiefen ____Einblick in die Anatomie der Erdkruste: ihr Aufbau, ____aber auch die physikalischen und chemischen Prozesse, ____die im Schuppenpanzer der Erde ablaufen, sollen ____erforscht, Erkenntnisse über die Entstehung von ____Erzlagerstätten und die Ursachen von Vulkanausbrüchen ____gewonnen werden. *___Deutsche Firmen sehen in dem Vorhaben eine einzigartige ____Chance, Spitzentechnologie auf dem Gebiet der ____Bohrtechnik zu entwickeln. Denn mit Bohrgerät wie es ____etwa in der Öl-Exploration üblich ist, läßt sich der ____extreme Tiefenanstich - gerechnet wird mit Temperaturen ____von über 250 Grad Celsius sowie Drücken von mehr als ____drei Tonnen pro Quadratzentimeter - nicht mehr ____bewerkstelligen.

Bereits 1981 hatte die Senatskommission für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Studie für mögliche Tiefbohrungen vorgelegt.

In über vierjähriger Arbeit wählten rund 200 Wissenschaftler aus mehr als 40 Bohr-Standorten den Schwarzwald und den Oberpfälzer Wald aus: Dort erwarten die Geologen schon in 10 bis 15 Kilometern Tiefe Bedingungen, die anderswo erst in weit größeren, vorerst unerreichbaren Tiefen anzutreffen sind.

Das hat seinen Grund darin, daß die Bohrplätze im Süddeutschen im Zentrum einer geologischen Knautschzone liegen: Seit 600 Millionen Jahren drängen Kontinente gegen Europa - Nordamerika und Grönland schieben mit Urgewalt gegen die Westküste Europas, von Süden her verbeult die afrikanische Kontinentalplatte die vergleichsweise kleine Euro-Scholle, und im Osten wird Europa gleichsam von einem gigantischen Prellbock, der asiatischen Platte, am Ausweichen gehindert. Von diesem »mitteleuropäischen _(Links: Geowissenschaftliche ) _(Erkundungsbohrung im Schwarzwald; ) _(rechts: Bewegungsbad in Badenweiler. )

Spannungsfeld« versprechen sich Geologen und Geophysiker daher einen einzigartigen Einblick in die Natur der festen, etwa 30 Kilometer starken Erdkruste sowie jener Urkäfte, die Kontinente gleich Schollen auf dem zähflüssigen Erdmantel bewegen. Nirgendwo sonst auf der Erde hinterlassen die geologischen Kräfte ihre Spuren auf so engem Raum wie in Mitteleuropa: Neben eng verfalteten Mittelgebirgen finden sich tiefe, steil abgesunkene Gräben wie der Oberrheingraben sowie die großräumigen Senkungsgebiete Norddeutschlands.

Der Anstich vielfältig verformter Scholle in Süddeutschland gewinnt für Erdwissenschaftler noch dadurch an Bedeutung, daß die bislang einzig vergleichbare Tiefbohrung im äußersten Norden der asiatischen Platte niedergebracht wurde: Sowjetische Ingenieure und Geologen erbohrten auf der Kola-Halbinsel im Eismeer eine Tiefe von über 12 000 Metern.

Das Russen-Loch, mit technischer Finesse und herkömmlichem Bohrwerk niedergebracht, durchstach 1,4 Milliarden Jahre der auf vier Milliarden Jahre Alter geschätzten Erdkruste. Und obwohl der Anstich in ruhiger, sehr alter kontinentaler Scholle erfolgte, erbrachte er überraschende Resultate: Aus Tiefen zwischen fünf und neun Kilometern förderten die Bohrköpfe zerklüftetes Gestein, freies Wasser und Gase - womit kein Geologe gerechnet hatte.

Die Kola-Bohrung diskreditierte ein Verfahren, von dem die Geologen bislang annahmen, es würde auch ohne langwieriges Bohren Aufschluß über die Erdkruste geben: die Aufzeichnungen und Auswertung künstlich ausgelöster Erdbeben. Seismische Messungen etwa hatten in neun Kilometern Tiefe den Sprung von Granit zu Basalt angezeigt - die Meißel erbohrten dort einen Übergang von brüchigem zu Granit normaler Dichte.

Damit gewinnt die deutsche Bohrung - 1986 soll endgültig über den Bohrplatz entschieden werden - gleichsam den Charakter einer »Kalibrierbohrung": Der Wert seismischer Daten kann dann an den tatsächlich erbohrten Verhältnissen gemessen werden.

Im Wettstreit »um das tiefste Loch der Welt« sei der Schwarzwald »jetzt leicht im Vorteil«, meldete Ende letzten Monats die Haslacher Lokalpresse. Mehrere Monate lang wurde ein flächendeckendes seismographisches Detailbild des Gebiets erstellt, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden. Mit Vibratoren einer auf Erdölprospektion spezialisierten Firma wurden je eine halbe Minute lang Schallwellen bis dreißig Kilometer ins Erdinnere geschickt; zwölf Sekunden nach einem derartigen Mini-Erdbeben kam das Echo über einige hundert hochempfindlicher Geophone zum Empfangsgerät zurück.

Außerdem wurden schon drei Probebohrungen im Raum Hornberg, Haslach,

Hausach niedergebracht, eine vierte, im Glottertal, wird derzeit vorbereitet. Aber auch bei Erbendorf im bayrischen Kreis Tirschenreuth sollen noch in diesem Jahr Seismometer und Bohrproben Aufschluß über die Eignung des Areals geben.

Sollte das Superloch im Schwarzwald gebohrt werden, dann erwarten die Wissenschaftler auch Klarheit über das Auseinanderdriften des Rheintalgrabens und über ein durch das Vorrücken der Alpen nach Norden verursachtes riesiges Spannungsfeld im Untergrund, das wahrscheinlich auch die Energie für das lebhafte Erdbebengebiet unter der Schwäbischen Alb liefert.

Ebenso könnten Ursprung und Beschaffenheit jener Flüssigkeiten und Gase erforscht werden, aus denen beispielsweise die Heilquellen von Badenweiler, Baden-Baden und Bad Peterstal gespeist werden. Die Haslacher jedenfalls erhoffen sich die Erschließung neuer Thermalquellen durch das KTB und spekulieren auf die werbeträchtige Titulierung »Bad«.

In der Oberpfalz andererseits könnten gewaltige Krustenbrüche im Erdinnern angebohrt werden, die in Mitteleuropa von Nordwest nach Südost verlaufen - nach Geologen-Meinung eine »Schweißnaht« der Erde, an der in der Vorzeit zwei Kontinente zusammenstießen, die vermutlich einen Ozean noch unbekannter Ausdehnung einfach zudeckten.

Aber das tiefste Loch der Erde, so das Kalkül von Hoteliers und Gastronomen im Schwarzwald und in der Oberpfalz, könnte auch Ströme von Touristen anlocken, die einen Blick ins Erdinnere werfen möchten.

Soweit Neugierige überhaupt in die Nähe des Bohrlochs gelangen, könnten sie enttäuscht sein: Die Öffnung wird am oberen Rand einen Durchmesser von nur siebzig bis achtzig und am tiefsten Punkt von nur noch zwanzig Zentimetern aufweisen.

[Grafiktext]

Würzburg Erbendorf Nürnberg Karlsruhe Stuttgart BADEN-Haslach WÜRTTEM BERG Freiburg mögliche Standorte der Tiefbohrungen Augsburg Regensburg BAYERN München

[GrafiktextEnde]

Links: Geowissenschaftliche Erkundungsbohrung im Schwarzwald;rechts: Bewegungsbad in Badenweiler.

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