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LUFTFAHRT Tod im Taifun

Sekunden nach dem Start zerschellte ein Jumbo der Singapore-Airlines in einem Feuerball. Der Pilot startete offenbar von der falschen Bahn.
Von Ulrich Jaeger
aus DER SPIEGEL 45/2000

Foong Chee Kong, Kapitän von Singapore-Airlines-Flug SQ006, der vom Flughafen der taiwanischen Hauptstadt Taipeh nach Los Angeles startete, muss es wie ein makabres Déjà-vu vorgekommen sein. Er habe einen Gegenstand auf der Rollbahn gesehen und ihm nicht mehr ausweichen können, erklärte der Pilot später. Nur wenige Sekunden danach, sein Boeing- 747-400-Jumbo hatte gerade abgehoben, zerschellte die Maschine am Grund.

Die Aussagen des Kapitäns erinnern an das Concorde-Desaster im Juli auf dem Pariser Flughafen: Damals hatte ein Blech auf der Startbahn einen Reifen des Überschalljets aufgeschlitzt, Teile des explodierenden Pneus durchschlugen einen Treibstofftank, die brennende Air-France-Concorde stürzte auf ein Hotel und explodierte. Keiner der 109 Insassen überlebte das Unglück.

Am Dienstag vergangener Woche, um 23.18 Uhr Ortszeit, ging der Absturz ein wenig glimpflicher ab: Aus dem kerosinschwangeren Jet, der in einem Feuerball zerschellte und in drei Teile barst, konnten sich Dutzende Passagiere und Crew-Mitglieder retten. Dennoch waren von den 179 Menschen an Bord bis Ende der Woche 81 Opfer zu beklagen.

Während die Concorde bei Tageslicht und gutem Wetter abgehoben war, startete der Jumbo bei Nacht, Sturm und peitschendem Regen. Ausläufer des Taifuns »Xangsane«, der wenige Stunden später auf Taiwan verheerende Schäden anrichtete, hatten den Tschiang-Kai-schek-Flughafen erreicht. Trotz des aufziehenden Wirbelsturms seien die Witterungsbedingungen, behauptete die Luftverkehrsbehörde von Taipeh, »akzeptabel« gewesen.

Doch die durch den Sturm über den Flughafen getriebenen Regenmassen begrenzten die Sicht auf unter 600 Meter. Nur so scheint erklärbar, dass der Singapore-Airlines-Crew beim Start offenbar ein folgenschwerer Irrtum unterlief. Wie die taiwanische Flugsicherheitsbehörde am Freitag vergangener Woche erklärte, sprächen alle Indizien dafür, dass Kapitän Kong von der falschen Bahn gestartet sei.

Statt wie angewiesen auf die so genannten »05L« zu rollen, bog der Jumbo offenbar auf die wegen Renovierungsarbeiten gesperrte Parallelbahn »05R« ein. Ein solcher Fehler ist für Linienpiloten kaum erklärbar. Gesperrte Startbahnen sind nicht beleuchtet. Kapitän Kong und seiner Crew hätte also auffallen müssen, dass sie auf eine »tote« Bahn rollten. Als sie dennoch zum Start beschleunigten, rammte der Jet, so die Flugsicherheitsbehörde, zwei Schauffellader.

Nur Minuten vor Flug SQ006 war eine andere Passagiermaschine sicher gestartet. Bei einem aufziehenden Taifun heißt das, wie Piloten wissen, aber nicht viel. Heftige Winde, die plötzlich und machtvoll einfallen, können jeder Passagiermaschine zum Verhängnis werden.

Gefährlich, so ein Linienpilot, seien Böen, die ein Flugzeug von der Seite packen. Die maximale »Crosswind-Komponente« (CWC) seiner Maschine ist jedem Flugkapitän vertraut. Sie wird vom Hersteller im »Flight Operations Manual« festgelegt.

Für Verkehrsflugzeuge liegen die maximal zulässigen CWC-Werte bei Seitenwind (von 90 Grad) zwischen rund 33 km/h für kleinere Passagierjets und etwa 45 km/h für Jumbos. In der Unglücksnacht gab es nach Auskunft der örtlichen Flugleitung Böen von bis zu 90 km/h.

Anders als im Flug, wo der Pilot bei starken Seitenwinden die Nase seines Jets in den Wind stellt und so stets eine sichere Fluglage zu halten vermag, sind selbst die schwersten Passagiermaschinen auf der Rollbahn so seitenwindanfällig wie Schwerlaster bei Sturm.

Zum Ausgleich der Windkräfte kann der Pilot beim Start nur das Seitenruder betätigen. Selbst die mächtige, mehr als scheunentorgroße Flosse am Heck eines Jumbos aber versagt, wenn heftige Seitenwinde am Rumpf eines abhebenden Giganten rütteln.

Bei kritischen Windbedingungen entscheidet allein der Kapitän, ob Start oder Landung möglich sind. Flugsicherungsbehörden schließen Flughäfen nur bei extremen Wetterlagen - etwa wenn ein Orkan unmittelbar über einem Airport tobt. Frankfurt zum Beispiel, sagt Flughafensprecher Klaus Busch, sei »in den letzten zehn Jahren nicht einmal wegen Sturms geschlossen worden«.

Berüchtigt für seine tückischen Winde ist der auf einer künstlichen Insel errichtete Flughafen von Hongkong. 1999 hatte eine Windbö einen Jet der China Airlines beim Aufsetzen auf die Bahn seitlich erfasst. Die Maschine schlug hart auf, ein Teil der rechten Tragfläche brach, der Jet überschlug sich und blieb auf dem Rücken liegen. Drei Passagiere starben, 200 der insgesamt 357 Insassen wurden verletzt.

Die Crew war zuvor vor den so genannten Scherwinden gewarnt worden. Doch wiederholt wurden andere Piloten in Hongkong von den tückischen Böen überrascht, ohne dass Flughafen-Meteorologen diese zuvor erkannt hatten. Ab 2001 sollen daher neue technische Einrichtungen Scherwinde erfassen und Starts und Landungen sicherer machen.

Für Piloten, so ein Lufthansa-Kapitän, gibt es bei widrigen Windbedingungen nur eins: Immer von der »ungünstigsten Variante ausgehen« und lieber einen Start oder eine Landung abbrechen - »Angsthasen leben länger«. ULRICH JAEGER

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