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Tiere Tod im Paradies

Die Südseeinsel Guam hat keine Vögel mehr. Als Schuldige wurde eine Schlangenart ermittelt, die nun auch Hawaiis Vögel bedroht.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Das Eiland ist wie aus Träumen geboren. Tintenblau leuchten jenseits umschäumter Korallenriffe die Fluten des Stillen Ozeans, türkis schillert das Wasser der Lagunen. Sanft geschwungene Badebuchten mit weißen Stränden dehnen sich schier endlos vor der üppigen Flora tropischer Wälder. Aber da fehlt was.

Aus Baumwipfeln und Dickicht tönt kein Zwitschern, Krähen oder Krächzen. Auf der Marianen-Insel Guam, einst Paradies einer bunten Vielfalt gefiederter Wesen, gibt es keine Vögel mehr.

Ein schleichendes Übel, dessen Walten von den Fachleuten schon Anfang der sechziger Jahre bemerkt, dessen Ursache aber nicht erkannt wurde, hat Guams gesamte Vogelpopulation binnen kaum vier Jahrzehnten dahingerafft oder vertrieben. Nicht mal ein erschöpfter Seevogel wagt mehr auf Guam zu rasten - dort lauert der Tod.

Ganz anders auf der nur rund 80 Kilometer entfernten Nachbarinsel Rota: Dort können Vögel aller Arten unbehelligt ihren Interessen nachgehen. »Es ist, als würde ein Schalter angeknipst«, beschrieb der amerikanische Ökologieprofessor Stuart Pimm das Kontrastprogramm zwischen dem Schweigen von Guam und dem fröhlichen Gezwitscher, das der Rota-Besucher schon beim Verlassen des Flugzeugs vernimmt.

Pimm hatte das Inselgebiet aufgesucht, um in Zusammenarbeit mit örtlichen Ökologen die Ursachen des rätselhaften Vogelsterbens von Guam zu ergründen. Die Bio-Experten ermittelten, wie der Amerikaner nun in dem US-Wissenschaftsmagazin The Sciences darlegte, daß Guams Vögel samt und sonders im Schlaf überfallen, durch Gift getötet und verzehrt wurden.

Die Bluttaten, die sich über Jahrzehnte hinzogen, gingen auf das Konto einer auf Vogelmord spezialisierten Schlangenart. Der auf Guam von jeher unbekannte räuberische Schuppenwurm, genannt Pazifische Nachtbaumnatter, gehört zu den Trugnattern. Ob Boden-, Baum- oder Höhlenbrüter - die bis zu drei Meter lange Schlange griff sich ihre bevorzugten Beutetiere in allen Lebenslagen. Ungeklärt blieb nur, wann und auf welche Weise das Reptil auf die Insel gelangte.

»Nach jahrelangem Meinungsstreit«, befand Pimm, »einigten sich die Ökologen darauf, daß der Untergang der Vögel von Guam schon gleich nach dem Zweiten Weltkrieg begann.«

Während der erbitterten Kämpfe um das hügelige Eiland, die Tausende japanische und amerikanische Soldaten das Leben kosteten, mogelten sich vermutlich die ersten Exemplare der Baumschlangen an Land, als blinde Passagiere versteckt in militärischen Nachschubgütern.

Da sie auf Guam keinerlei natürlichen Feind vorfanden, so folgerten die Wissenschaftler, konnten sich die züngelnden Invasoren in aller Heimlichkeit ungezügelt vermehren und ihr böses Werk verrichten.

Selten nur ging es gut aus, wenn der Mensch, absichtlich oder per Zufall, in das natürliche Artengefüge eingriff. Günstig fügte sich beispielsweise die Verpflanzung des Fasans aus Asien nach Mitteleuropa, von wo aus die Römer ihn bei den Engländern ansiedelten - die Jagd auf den bunten Gesellen bringt Jägersleuten seither soviel Genuß wie sein Verzehr.

Verheerend dagegen wirkte sich aus, als vor Jahrhunderten mit den Seefahrern auch die Schiffsratten den Weg nach Mauritius fanden. Dort (und nur dort) lebten seit Urzeiten die Dronten, plumpe, flugunfähige und offenbar auch reichlich einfältige Laufvögel, die bis dahin keine Feinde gekannt hatten. Mit dumpfem Gleichmut sahen sie zu, wie die zugewanderten Säugetiere ihnen die Eier raubten - der Artentod nahte im Geschwindschritt.

Mit Besorgnis verfolgen die Ökologen denn auch ein neuzeitliches Experiment, das offenbar außer Kontrolle geriet: Afrikanische Bienen, die wegen ihres außergewöhnlichen Sammlerfleißes nach Brasilien umgesiedelt wurden, um dort die Honigernte zu verbessern, befinden sich mittlerweile im Anflug auf die USA. Unterwegs verbreiten die Immigranten Furcht und Schrecken unter Majas Verwandtschaft, weil sie andere Bienenarten gnadenlos überwältigen und auslöschen.

Auf Guam, wo gleichfalls mehrere Vogelarten ausstarben, tippten die Experten bei ihrem Herumrätseln über den Vogeltod zunächst auf Pestizide, sodann auf eine eingeschleppte Vogelseuche, auf Katzen oder Ratten. Andere vermuteten, die Gefiederten hätten untereinander tödliche Verteilungskämpfe ums Futter entfesselt.

Pestizide wurden aus der Verdachtsliste getilgt, als sich herausstellte, daß auch Seeschwalben verschwanden, Tierarten also, die sich nur von Fischen und anderem Seegetier ernähren.

Die Schlangen brachten die Ökologen schließlich selbst auf die richtige Fährte: Mal fanden sich morgens vollgefressene braune Baumschlangen schlafend in geplünderten Hühnerställen, mal hingen ihre verkokelten Reste wie riesige Schnürsenkel an der Spitze von Strommasten, wo die Missetäter Beute vermutet und per Stromschlag ihr Ende gefunden hatten. (Auch mancher Blackout durch Stromausfall fand damit eine Erklärung.)

Die Mörder blieben so lange unentdeckt, weil sie nur nachts jagten, wenn die von ihnen so geschätzten Vögel ruhten und fluchtunfähig waren. Dabei griffen sich die Schlangen, wie nach einem teuflischen Konzept verfahrend, meist zuerst die Muttervögel, Küken und Eier ihrer Beutetiere.

Später ließ sich genau rekonstruieren, daß die Vögel unter dem Druck ihrer heimtückischen Verfolger über die Jahre ein Waldstück nach dem anderen preisgaben. Ihr Rückzug vollzog sich von Süden nach Norden, bis die Schlangen die ganze Insel unter Kontrolle hatten.

Kastenfallen, aufgestellt in vogelfreien Gebieten und bestückt mit lebenden Hühnchen als Köder, erbrachten die letzten Beweise: Mit den Hühnern im Leib paßten die Schlangen nicht mehr durch die Schlupflöcher der Fangkästen. Als alle Vögel verschwunden waren, stellten die Räuber ihre Ernährung notgedrungen um und fraßen statt ihrer gefiederten Lieblingsspeise nun Kleinsäuger und Eidechsen.

Aber etliche Exemplare der ursprünglich auf Neuguinea und in Nordaustralien beheimateten Schlangen fanden einen anderen Ausweg: Sie emigrierten. Zum Schrecken der Vogelkundler schicken sich die braunen Räuber nunmehr an, Hawaii zu erobern. Als Reisemittel wählten die Tiere diesmal das Flugzeug, in dessen Laderäumen und Fahrwerkschächten sie sich verbargen.

Nach Ansicht örtlicher Experten sind die Chancen der Baumschlangen diesmal jedoch nicht so gut wie auf Guam, weil Hawaii von einem mutigen und wendigen Schlangenfeind verteidigt wird: dem Indischen Mungo, einem marderähnlichen Wesen mit scharfen Zähnen. Er war einst dort ausgesetzt worden, um der Rattenplage Herr zu werden.

Die gegensätzliche Lebensweise der Kontrahenten, so hoffen Ökologen, gereicht der nachtaktiven Schlange gegen den nur bei Tage jagenden Mungo wahrscheinlich zum Nachteil.

Anders als auf Guam seien nun die Schlangen die Gejagten: Der Mungo könne die tagsüber pennenden Schlangen in ihren Schlupfwinkeln überraschen. Y

Die Schlangen kamen im Laderaum von Flugzeugen an

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